Ewigkeit mit Ablauf-Frist - der Wandel in der Bestattungskultur

Frankfurter Hauptfriedhof

© epd-bild/Thomas Rohnke

Gärtnerisch gestaltetes Grabfeld auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Foto vom 25.08.2020). So wie im Frankfurter Hauptfriedhof entwickelt sich der Trend überall: Mehr Urnengräber und mehr Friedhofsfläche, die brach fällt.

Ewigkeit mit Ablauf-Frist - der Wandel in der Bestattungskultur
Pflegeleichte Urnengräber statt Reihengrab: Mit dem Wandel der Bestattungskultur werden Flächen auf städtischen Friedhöfen frei. Wie begegnen Kommunen dem Wandel? Anlässlich des Tages des Friedhofs an diesem Wochenende (19./20.9.): ein Besuch auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Nach der letzten Ruhe kommt die "letzte Erinnerung". Wer über den Frankfurter Hauptfriedhof spaziert, entdeckt viele orangefarbene Aufkleber auf Grabsteinen. Bei solchen Gräbern läuft demnächst die Ruhefrist ab. Melden sich die Angehörigen nicht, wird das Grab geräumt. Heute ist die Ewigkeit oft nicht von Dauer.

Es gibt Gräber auf dem Hauptfriedhof, die eher für die Ewigkeit bestimmt sind als andere - wie jenes des Philosophen und Kant-Schülers Arthur Schopenhauer (gestorben 1860). Der Grabstein ist verwittert, die Inschrift kaum zu erkennen. Ein Wegweiser führt zum Philosophen-Grab.

"Das einzige, das einen Wegweiser hat", sagt Norbert Schlüter, der Zuständige für den Hauptfriedhof beim Frankfurter Grünflächenamt. Niemand kennt den Friedhof besser als er. Zu erkennen ist das Grab aber auch an den Überresten posthumer Verehrung: mehrere runtergebrannte Grablichter, eine einzelne vertrocknete Rose und eine flache Batterie aus den USA - warum die da liegt, weiß aber auch Schlüter nicht.

Wegen der aktuellen Reisebeschränkungen fehlen die asiatischen Touristen, die Schopenhauers Grab vor der Corona-Pandemie regelmäßig aufsuchten. Dafür kommen mehr Familien mit kleinen Kindern auf den Hauptfriedhof, weil die Spielplätze gesperrt waren, sagt Schlüter. Und Fahrradfahrer. Die dürfen eigentlich nicht fahren, sondern nur schieben.

Friedhof als Naherholungsgebiet

Die Friedhofsordnung ist streng, wird aber nicht von allen eingehalten, sagt Schlüter. Manchmal gebe es auch Beschwerden von Angehörigen, die am Grab einen ruhigen Moment verbringen wollen und sich von Laubbläsern gestört fühlen. Wegen der extremen Trockenheit müssen sie mitten im Sommer schon das Laub von Wiese und Wegen wirbeln.

"Die unterschiedlichen Bedürfnisse führen manchmal zu Konflikten", erklärt Thomas Bäder vom Grünflächenamt Frankfurt. Der Friedhof entwickele sich immer mehr auch zu einem Naherholungsgebiet mitten in der Stadt. Grabflächen werden zu Grünflächen - in Zukunft wird sich dieser Trend auch noch verstärken. Denn nicht nur die Zahl der Bestattungen nimmt ab, sondern auch der benötigte Platz für Grabflächen.

Ein klassisches Erdreihengrab wird kaum noch nachgefragt, erklärt Schlüter. Stattdessen entscheiden sich viele für pflegearme Urnengräber. Dafür braucht man aber auch weniger Platz auf dem Friedhof. In den vergangenen fünf Jahren wurden durchschnittlich 1.300 Verstorbene auf dem Hauptfriedhof beigesetzt, darunter 950 in einer Urne und 350 in einem Sarg.

So wie in Frankfurt entwickelt sich der Trend überall: Mehr Urnengräber und mehr Friedhofsfläche, die brach fällt. Das bestätigt die Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas. Der Verband verweist auf eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr. Demnach bevorzugt nur noch ein Viertel der Bundesbürger ein klassisches, persönliche Pflege erforderndes Sarg- oder Urnengrab auf einem Friedhof. 2013 betrug der Anteil 49 Prozent.

"Öko-Feld" mit Staudengarten, Insektenhotel und Bücherschrank

In Frankfurt hat man gleich mehrere Ideen entwickelt, wie man als moderner Friedhof damit umgehen möchte. "Wir verdichten die Friedhofsfläche im Zentrum des Hauptfriedhofs", erklärt Thomas Bäder. Die Randflächen können dann als Park genutzt werden. Es gibt das "Öko-Feld" mit Staudengarten, Insektenhotel und Bücherschrank, der zum Verweilen einlädt. Eine größere Fläche wird demnächst auch dem benachbarten jüdischen Friedhof abgetreten.

Das "Öko-Feld" auf dem Frankfurter Hauptfriedhof mit Staudengarten, Insektenhotel und Bücherschrank, lädt zum Verweilen ein.

Und auch den Interessen von Angehörigen passt man sich an. Voraussichtlich im Herbst wird ein neues Urnenfeld eröffnet, das die Möglichkeit zum Abstellen von Kerzen und Blumen bietet. Denn viele Angehörige wollen dann doch kein schmuckloses Urnengrab, das schlicht in den Rasen eingelassen wird.

Wenn der Baum zum Denkmal wird

Der Frankfurter Hauptfriedhof ist nicht nur letzte Ruhestätte, sondern auch Denkmal, Park und Biotop. Denkmal-, Umweltschutz und Naherholung - alle Funktionen müssen beim modernen Friedhofsmanagement bedacht werden. 1.114 der rund 70.000 Grabstätten stehen unter Denkmalschutz. Für knapp die Hälfte dieser Gräber sucht die Friedhofsverwaltung Paten, die zum Beispiel Steine und Inschriften instand halten.

Auf dem Friedhof stehen 6.500 Bäume. Einige von ihnen sind selbst zum Denkmal geworden wie die Trauerbuche am ehemaligen Eingangsportal des Alten Friedhofs. "Wir haben hier auf den rund 70 Hektar vielleicht die höchste Biodiversität im Stadtgebiet", sagt Thomas Bäder. Seltene Bergmolche leben im Wassergraben rund um das Ehrenmal, das an 17.000 hauptsächlich zivile Opfer der beiden Weltkriege erinnert. Sechs Imker halten Bienenvölker auf dem Friedhof, deren Honig in der Blumenhandlung Bock am Hauptfriedhof verkauft wird.

"Friedhofsflächen werden auch in Zukunft Friedhofsflächen bleiben, aber diese werden sukzessive anders genutzt und gestaltet", sagt Bäder. "Vielleicht bauen wir neben unserem Öko-Feld irgendwann einmal auch einen Spielplatz."

 Frankfurter Hauptfriedhof: http://u.epd.de/1ltb Umfrage Aeternitas: http://u.epd.de/1lzl

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