Wahlwichtige Freundschaft

Trump bei Auftritt vor Evangelikalen

© Evan Vucci/AP/dpa

Handauflegen beim Präsidenten: Auch für seine Wiederwahl ist Donald Trump auf die Unterstützung evangelikaler Christen angewiesen.

Wahlwichtige Freundschaft
Donald Trump und die Evangelikalen vor der US-Wahl
Für den an Covid 19 erkrankten US-Präsidenten wird gebetet - auch von vielen Evangelikalen in den USA. Ohne die Stimmenmehrheit der Evangelikalen muss Donald Trump den Umzugswagen bestellen. Das gilt in Wahlprognosen als sicher. Manche evangelikale Christen sorgen sich aber, dass ihre Allianz mit dem Politiker der Verkündigung schadet.

Trumps geistliche Beraterin Paula White hat dem an Covid-19 erkrankten US-Präsidenten bei einer Online-Gebetsveranstaltung versichert, er habe ein "langes und erfülltes Leben" vor sich. Der 74-Jährige habe ein "Bündnis mit Gott", sagte die Fernsehpredigerin am Sonntag (Ortszeit). Bei der Veranstaltung erklärten Teilnehmer, Gläubige weltweit beteten für Trump. Gott werde den Präsidenten heilen, sagte der evangelikale Bischof Harry Jackson.

"Jesus ist mein Retter, Trump ist mein Präsident", steht auf T-Shirts, die gerne von weißen Evangelikalen in den USA getragen werden. Rund 80 Prozent der weißen evangelikalen Wähler haben vor vier Jahren für Donald Trump gestimmt. Auch in diesem Jahr halten wohl die meisten bei der Wahl zum Präsidenten. Ungeachtet persönlicher Verfehlungen gilt ihnen Trump als Beschützer des Christentums und als Verfechter einer traditionellen Lebensweise. Der rechtschristliche Verband "Faith and Freedom Coalition" investiert im Wahlkampf nach eigenen Angaben 40 Millionen Dollar. Der Verband will rund fünf Millionen potenzielle Wähler persönlich kontaktieren und Neuwähler registrieren.

In Las Vegas (Nevada) lobte jüngst der Pastor der Freikirche "Free Chapel", Jentezen Franklin, bei einer "Evangelikale für Trump"-Veranstaltung, noch nie habe ein Präsident so viel für Lebensschutz, Religionsfreiheit und den Staat Israel getan. Gott habe Trump zum Präsidenten erhoben, zitierte die Zeitung "Las Vegas Review-Journal" den Redner, Pastor Tony Suarez.

Ein komplexes Verhältnis

Anfang September versammelten sich Trump-Wähler in der "City Church" in Huntersville in North Carolina, wie ein Fernsehsender berichtete. Die Demokraten seien die Partei der Atheisten, warnte Präsidentensohn Eric Trump. Ende September plante der Baptistenprediger und Trump-Verbündete Franklin Graham einen "Gebetsmarsch" in der Hauptstadt Washington.

Wer die Evangelikalen sind, ist eine komplexe Frage. In religiöser Hinsicht sind Evangelikale Christen, die Bekehrung erlebt haben und in einer "persönlichen Beziehung" zu Jesus Christus stehen. Sie verspüren den Auftrag, Nicht-Gläubigen das Evangelium zu vermitteln. Evangelikale lehnten bis in die 70er Jahre die weltliche Politik ab. Der Baptist Jimmy Carter war der erste moderne evangelikale Präsident. Der demokratische Politiker verlor seine Glaubensbrüder an den Republikaner Ronald Reagan und neue konservative Verbände wie die legendäre "Moralische Mehrheit".

Vertreterin des "Wohlstandsevangeliums"

Im politischen Kontext meint man in den USA mit Evangelikalen weiße konservative Christen. Die konservative evangelikale Bewegung ist überwiegend weiß. In ihr lebe die Vorstellung eines verschwundenen "goldenen christlichen Zeitalters", schreibt der Historiker John Fea von der christlichen Messiah-Universität in Pennsylvania.

Häufig werden pfingstkirchlich orientierte Christen zu den Evangelikalen gezählt. Trumps geistliche Beraterin, die Predigerin Paula White, kommt aus diesem Milieu. Sie ist eine Vertreterin des "Wohlstandsevangeliums". Gott wolle, dass Gläubige im Wohlstand leben. White sagte Anfang des Jahres in ihrem Fernsehprogramm, sie sei in den himmlischen "Thronsaal" entrückt worden. Gott habe sie zurück auf die Erde an "bestimmte Orte" gebracht, darunter das Weiße Haus.

Was Trump glaubt, weiß niemand

Manche Pastoren sind aber auch besorgt über die Verbindung der Evangelikalen mit Trump. Der evangelikale Theologe Ronald Sider hat ein Buch mit Aufsätzen von 30 Evangelikalen über die machtpolitisch verlockende, spirituelle Gefahr publiziert, die von Trump ausgehe. Der Präsident des Exekutivkomitees des Südlichen Baptistenverbandes, der größten protestantischen Kirche in den USA, hat vor wenigen Tagen Zerwürfnisse unter Evangelikalen beklagt. Er höre zornige und beleidigende Aussagen von Christen.

Was Trump selber glaubt, weiß man nicht. In Interviews hat er anerkennend über den 1993 gestorbenen Selbsthilfe-Autor und Pastor Norman Vincent Peale gesprochen, der berühmt ist für seine Lehre von der "Kraft des positiven Denkens". In einem Vorabdruck der Erinnerungen von Trumps früherem Rechtsanwalt Michael Cohen, den die "Washington Post" veröffentlichte, soll folgende Passage zu lesen sein: Bei einem Treffen zwischen Trump und Evangelikalen wurde für Trump gebetet und ihm wurden Hände aufgelegt. Trump habe hinterher gesagt: "Kannst Du diesen Bullshit glauben? Kannst Du glauben, dass jemand diesen Bullshit glaubt?" Das Weiße Haus hat Cohens Buch als "Lüge" zurückgewiesen.

"Wie christlich ist Donald Trump?" Redaktionspfarrer Frank Muchlinsky geht der Frage nach in unserem Fragenbereich.