Das Schweigen nach sexuellem Missbrauch durchbrechen

Missbrauchsfall aufgearbeitet im Kirchenkreis Hittfeld

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Die Aufarbeitung eines Missbrauchsfalls in der Evangelischn Kirche wurde heute öffentlich gemacht in einem Pressegespräch mit Kirchenvertretern und der Betroffenen. Der Missbrauch ereignete sich in den 1980er und 1990er Jahren in der Kirchengemeinde Nenndorf, der heutigen Kirchengemeinde Rosengarten im Landkreis Harburg.

Das Schweigen nach sexuellem Missbrauch durchbrechen
Kirche und Betroffene machen Taten eines Pastoren in den 80er und 90er Jahren öffentlich
Ein Pastor missbraucht eine ehemalige Konfirmandin - über viele Jahre hinweg. Seit langem kämpft sie für eine Aufarbeitung. Jetzt macht sie gemeinsam mit Kirchenvertretern den Fall in der früheren Gemeinde des mittlerweile Verstorbenen öffentlich.

Ein evangelischer Pastor hat nach Kirchenangaben in den 1980er und 90er Jahren in der damaligen Kirchengemeinde Nenndorf bei Hamburg schweren sexuellen Missbrauch an einer früheren Konfirmandin begangen. Am Montag haben die Betroffene und Kirchenvertreter den Fall in der Region öffentlich gemacht, um eine weitere Aufarbeitung zu ermöglichen. "Der Täter war ein Serientäter", sagte die Mittvierzigerin, die sich Katarina Sörensen nennt, in Hittfeld im Landkreis Harburg.

Die Betroffene ist über Video zugeschaltet während eines Pressegespräches zu dem Missbrauchsfall.

Der 2013 im Alter von 70 Jahren verstorbene Jörg D. sei für seine engagierte Jugendarbeit bekannt gewesen, sagte Sörensen, die unter einem Pseudonym auftritt und deren Stellungnahme per Video eingespielt wurde. "Im Rahmen dieser Jugendarbeit hat D. sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen begangen, und ich bin eine von diesen Personen." Sörensen berichtete, der Missbrauch habe über Jahre angedauert. Der Pastor habe zunächst etwa bei Freizeiten Grenzen allmählich überschritten, indem er Mädchen umarmte, massierte und an sich drückte. Sie sei sich sicher, dass er von Anfang an geplant habe, sexuelle Übergriffe an Mädchen zu begehen.

Ihr Bericht wurde in einem Video eingespielt, in dem sie unkenntlich ist. Der Name ist ein Pseudonym. Schon seit Jahren arbeitet die Mittvierzigerin auf, was geschehen ist - für sich persönlich, aber auch mit Blick auf die Institution Kirche. Vor fünf Jahren hat sie den Fall der hannoverschen Landeskirche gemeldet, da war der Pastor bereits gestorben. Jetzt auch gegenüber der damaligen Gemeinde das Schweigen zu brechen, ist ihr wichtig, so hat sie es vorher an ihrem heutigen Wohnort dem epd erzählt. "Damals durfte ich nicht darüber reden, das wusste ich."

Heute erkennt sie Muster eines planvollen Täter-Verhaltens

Sörensen schilderte D. als einen Mann, der Jugendliche begeisterte. "Er brachte die Friedensbewegung oder die Dritte-Welt-Problematik aufs Dorf. Wir fanden das richtig toll." Der Pastor organisierte Konfirmandenfahrten. Ausgewählte Jugendliche wie sie selbst seien später als Teamer mitgefahren, berichtet Sörensen. "So ist er an uns herangekommen." Heute erkenne sie Muster eines planvollen Täter-Verhaltens. Bei Spielen mit Berührungen sei er mittendrin gewesen. "Es wurde normal, dass man den Pastor umarmte."

In den 1980er und 90er Jahren wird Katarina Sörensen (Name geändert) vom Pastor ihrer Gemeinde missbraucht. Heute spricht sie öffentlich - zusammen mit Kirchenvertretern - über den damaligen Fall im Landkreis Harburg.

Ihre familiäre Situation war schwierig damals, bei dem Pastor fühlte sie sich beachtet und gesehen, erzählt sie. "Ich dachte, der Pastor küsst mich, dann kann ich nicht so schlecht sein." Bevor sie volljährig war, sei es zu schwerem sexuellen Missbrauch gekommen. Fortwährend habe der Mann, der deutlich älter war, verheiratet und bereits Kinder hatte, das Machtgefälle ausgenutzt und sie manipuliert. Um sich zu lösen, habe sie Jahre gebraucht. Später, als sie längst im Arbeitsleben steht, wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Viele Jahre habe sie gar nicht begriffen, dass es Missbrauch war, was sie für eine Liebesbeziehung hielt, sagte sie. "Es wird oft gesagt, bei uns gibt es so etwas nicht, nicht in der evangelischen Kirche, nicht auf dem Dorf. Es ist wichtig, darüber zu reden." Mit einem anderen Bewusstsein über sexualisierte Gewalt könne viel früher eingeschritten werden.

Sörensen hatte 2015 zunächst Kontakt zur Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers aufgenommen, später auch zum Kirchenkreis Hittfeld. Die Vorfälle auch vor Ort publik zu machen, erfordere viel Mut, sagte sie. "Ich möchte, dass man hinguckt." Über den Missbrauch habe sie lange mit niemandem sprechen können. Bis heute leide sie an den Folgen der Traumatisierung. Von der Landeskirche erhielt sie mit 35.000 Euro die nach Kirchenangaben bisher höchste Schadensersatz-Summe.

Nach Angaben des hannoverschen Oberlandeskirchenrates Rainer Mainusch ist mittlerweile eine weitere Betroffene mit der Gemeinde in Kontakt. Nach Ankündigung der Pressekonferenz hätten sich zwei weitere Frauen gemeldet, die von D. zumindest sexuell belästigt worden seien. Auch aus dem evangelischen Kirchenkreis Wolfsburg, in dem der Pastor bis 1986 tätig war, gab es am Montag Hinweise auf sexuelle Belästigungen.

Hilfe von Kirchengemeinde für Opfer

Unterstützung in der Aufarbeitung bekommt Sörensen von der Kirchengemeinde. In diesem Jahr sei auf Sörensens Wunsch der Kirchenvorstand informiert worden, sagte Pastorin Katharina Behnke. Es habe den einhelligen Wunsch gegeben, den Missbrauch auf keinen Fall zu vertuschen. Der evangelische Kirchenkreis Hittfeld hat nach Worten von Superintendent Dirk Jäger unter anderem mit weiteren Handlungsanweisungen für die Kinder- und Jugendarbeit sowie Fortbildungen reagiert. Die hannoversche Landeskirche hat erst Anfang Juni neue "Grundsätze für die Prävention, Intervention, Hilfe und Aufarbeitung in Fällen sexualisierter Gewalt" beschlossen.

,Die Podiumsteilnehmer (l-r): Claudia Chodzinski, Soziotherapeutin und externe Beraterin, Dirk Jäger, Superintendent des Kirchenkreises Hittfeld, Benjamin Simon-Hinkelmann, Pressesprecher der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch, Leiter der Rechtsabteilung des Landeskirchenamtes Hannover und Katharina Behnke, Pastorin im Kirchenkreis Hittfeld, informieren während des Pressegespräches am 06.07.2020.

In der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland sind nach Angaben von Oberlandeskirchenrat Mainusch seit 1945 bis heute 123 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen bekannt. Die meisten ereigneten sich in der Nachkriegszeit in Erziehungsheimen der Diakonie. Doch auch Pastoren, Diakone, Erzieher und Musiker aus Kirchengemeinden gehörten zu den Tätern. Vor allem in diesem Bereich gebe es eine Dunkelziffer. "Wir ahnen, dass da noch mehr dahintersteckt."

Katarina Sörensen sieht in der Kirche noch Nachholbedarf bei der Aufarbeitung. Lange habe sie keine Ansprechpartner gefunden. Zudem wünsche sie sich mehr Trauma-Sensibilität in der Beratung. Sörensen hatte von Anfang an auch eine externe Beraterin hinzugezogen. Die unabhängige Beraterin Claudia Chodzinski sagte: "Viele Betroffene hören auf mit dem Kämpfen, weil es sehr viel Mut und Kraft braucht." Katarina Sörensen hat auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) beim Aufbau eines Betroffenen-Beirates beraten und ist auch bereit, in diesem mitzuwirken.

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers hat im Juni einen neuen Grundsätze-Katalog beschlossen, um gegen Fälle von sexualisierter Gewalt in der Kirche vorzugehen. Damit erweiterte sie ihre bereits seit zehn Jahren bestehenden Regelungen. Es gelte weiter eine "Null-Toleranz-Strategie", sagte Oberlandeskirchenrat Rainer Mainusch am Montag dem epd: "Wer in diesem Bereich Grenzen überschreitet, kann in der Kirche weder beruflich noch ehrenamtlich tätig sein. Wir werden mit aller Konsequenz verhindern, dass es in Zukunft in der Kirche zu weiteren Fällen kommt." In den evangelischen Kirchen in Niedersachsen sind laut Mainusch aus der Zeit von 1945 bis heute rund 140 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen bekannt. Allein in der hannoverschen Landeskirche, der größten unter ihnen, sind es 123. Fast 90 Prozent der Fälle betrafen Heimkinder, also Kinder und Jugendliche, die bis Ende der 1970er Jahre im Rahmen der "Fürsorgeerziehung" in Einrichtungen der Diakonie untergebracht waren. Doch auch Pastoren, Diakone, Erzieher und Musiker aus Kirchengemeinden gehörten zu den Tätern. Die Amtsträger hätten sich einer "gezielten Ausnutzung und Manipulation von Obhutsverhältnissen" schuldig gemacht, betonte Mainusch. In früheren Jahrzehnten habe zudem die sehr starke öffentliche Autoritätsstellung von Pfarrern wesentlich dazu beigetragen, dass viele von sexuellem Missbrauch betroffene Menschen nicht den Mut gehabt hätten, ihren Fall offenzulegen. Soweit die Kirchenleitung davon wusste, seien die Täter seit 1998 aus dem Dienst entfernt worden.