Religionssoziologe: Traditionsabbruch Ursache für Kirchenaustritte

Kreuz

© Getty Images/iStockphoto/Francesco Scatena

Die Tradition, Mitglied in einer christlichen Kirche zu sein, bröckelt zusehens.

Religionssoziologe: Traditionsabbruch Ursache für Kirchenaustritte
Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack sieht die Ursache der hohen Austrittszahlen der katholischen und evangelischen Kirche in einem Traditionsabbruch und einer mangelnden gesellschaftlichen Relevanz der Kirchen.
26.06.2020
epd-Gespräch: Franziska Hein
epd

Beide Faktoren verstärkten sich wechselseitig, sagte Pollack am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zuvor hatten die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre Mitgliederstatistik für das Jahr 2019 veröffentlicht.

Demnach traten 270.000 Menschen aus der evangelischen Kirche aus, 272.770 aus der katholischen. Die Austrittsrate sei so hoch wie nie, sagte Pollack. Normalerweise liege die Kirchenaustrittsrate in der evangelischen Kirche immer höher als in der katholischen - mit Ausnahme des Jahres 2010, als der Missbrauchsskandal öffentlich wurde. Die Kirchenbindung sei bei den evangelischen niedriger als bei den katholischen Kirchenmitgliedern. Doch im Jahr 2019 traten nach 2010 erstmals wieder mehr Menschen aus der katholischen Kirche aus als aus der evangelischen.

Die Weitergabe des Glaubens von der Elterngeneration auf die Kinder funktioniere nicht mehr, sagte Pollack. In repräsentativen Umfragen für Deutschland gäben mehr als 70 Prozent der Über-65-Jährigen an, religiös erzogen worden zu sein. Bei den Unter-25-Jährigen seien es hingegen nicht einmal 30 Prozent. "Das ist ein ganz entscheidender Punkt: Selbst wenn die Menschen nicht aus der Kirche austreten, geben sie den Glauben innerhalb der Familie nicht weiter", sagte Pollack. Es seien vor allem die Jüngeren, die dann austreten.

Dieser Faktor verschränke sich mit einem zweiten: "Die Kirchen haben an sozialer und politischer Relevanz verloren", sagte Pollack. Die Kirchen seien nicht mehr wie noch vor 50 Jahren in der Lage, die politische Diskussion zu beeinflussen. Sie seien zu sekundären Institutionen geworden, die sich zwar noch in der öffentlichen Debatte zu Wort meldeten, etwa zu sozialer Gerechtigkeit oder Migrationspolitik. Sie würden immer mehr zu einer Stimme unter vielen.

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