Als Glocken noch Siege verkündeten

Kirchenglocke im Turm der Marktkirche in Hannover.

© epd-bild/Jens Schulze

Täglich um 19:30 Uhr läuten im Augenblick Kirchenglocken katholischer und evangelischer Gemeinden rufen gemeinsam zum Gebet in Corona-Zeiten auf.

Als Glocken noch Siege verkündeten
Sachverständiger Claus Huber über die Kommunikation des Läutens
Täglich um 19:30 Uhr läuten im Augenblick Kirchenglocken katholischer und evangelischer Gemeinden und rufen damit zum gemeinsamen Gebet in Zeiten von Social Distancing auf. Von der (auch historische) Bedeutung des Läutens berichtet der Glockensachverständige Claus Huber.

Seit Mitte März läuten täglich um 19.30 Uhr katholische und evangelische Gemeinden ihre Kirchenglocken. Sie rufen damit zum gemeinsamen Gebet in Zeiten von Social Distancing auf. Es gebe eine lange Tradition, Glocken zu bestimmten und außerordentlichen Ereignissen neben der normalen Läuteordnung zu läuten, berichtet der Glockensachverständige der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Claus Huber, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Kein Läuten sei ein reines Zeitzeichen, auch wenn dies vielen Menschen nicht mehr bewusst sei.  

Als Beispiel nennt Huber das heutzutage fast überall übliche Läuten einer Kirchenglocke um 12 Uhr mittags. Das wurde 1456 angeordnet von Papst Calixt III. als Aufruf zum Gebet für den Sieg der Ungarn gegen die einfallenden Osmanen. "Türkenläuten" wurde daher das Mittagsläuten vielerorts genannt. Im Lauf der Zeit hat sich die Bedeutung geändert: "Heute gilt das 12-Uhr-Läuten speziell als Gebetsruf für den Frieden", sagt Huber.

Läuteordnungen sind je nach Region verschieden. Die traditionelle Läuteordnung der württembergischen Landeskirche kennt beispielsweise sieben tägliche Läutezeiten. Dreimal läutet die Betglocke, nämlich morgens, mittags und abends. Vier Mal läutet die Kreuzglocke, um an die Passion Christi zu erinnern, nämlich um 9, 11 und 15 Uhr und zur Vesperzeit, die je nach Jahreszeit zwischen 16 und 18 Uhr liegt.

Audioslide: Besuch in der Glockengießerei Rincker

"Eine Besonderheit ist nun das aktuelle Läuten zum Corona-Gebet, das zudem mithilft, bewusst auf die Glocken und ihren Ruf zu Gebet und Gemeinschaft in dieser ernsten Zeit zu hören", sagt der Glockensachverständige. Viele Landeskirchen und Diözesen haben zum Einsatz zweier großer Glocken geraten. In der evangelischen Landeskirche Württemberg hat man sich für das Läuten nur einer großen Glocke, nämlich der Betglocke, entschieden.

"Grundsätzlich ist jeder Glockengebrauch zu befürworten - wenn damit zu Gebet oder Gottesdienst aufgerufen wird", betont Huber. Die Landeskirche unterscheide hier "vor allem nach den gemachten Erfahrungen früherer Zeiten, wo ein profaner Glockengebrauch noch weit verbreitet war". Er erinnert an Siegesläuten im Ersten und Zweiten Weltkrieg oder sonstiges Läuten bei politischen Veranstaltungen oder Menschenehrungen. "Man ist deshalb sehr vorsichtig bei Aktionen, wo zum Glockenläuten anlässlich nicht-kirchlicher Veranstaltungen und Gedenktage aufgefordert wird", sagt Huber.

Bildergalerie

Als die Glocken verstummten

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Mehr, mehr, immer mehr: Die deutsche Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg ist unersättlich. Durch die Entwicklung neuer Geschütze, die blitzschnell wieder schussbereit sind, und die Weiterentwicklung von Infanteriewaffen wie dem Maschinengewehr 08/15 braucht die Armee viel mehr Munition als noch in früheren Kriegen. So feuern am 21. Februar 1916 in <a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/verdun-1916.html">Verdun</a> zum Beispiel 1.500 Geschütze acht Stunden auf die feindlichen Stellungen.
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/148067/07-01-2018/erster-weltkrieg-der-erste-totale-krieg">Eine vorstellbare Menge an Munition braucht es für solche Materialschlachten</a>.</p>
Die Rohstoffe dafür kommen zum Teil von den patriotischen Deutschen in der Heimat: Am Anfang geben sie im Kriegstaumel Zinnkrüge und Messingpfannen noch freiwillig ab. Doch schon bald reicht das nicht mehr aus, um die Rüstungsindustrie angesichts knapper werdender Rohstoffe zu versorgen. Und so richtet sich das Auge des Kriegsministeriums auf größere Beute: auf Kirchenglocken wie diese aus der evangelischen Kirche in Mussbach.

Eine Kinderschar steht und sitzt um zwei Glocken herum.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Am 1. März 1917 ordnet das Königliche Kriegsministerium in Berlin an: Alle Bronzeglocken im Deutschen Reich müssen registriert werden, damit man einen Überblick über den Bestand bekommt. Alle Besitzer von Bronzeglocken werden enteignet - widersetzen sie sich, droht ihnen eine Strafe. Einzig Glocken, die den Eisenbahn-, Schiffahrts- und Straßenbahn-Verkehr regeln sowie die der Feuerwehr sind von dieser Anordnung ausgenommen.

Auf einem Pferdewagen werden zwei geschmückte Glocken abtransportiert.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Anhand der von den Kirchengemeinden erstellten Listen werden die Bronzeglocken von Sachverständigen in eine von drei Kategorien eingeordnet. Glocken der Gruppe A müssen grundsätzlich schnellstmöglich abgeliefert werden - so wie die aus der evangelischen Kirche in Bad Dürkheim. Die Bronze-Glocken dieser Kategorie waren meist nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gegossen und wurden sofort eingeschmolzen. Die Glocken der Gruppe B mit mäßigem kulturellen und historischen Wert werden zunächst zurückgestellt und die Glocken, die der Gruppe C zugeordnet werden, wurden generell geschützt und durften im Glockenturm hängen bleiben. Außerdem sollte jede Kirche mindestens die kleinste ihrer Glocken behalten dürfen.

Ein Kind sitzt zwischen zwei Glocken.

© Bundesarchiv/8295-17

Die Gemeinden (hier die Glocken der Sophienkirche zu Berlin) werden für den Verlust ihres Geläuts finanziell vom Staat entschädigt. 3,50 Mark pro Kilogramm ist eine Glocke "wert", die weniger als 650 Kilogramm auf die Waage bringt. Bei den schwereren Exemplaren sinkt der Kilo-Preis auf zwei Mark, doch es gibt eine Art "Grundgebühr" von 1.000 Mark zusätzlich. Das Geld, so die Vorstellung der Regierung, soll auf einem Sparbuch angelegt werden, um nach dem Krieg neue Glocken kaufen zu können. Ein Trugschluss: denn nach dem verlorenen Krieg und der Inflation ist von dem Geld nichts mehr übrig! Viele Glockentürme bleiben auf Jahre hin (so gut wie) leer.

Glockenturm, aus dem eine Glocke abgeseilt wird.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Dass die Kirchen ihr Geläut verlieren,
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/152956/24-10-2018/so-verhielten-sich-die-deutschen-protestanten-im-ersten-weltkrieg">stößt bei der kirchlichen Obrigkeit eher auf wenig Widerspruch</a>. Man versucht sogar, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Vorgänge zu lenken. Den Beteiligten rät man, dieses Thema in Zeitungen oder Amtsblättern nicht anzusprechen.</p>
Da haben sie die Rechnung aber ohne die kleinen Gemeinden vor Ort gemacht: die kämpfen vielfach um "ihre" Glocken. Die Argumente variieren: entweder ist zum Beispiel die kleinste Glocke allein viel zu leise oder für den Abtransport der Glocken muss die halbe Turmwand zertrümmert werden. Denn nicht überall läuft die Abseilung der Glocke so reibungslos wie an der Stiftskirche in Neustadt a.d. Weinstraße.

Zerstörte Glocken liegen auf der Erde.

© picture alliance / IMAGNO/Archiv

Kleinere Glocken werden mit Hämmern zertrümmert, größere gesprengt. Danach werden sie eingeschmolzen und weiterverarbeitet. Nicht jedoch - wie zur Zeit der napoleonischen Kriege - zu Geschützen oder Kanonen, sondern zu Munition.

Ein Glockenfriedhof in Insbruck.

© Innsbrucker Glockenmuseum Grassmayr/Wikipedia

All die abgenommenen Kirchenglocken müssen irgendwohin - also richten die Behörden zentrale Sammelplätze ein, so wie hier im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Auf diesen "Glockenfriedhöfen" warten die Metallkolosse auf ihre industrielle Weiterverarbeitung durch die Rüstungsindustrie.

Eine Glocke samt Klöppel.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Hatte man im Sommer 1914 die Glocken zum Kriegsbeginn noch läuten lassen, hatten sie in den folgenden Jahren noch laut die Siege der Armee verkündet, so sind bis zum Kriegsende am 11. November 1918 rund 65.000 Kirchenglocken für immer verstummt.

Deshalb sei es den Kirchengemeinden freigestellt worden, ob sie ihre Glocken einsetzen etwa beim Läuten zur deutschen Wiedervereinigung, am 11. November 2018 zum hundertsten Jahrestag des Kriegsendes 1918, oder zum "Internationalen Tag des Friedens" am 21. September 2019. "Manche Gemeinden haben geläutet, viele auch nicht", weiß der Glockensachverständige. Die Landeskirche empfehle in solchen Fällen, einen Gottesdienst oder wenigstens ein gemeinsames Gebet anzubieten, "womit ein Läuten dann auf jeden Fall gerechtfertigt wäre".

Meldungen