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Als die Glocken verstummten

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Als die Glocken verstummten
Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Abgehängte Glocke aus der evangelischen Kirche in Mussbach in der Pfalz aus dem Jahre 1917.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Mehr, mehr, immer mehr: Die deutsche Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg ist unersättlich. Durch die Entwicklung neuer Geschütze, die blitzschnell wieder schussbereit sind, und die Weiterentwicklung von Infanteriewaffen wie dem Maschinengewehr 08/15 braucht die Armee viel mehr Munition als noch in früheren Kriegen. So feuern am 21. Februar 1916 in <a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/verdun-1916.html">Verdun</a> zum Beispiel 1.500 Geschütze acht Stunden auf die feindlichen Stellungen.
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/148067/07-01-2018/erster-weltkrieg-der-erste-totale-krieg">Eine vorstellbare Menge an Munition braucht es für solche Materialschlachten</a>.</p>
Die Rohstoffe dafür kommen zum Teil von den patriotischen Deutschen in der Heimat: Am Anfang geben sie im Kriegstaumel Zinnkrüge und Messingpfannen noch freiwillig ab. Doch schon bald reicht das nicht mehr aus, um die Rüstungsindustrie angesichts knapper werdender Rohstoffe zu versorgen. Und so richtet sich das Auge des Kriegsministeriums auf größere Beute: auf Kirchenglocken wie diese aus der evangelischen Kirche in Mussbach.

Eine Kinderschar steht und sitzt um zwei Glocken herum.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Am 1. März 1917 ordnet das Königliche Kriegsministerium in Berlin an: Alle Bronzeglocken im Deutschen Reich müssen registriert werden, damit man einen Überblick über den Bestand bekommt. Alle Besitzer von Bronzeglocken werden enteignet - widersetzen sie sich, droht ihnen eine Strafe. Einzig Glocken, die den Eisenbahn-, Schiffahrts- und Straßenbahn-Verkehr regeln sowie die der Feuerwehr sind von dieser Anordnung ausgenommen.

Auf einem Pferdewagen werden zwei geschmückte Glocken abtransportiert.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Anhand der von den Kirchengemeinden erstellten Listen werden die Bronzeglocken von Sachverständigen in eine von drei Kategorien eingeordnet. Glocken der Gruppe A müssen grundsätzlich schnellstmöglich abgeliefert werden - so wie die aus der evangelischen Kirche in Bad Dürkheim. Die Bronze-Glocken dieser Kategorie waren meist nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gegossen und wurden sofort eingeschmolzen. Die Glocken der Gruppe B mit mäßigem kulturellen und historischen Wert werden zunächst zurückgestellt und die Glocken, die der Gruppe C zugeordnet werden, wurden generell geschützt und durften im Glockenturm hängen bleiben. Außerdem sollte jede Kirche mindestens die kleinste ihrer Glocken behalten dürfen.

Ein Kind sitzt zwischen zwei Glocken.

© Bundesarchiv/8295-17

Die Gemeinden (hier die Glocken der Sophienkirche zu Berlin) werden für den Verlust ihres Geläuts finanziell vom Staat entschädigt. 3,50 Mark pro Kilogramm ist eine Glocke "wert", die weniger als 650 Kilogramm auf die Waage bringt. Bei den schwereren Exemplaren sinkt der Kilo-Preis auf zwei Mark, doch es gibt eine Art "Grundgebühr" von 1.000 Mark zusätzlich. Das Geld, so die Vorstellung der Regierung, soll auf einem Sparbuch angelegt werden, um nach dem Krieg neue Glocken kaufen zu können. Ein Trugschluss: denn nach dem verlorenen Krieg und der Inflation ist von dem Geld nichts mehr übrig! Viele Glockentürme bleiben auf Jahre hin (so gut wie) leer.

Glockenturm, aus dem eine Glocke abgeseilt wird.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

<p>Dass die Kirchen ihr Geläut verlieren,
<a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/152956/24-10-2018/so-verhielten-sich-die-deutschen-protestanten-im-ersten-weltkrieg">stößt bei der kirchlichen Obrigkeit eher auf wenig Widerspruch</a>. Man versucht sogar, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Vorgänge zu lenken. Den Beteiligten rät man, dieses Thema in Zeitungen oder Amtsblättern nicht anzusprechen.</p>
Da haben sie die Rechnung aber ohne die kleinen Gemeinden vor Ort gemacht: die kämpfen vielfach um "ihre" Glocken. Die Argumente variieren: entweder ist zum Beispiel die kleinste Glocke allein viel zu leise oder für den Abtransport der Glocken muss die halbe Turmwand zertrümmert werden. Denn nicht überall läuft die Abseilung der Glocke so reibungslos wie an der Stiftskirche in Neustadt a.d. Weinstraße.

 Glocken Ablieferung zur Einschmelzung

© Autor unbekannt / Public domain /Mecklenburg , Zeitschrift des Heimatbundes Mecklenburg, Jg. 12/1917

Eine Postkarte wurde 1917 gedruckt in Rostock vor ihrer Ablieferung zur Einschmelzung im Ersten Weltkrieg im Dezember 1917.

Ein Glockenfriedhof in Insbruck.

© Innsbrucker Glockenmuseum Grassmayr/Wikipedia

All die abgenommenen Kirchenglocken müssen irgendwohin - also richten die Behörden zentrale Sammelplätze ein, so wie hier im Innsbrucker Stadtteil Wilten. Auf diesen "Glockenfriedhöfen" warten die Metallkolosse auf ihre industrielle Weiterverarbeitung durch die Rüstungsindustrie.

Eine Glocke samt Klöppel.

© epd-bild/Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz

Hatte man im Sommer 1914 die Glocken zum Kriegsbeginn noch läuten lassen, hatten sie in den folgenden Jahren noch laut die Siege der Armee verkündet, so sind bis zum Kriegsende am 11. November 1918 rund 65.000 Kirchenglocken für immer verstummt.

Als im Sommer 1914 die ersten Truppen Richtung Belgien ausrücken, verspricht Kaiser Wilhelm II. großspurig: "Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt." Doch statt eines kurzen Waffengangs erwartet die Menschen ein vier Jahre dauernder, verlustreicher Stellungskrieg. Der Materialschlacht des Ersten Weltkriegs fallen ab Frühjahr 1917 auch ungefähr die Hälfte aller Kirchenglocken zum Opfer.