"Ich war wie ein Skelett"

KZ-Überlebender Tomi Reichental in Bergen Belsen

© epd-bild/Jens Schulze

Tomi Reichental, Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, am 24.02.2020 in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. Der 85-jährige Ingenieur aus dem irischen Dublin überlebte als Kind das Konzentrationslager Bergen-Belsen bei Celle in Niedersachsen.

"Ich war wie ein Skelett"
Tomi Reichental überlebte als Kind Bergen-Belsen und setzt sich für das Erinnern ein
Tomi Reichental wurde als Kind in das KZ Bergen-Belsen verschleppt. 75 Jahre nach seiner Befreiung will er zu Hause in Irland auf seine Rettung anstoßen. Die Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen fällt wegen der Corona-Krise in diesem Jahr klein aus.

Tomi Reichentals Pläne für den 15. April sind "sehr einfach", wie er sagt. Am Nachmittag gegen zwei Uhr Ortszeit will der 85-Jährige zu Hause im irischen Dublin ein Glas mit Wein heben und anstoßen. Etwa zu dieser Zeit habe die britische Armee vor 75 Jahren das niedersächsische Bergen-Belsen erreicht und das Konzentrationslager befreit, in das er verschleppt worden war. "Ich werde mich an den Moment erinnern und daran, wie viel Glück wir hatten, weil wir überlebten." Tomi Reichental war neun Jahre alt, als seine Retter kamen, und ausgezehrt von Hunger und Durst. "Ich war wie ein Skelett", sagt er: "Nur Haut und Knochen."

In der Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Celle wird in diesem Jahr angesichts der Corona-Pandemie die Erinnerung an den Jahrestag der Befreiung nur in kleinstem Rahmen begangen. Zu einer Kranzniederlegung am 19. April kommen Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), die Landtagspräsidentin und zwei Minister sowie Michael Fürst als Verbandsvorsitzender jüdischer Gemeinden, sagt der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, der ebenfalls dabei ist. Der NDR übertrage einen Bericht. Zudem sei ein Online-Angebot geplant. Ursprünglich waren 5.000 Gäste erwartet worden, unter ihnen rund 120 Überlebende des Lagers - auch Tomi Reichental.

Im Februar war er das letzte Mal in Bergen-Belsen, gemeinsam mit einem britischen Fernsehteam. Erst vor wenigen Tagen hat der Sender UTV/ITV die dabei entstandene Dokumentation "Rückkehr nach Belsen" ausgestrahlt, erzählt Reichental. 60 Jahre lang hatte er über seine Kindertage im KZ nicht gesprochen, bis zu ihrem Tod 2003 nicht einmal mit seiner Frau. "Ich wollte es vergessen, aber so etwas kann man nicht vergessen", sagte er bei einem Treffen während seines Besuchs im Februar. Erst spät ist der Ingenieur zu einem der prominentesten Zeitzeugen des Holocaust in Irland geworden.

Aufgewachsen ist Tomi Reichental auf einem Bauernhof in der Slowakei. 1944 wurde er gemeinsam mit seiner Mutter, seinem Bruder, der Großmutter, der Tante und einer Cousine nach Bergen-Belsen verschleppt. "In dem Lager konnte ich nicht spielen wie ein normales Kind", sagt er. "Wir haben nicht gelacht. Wir haben nicht geweint. Wer aus der Reihe trat, konnte geschlagen werden, sogar bis zum Tod. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen."

Bildergalerie

Die Konzentrationslager der Nazis

Der Eingang zum KZ Auschwitz mit dem zynischen Satz auf dem Torbogen "Arbeit macht frei".

© epd-bild/Keystone/Rolf Zö†llner

Der Eingang zum KZ Auschwitz mit dem zynischen Satz auf dem Torbogen "Arbeit macht frei".

© epd-bild/Keystone/Rolf Zö†llner

Auschwitz - ein Name, der Gänsehaut auslöst. Dort wurden unschuldige Menschen brutal und massenhaft während des Holocausts durch die Nationalsozialisten umgebracht.

Am 27. April 1940 gibt der SS-Chef Heinrich Himmler den Befehl, das ehemalige Kasernengelände mit den 22 Vorkriegsbaracken in ein Konzentrationslager "umbauen" zu lassen. Ursprünglich ist Auschwitz I als Arbeitslager für politische Gefangene aus Polen gedacht - 10.000 Häftlinge sollen dort interniert werden. Doch während des Zweiten Weltkriegs wird Auschwitz für die Nazis der wichtigste Ort ihrer "Endlösung der Judenfrage".

1947 wurde in Auschwitz ein Museum zur Erinnerung an die Verbrechen gegründet. Das Gelände des Museums mit internationalem Bildungszentrum umfaßt heute 191 Hektar. 1979 besuchte Papst Johannes Paul II als erster Papst überhaupt die Gedenkstätte. Damals sagte er: "Auschwitz ist der Ort, den man nicht nur besichtigen kann. Man muß bei dem Besuch mit Furcht daran denken, wo die Grenzen des Hasses, der Vernichtung des Menschen durch den Menschen, die Grenzen der Grausamkeit liegen." 2016 besuchten über zwei Millionen Menschen die Gedenkstätte.

Die sogenannte "Judenrampe" im KZ Auschwitz-II-Birkenau.

© epd-bild/Rolf Zöllner (2)

<p>Im Oktober 1941 beginnt der Bau des Lagerkomplex Auschwitz-II-Birkenau, im März 1942 wird es in Betrieb genommen: ursprünglich sollen hier 125.000 Kriegsgefangene inhaftiert werden können, doch am Ende wird Birkenau das größte aller Vernichtungslager der Nazis. Im Frühjahr 1942 entsteht auch die erste Gaskammer, später sind mehrere Kammern und Krematorien gleichzeitig in Betrieb.</p>
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<p>Der grausame Höhepunkt der "Mordmaschinerie" wird im Mai/Juni 1944 während der sogenannten "Ungarn-Aktion" erreicht: mehr als 400.000 ungarische Juden werden in dieser Zeit ermordert. Von der neu gebauten "Judenrampe" aus, wie die Nazis den Bahnsteig nennen, werden sie direkt in die Gaskammern geführt. Nur rund 20 Prozent der Menschen eines Transport werden bei der Selektion als arbeitstauglich eingestuft - Frauen und Kinder, Alte und Schwache habe keine Chance.</p>
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Schätzungsweise 90 Prozent der insgesamt 1,1 Millionen Toten von Auschwitz wurden in Birkenau ermordet. Etwa eine Million der Getöteten waren Juden. Außerdem kamen mindestens 70.000 Polen, 21.000 Roma, 14.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 10.000 Tschechen, Belarussen und andere Opfer ums Leben. Die Zahl lässt sich aber nur schätzen, da viele Opfer nicht registriert, sondern sofort vergast und verbrannt wurden.</p>

Eingangstor des KZ Buchenwald

bpk / epd-bild/Maik Schuck

<p>Am 15. Juli 1937 treffen die ersten Häftlinge ein, die unter der Bewachung der SS auf dem Ettersberg bei Weimar den Wald roden müssen, um dort ein neues Konzentrationslager zu errichten. Die größte Gruppe bildeten die politischen Häftlinge, aber auch Vorbestrafte, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kriegsgefange, Zwangsarbeiter aus den vom Deutschen Reich besetzten Ländern und zum Schluss auch zahlreiche Juden wurden in Buchenwald interniert. Am Ende des Krieges ist Buchenwald das größte KZ im Deutschen Reich. Wahrscheinlich sterben dort mehr als 56.000 Menschen an Folter, medizinischen Experimenten oder Auszehrung.</p>
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<p>"Nichts hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick", schreibt der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte und späterer US-Präsident, Dwight D. Eisenhower, als die Amerikaner im April 1945 Buchenwald und seine 139 Außenlager erreichen. Schockiert von diesem Anblick zwangen die Amerikaner am 16. April rund 1.000 Weimarer Bürger, auf den Ettersberg zu laufen, um ihnen das Ausmaß der Gräuel in ihrer direkten Nachbarschaft vor Augen zu führen.</p>
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<p>Seit 1999 führt ein Weg mit dem Namen "Zeitschneise" von Schloß Ettersburg bei Weimar zum ehemaligen Krematorium des Konzentrationslagers Buchenwald. Es ist eine begehbare, direkte Verbindung zwischen den Stätten der Humanität der Klassikerstadt der Dichter und Denker und des Grauens der Nationalsozialisten.</p>

KZ Bergen-Belsen

bpk/Harald Koch / epd-bild

<p>Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs brauchen die Nazis einen Ort, an dem sie die Kriegsgefangenen internieren können - die Wahl fällt auf Baracken am Rande des Truppenübungsplatzes von Bergen-Belsen, in der Nähe von Celle. Ab Juni 1940 werden dort rund 600 belgische und französische Soldaten inhaftiert. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion steigt die Anzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen im Herbst 1941 auf 21.000 an - sie müssen auf freiem Feld, in Erdhöhlen und Laubhütten leben. Bis zum April 1942 sterben 14.000 Sowjets an Seuchen, Hunger und Kälte.</p>
<p><br>Erst 1943 wird aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager ein Konzentrationslager. Damit ist es das jüngste im Deutschen Reich.</br>
<br>Mit dem Vorrücken der Alliierten Streitkräfte werden frontnahe Konzentrationslager evakuiert - das Ziel vieler Todesmärsche ist Bergen-Belsen, beinahe täglich kommen neue Transporte an. In letzten Kriegsmonaten ist das Lager vollkommen überbelegt und die sanitäre Situation ist eine Katastrophe: in einem abgetrennten Lagerteil mit 10.000 Häftlingen gibt es kein Klo und keinen einzigen Wasserhahn. Unter den entkräfteten Lagerinsassen grassieren Ruhr, Bauchtyphus und Tuberculose. Insgesamt sind mehr als 52.000 Häftlinge im Lager oder unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Haft gestorben.</br></p>
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<p>In der britischen Wahrnehmung steht Bergen-Belsen lange Zeit noch vor Auschwitz für das Grauen des Holocausts. Es ist das einzige Konzentrationslager, das von den Briten befreit wurde, und eines der wenigen, das vor der Befreiung von der SS nicht evakuiert wurde.</p> Das Bild links wurde 1945 aufgenommen.

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

bpk / epd-bild/Wolfgang Noak

<p>1938 beschließt die SS, nicht mehr nur politische Gegener zu inhaftieren und zu terrorisieren, sondern sie entdeckt die Häftlinge als billige Arbeitskräfte, aus denen man Profit ziehen kann. Die großen Granitvorkommen machen Flossenbürg als neuen KZ-Standort attraktiv: En­de April tref­fen die ers­ten SS-Wa­chen ein, am 3. Mai 1938 er­reicht der ers­te Trans­port mit 100 Häft­lin­gen aus dem KZ Dach­au die Bau­stel­le.</p>
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<p>Im Steinbruch müssen die Häftlinge zwölf Stunden lang Granitblöcke absprengen, Erde abtragen, Loren schieben und Steine schleppen - und das bei Wind und Wetter ohne Sicherheitsvorkehrung, schlecht bekleidet und halb verhungert.
Durch die Räumung der östlicher gelegenen Konzentraionslager verschlechtert sich die Situation in Flossenbürg: von 3.300 Häftlingen Ende 1943 steigt die Zahl im März 1945 auf über 15.000 an - das Lager ist vollkommen überbelegt.</p>
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<p>In Flossenbürg ermordert die SS systematisch mindestens 2.500 Menschen, darunter polnische und sowjetische Gefangene, Zwangsarbeiter und viele Widerstandskämpfer. Unter ihnen ist auch der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im Morgengrauen mit weiteren NS-Gegnern in Flossenbürg erhängt wird.</p>

Eingangstor des KZ Dachau

bpk/Maurice Zalewski/adoc-photos / epd-bild/Lukas Barth

<p>Am 22. März 1933, nur zwei Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wird auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik das erste Konzentrationslager für politische Gefangene im oberbayerischen Dachau bei München eröffnet. Zuerst werden dort vor allem Gegner des NS-Regimes wie Kommunisten und Sozialisten inhaftiert – das Lager dient zur Abschreckung.</p>
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<p>Im Verlauf der Nazi-Herrschaft kommen engagierte Christen, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Kriegsgefangene aus den von Deutschland überfallenen Ländern hinzu. 200.000 Menschen aus ganz Europa sind in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft dort eingesperrt, mehr als 32.000 Gefangene kommen dort um: Sie wurden unter anderem hingerichtet, starben an Krankheiten oder sogenannten "medizinischen Experimenten", verhungerten oder brachen vor Erschöpfung oder als Folge der Folter und Misshandlungen zusammen. Die heutige Forschung geht aufgrund der unregistrierten Exekutionen und aus anderen Gründen sogar von 41.500 Toten aus.</p>
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<p>20 Jahre nach der Befreiung wird das ehemalige Konzentrationslager Dachau auf die Initiative von ehemaligen KZ-Häftlingen, der "Comité International de Dachau", hin, zu einer Gedenkstätte umgewandelt. Mittlerweile ist Dachau die meistbesuchte KZ-Gedenkstätte Deutschlands.</p>

KZ Ravensbrück

bpk / epd-bild/Gordon Welters

<p>Etwas mehr als 80 Kilometer vor den Toren Berlins entsteht zwischen Dezember 1938 und April 1939 auf Anordnung des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Durch die Umstellung auf Kriegswirtschaft werden auch die Häftlinge von Ravenbrück als Zwangsarbeiterinnen in der Rüstungsindustrie gebraucht. In einem Dokument wird die Durchschnittsarbeitsfähigkeit der Häftlinge auf drei Monate festgelegt – danach gelten sie als entkräftet und werden getötet.</p>
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<p>In den Jahren 1939 bis 1945 sind etwa 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.000 weibliche Jugendliche als Häftlinge registriert worden. Die nach Ravensbrück Deportierten stammten aus über 40 Nationen, unter ihnen Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. Zehntausende wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente.</p>

Tomi musste auch mit ansehen, wie seine Großmutter nach ihrem Tod auf eine Schubkarre geladen und auf einen Haufen voller Leichen gekippt wurde. Dieses Bild begleite ihn, sagt er. "Auch dann, wenn ich mich daran erinnere, wie sie in den Jahren zuvor mir Geschichten erzählt und mit mir Kekse gebacken hat."

In Bergen-Belsen starben während der NS-Zeit rund 20.000 Kriegsgefangene und mehr als 52.000 Häftlinge des Konzentrationslagers an Hunger und Seuchen, durch Übergriffe der SS oder an den Folgen der Haft. Darunter war auch das jüdische Mädchen Anne Frank, dessen Tagebuch später weltberühmt wurde. Unter rund 120.000 Menschen aus fast allen europäischen Ländern waren in Bergen-Belsen auch etwa 3.500 Kinder unter 15 Jahren inhaftiert, die meisten von ihnen Juden. Zeitzeuge Tomi Reichental war eines von ihnen.

Die Zukunft im Blick

Das erste Mal hat er in der Schule seiner Enkel von seiner Zeit im KZ berichtet. "Da hatte ich noch keine Erfahrungen. Ich sprach sehr offen", sagt Reichental. "Dann weinten 25 Kinder, ich weinte, die Lehrerin weinte." Bis vor kurzem war der 85-Jährige häufig zu Gast in Schulen und Universitäten oder bei Firmen. In Dokumentarfilmen und vor dem irischen Parlament hat er aus seinem Leben berichtet. Gerade schreibt Reichental an seinem dritten Buch, in häuslicher Isolation wegen der Corona-Pandemie hat er jetzt Zeit dafür. "Wir schulden es den Opfern, dass sie nicht vergessen werden", betont er.

Zugleich hat er die Zukunft im Blick. Der Holocaust habe nicht erst mit dem Abtransport von Menschen in Viehwaggons oder den Gaskammern begonnen, sondern mit der Diskriminierung im Alltag, mahnt er. Rassismus und Ausgrenzung müssten an den Wurzeln bekämpft werden. "Wir werden die Erinnerung hochhalten und ich hoffe, dass das noch viele Jahre so weitergeht." Die große Gedenkfeier mit Gästen aus aller Welt will die Gedenkstätte Bergen-Belsen im kommenden Jahr nachholen.