TV-Tipp: "Sarah Kohr: Teufelsmoor"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Sarah Kohr: Teufelsmoor"
6.4., ZDF, 20.15 Uhr
Je länger die Terrortaten der RAF zurückliegen, desto mehr Legenden lassen sich rund um die teilweise nicht mal namentlich bekannten verschwundenen Mitglieder der "dritten Generation" spinnen. Irgendwo müssen sie untergetaucht sein; und darauf basiert Timo Berndts Drehbuch zum insgesamt vierten Krimi mit Lisa Maria Potthoff als Polizistin, die ihre Fälle gern im Alleingang löst.

Der Film beginnt harmlos: Sarah Kohr ist gemeinsam mit Mutter Heike (Corinna Kirchhoff) bei der jährlichen Fahrt zum Grab ihres Vaters, als sie Zeugin eines Tankstellenüberfalls wird. Plötzlich hat der maskierte Täter eine Pistole in der Hand. Beim Schusswechsel wird er lebensgefährlich verletzt. Als die Kommissarin ihm die Maske abnimmt, entpuppt sich der Räuber als Teenager, was ihr schwere Vorwürfe einbringt. Das ist zwar einigermaßen absurd – soll sie sich erschießen lassen, weil der Täter noch minderjährig ist? –, hat aber zur Folge, dass sie fortan unter besonderer Beobachtung steht. Entscheidender für den weiteren Handlungsverlauf ist jedoch die Waffe des Jungen: Sie ist 1993 bei einem Überfall auf einen Waffentransport der Bundeswehr benutzt worden; damals starb ein Soldat. Das Tätertrio gehörte zu den "Revolutionären Zellen". Einer der drei konnte verhaftet werden, er hat seine Strafe mittlerweile abgebüßt, aber wer die anderen beiden waren, hat er nie verraten. Fest stand nur: Es handelte sich um einen Mann und eine Frau, die seither wie vom Erdboden verschluckt sind.

Berndt, Stammautor der ZDF-Reihe "Die Toten vom Bodensee", hat mit Ausnahme des ursprünglich als Einzelfilm geplanten ersten Abenteuers ("Der letzte Kronzeuge", 2014) bislang alle "Sarah Kohr"-Drehbücher geschrieben und dabei anders als bei seinen ZDF-Episoden für "Friesland" oder "Ein starkes Team" jedes Mal ungewöhnliche Geschichten erzählt. Der besondere Reiz von "Teufelsmoor" liegt neben der Spur in die Vergangenheit in einer speziellen Konstellation: Nach dem Schuss auf den Jungen, der später seiner Verletzung erliegt, hat Kohr ein ganzes Dorf gegen sich. Hohenbek liegt abgelegen in einer Moorgegend. Die Einwohner bilden eine verschworene Gemeinschaft, die vor gut 25 Jahren zu plötzlichem Reichtum gekommen ist.

Damals wurde aus dem einfachen Forstarbeiter Grebe (Armin Rohde), dem Großvater des Tankstellenräubers, ein Waldbesitzer; der Mann ist außerdem Bürgermeister und ungekrönter König des Ortes. Als sich Kohr mit einem Informanten im Moor treffen will, wird sie beschossen. Trotzdem entdeckt sie das einstige Fluchtfahrzeug; die Terroristen hatten offenbar einen schweren Unfall. Grebe, der auch Chef der Freiwilligen Feuerwehr ist, gibt zu, dass er und seine Männer sehr viel Geld in dem Auto gefunden hätten; die Insassen seien tot gewesen. Die Polizistin bleibt misstrauisch: Die "Revolutionären Zellen" haben zwar für die Umverteilung des Kapitals gekämpft, aber niemals Geld geraubt; auch bei dem Überfall 1993 hatten sie es nur auf die Waffen abgesehen.

Berndt verblüfft gerade in der zweiten Hälfte des Films mit einigen unerwarteten Wendungen, und Marcus O. Rosenmüller, Regisseur der meisten (und zuletzt meist ziemlich guten) "Taunus-Krimis" im ZDF, hat das Drehbuch angemessen spannend umgesetzt. Weil Kohr nicht bloß klug, sondern auch knallhart ist, darf Potthof wie zuletzt in einigen Action-Einlagen zeigen, dass sie die israelische Selbstverteidigungstechnik Krav Maga nach wie vor beherrscht. Der eine oder andere Zweikampf hätte sich zwar mit etwas clevererem Verhalten leicht vermeiden lassen, aber natürlich sollen solche Aktionen die Ausnahmestellung der Rolle unterstreichen; Polizistinnen, die sichtlich Spaß daran haben, Kerle aufs Kreuz zu legen, sind im öffentlich-rechtlichen Krimiwesen in der Tat rar.

Überflüssig ist dagegen das eifersüchtige Kompetenzgerangel zwischen Kohr und ihrer weisungsbefugten Kollegin Anna Mehringer (Stefanie Eidt). Berndt hat die Figur im ersten Reihenfilm nach dem Pilotauftakt eingeführt ("Mord im Alten Land", 2018, ebenfalls von Rosenmüller inszeniert). Die Kommissarin ist die Ex-Gattin von Staatsanwalt Mehringer (Herbert Knaup), mit dem Kohr ein Verhältnis hat oder hatte; so genau wissen die beiden das vermutlich selbst nicht. Deshalb kommt es immer wieder zu Szenen, in denen sich die beiden Frauen angiften, was dem Film nicht gut tut; und das nicht nur, weil das Verhalten die Polizistinnen höchst unprofessionell wirken lässt. Endgültig absurd wird der Zickenkrieg, als die Kollegin die Schüsse auf Kohr herabspielt.

Glücklicherweise ist Stephanie Eidt, zuletzt als verführerische Betrügerin in der "Wilsberg"-Jubiläumsepisode "Erbschleicher" (2020) zusehen, eine Schauspielerin von Format, die noch das Beste aus den angriffigen Dialogen macht. Als sich die Beamtinnen am Ende zusammenraufen müssen, weil sie ihr Leben nur gemeinsam retten können, sind die entsprechenden Szenen gleich viel schlüssiger. Außerdem entschädigt Berndt seine Heldin für die Anfeindungen mit einem sehr coolen Abgang. "Teufelsmoor" ist dank der ungewöhnlichen Geschichte ohnehin durchgehend fesselnd, zumal die Schlüsselrollen der Dorfbewohner mit Kai Schumann, Harald Schrott und Karoline Eichhorn angemessen besetzt sind. Die Bildgestaltung (Tobias Schmidt) bemüht sich immer wieder um besondere Blickwinkel; Komponist Boris Bojadzhiev sorgt mit seiner Thriller-Musik dafür, dass sich die Spannung anfangs eher hintergründig aufbaut, bis sie schließlich zupackt und nicht mehr loslässt.

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