TV-Tipp: "Tatort: Die Zeit ist gekommen"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Tatort: Die Zeit ist gekommen"
5.4., ARD, 20.15 Uhr
Ein Mann spitzt den Griff einer Zahnbürste an und sticht ihn sich in den Gehörgang: Der "Tatort" aus Dresden beginnt mit einer Szene, bei viele Zuschauer wegschauen werden. Eine zweite Ebene zeigt eine Frau, die sich zurechtmacht und eine Pistole einsteckt, bevor sie das Haus verlässt.

Im Anschluss an den Prolog reicht der Film nach, was sich in den beiden Tagen zuvor zugetragen hat: Louis Bürger (Max Riemelt) wird verhaftet, weil er angeblich einen Polizisten aus der Nachbarschaft erschlagen hat. An der Tatwaffe, einem Baseballschläger, finden sich seine Fingerabdrücke, außerdem ist er einschlägig vorbestraft, und ein Motiv hätte er auch, wie sich später rausstellt: Dem Polizist ist Video zugespielt worden, auf dem zu sehen ist, wie Bürger einen geklauten Motorroller verkauft. Er ist nur auf Bewährung draußen und müsste umgehend wieder ins Gefängnis.

Das klingt alles erst mal nicht sonderlich spektakulär; erst recht nicht im Vergleich zu den ausnahmslos packenden letzten Krimis aus Sachsen. "Das Nest" mit Benjamin Sadler als Serienmörder war einer der besten "Tatort"-Filme des letzten Jahres, und auch "Nemesis", der zweite Fall für Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und ihre neue Kollegin Winkler (Cornelia Gröschel), war sehenswert. An die Qualität dieser beiden Fälle reicht "Die Zeit ist gekommen" nicht mal annähernd heran, dabei hat die Geschichte (Stefanie Veith, Michael Comtesse) großes Thriller-Potenzial: Bürger hat sich die Verletzung zugefügt, damit er ärztlich versorgt werden muss; diese Gelegenheit nutzt seine Frau Anna, um ihn zu befreien.

Wie sich die beiden absprechen konnten, obwohl Ehemann Louis doch in Untersuchungshaft ist, lässt das Drehbuch ebenso offen wie die Frage, woher sie die Pistole hat. Das früher offenbar drogenabhängige Pärchen will den gemeinsamen Sohn Tim aus einem Kinderheim abholen, sich über die Grenze nach Tschechien absetzen und dann nach Kroatien fliehen. Weil die Kommissarinnen zumindest den Teil mit dem Kinderheim natürlich ahnen, sind sie den beiden dicht auf den Fersen, das Haus ist im Nu umstellt, ein Sondereinsatzkommando trifft auch bald ein; und dann heißt es Warten.

Leider gilt das nicht nur für die Polizisten, sondern auch für den Film. Mit Warten kennt sich Stephan Lacant allerdings gut aus: Die letzte Arbeit des Regisseurs war die zweite "Zielfahnder"-Episode "Blutiger Tango" (2019), ein handlungsarmer, über weite Strecken ereignisloser und entsprechend langweiliger Krimi. Ganz so trist ist "Die Zeit ist gekommen" immerhin nicht, weil in dieser Geschichte potenziell jederzeit was passieren kann: Das Ehepaar verschanzt sich mit zwei Geiseln in dem Kinderheim, weiß aber erst mal nicht weiter. Für ein bisschen zusätzliche Spannung sorgen zwei Mädchen, die sich auf dem Dachboden versteckt haben. Winkler schleicht sich ins Haus, um die beiden zu befreien, landet aber natürlich bei den Geiselnehmern, was letztlich zur Eskalation führt, und dann überschlagen sich die Ereignisse; aber nur theoretisch. Praktisch bleibt Lacant seinem spannungslosen Stil treu; nicht mal die Musik (Dürbeck & Dohmen), im Thriller doch stets eine treibende Kraft, wenn die Handlung mal stagniert, sorgt dafür, dass echter Nervenkitzel entsteht.

Das gilt auch für das Finale: Dank eines in den Hausplänen seltsamerweise nicht verzeichneten Versorgungstunnels gelingt dem Pärchen die Flucht. Dank eines kühnen elliptischen Schwungs hält sich der Film nicht lange mit der Frage auf, woher die beiden das neue Fluchtauto haben, sondern konfrontiert ihre Euphorie kurzerhand knallhart mit einer Straßensperre. Der Balkanpop, der akustisch die Vorfreude auf Kroatien illustriert, klingt wie Hohn; es droht ein Schluss à la "Bonnie & Clyde". Stattdessen endet der Film mit einer melancholischen Geste, die dennoch nicht für den erheblichen Spannungsabfall nach dem ersten Akt entschädigt; eigentlich seltsam, immerhin hat Lacant vor seiner "Zielfahnder"-Episode lauter gute Filme gedreht. Sein Regiedebüt war "Freier Fall" (2013), eine Geschichteüber einen verheirateten Polizisten, der sich in einen Kollegen (ebenfalls Max Riemelt) verliebt; später folgte "Toter Winkel" (2017), ein vorzüglich gespieltes Drama über einen Familienvater, der rausfindet, dass sein Sohn ein Neonazi ist.

Auch die weiteren Arbeiten hatten Relevanz: In dem Selbstfindungsdrama "Fremde Tochter" (2018) verliebt sich eine 17-Jährige in einen Moslem, "Für meine Tochter" (2018) war ein Drama mit Dietmar Bär als verwitweter Vater, der ins syrische Kriegsgebiet reist, um seine Tochter zurückzuholen. Gemessen an der inhaltlichen und filmischen Qualität dieser Filme ist "Die Zeit ist gekommen" tatsächlich irrelevant; und als "Bonnie & Clyde"-Krimi war "Kartenhaus" (2016), ein "Tatort" aus Köln, um Längen besser. Couch-Kriminalisten werden ohnehin früh ahnen, wer hinter dem Komplott gegen Louis Bürger steckt.

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