TV-Tipp: "Brecht"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Brecht"
1.3., WDR, 22.10 Uhr
Er hat’s erfunden: Gemeinsam mit seinem verstorbenen Partner Horst Königstein wird Heinrich Breloer hierzulande als Vater des dokumentarischen Spielfilms verehrt. Außerdem steht er wie kein anderer Autor und Regisseur für die deutsche Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts.

Seine Dokudramen über die Barschel-Affäre ("Die Staatskanzlei", 1989) oder die Coop-Affäre ("Kollege Otto", 1991), sein Wehner-Porträt (1993) oder das RAF-Drama "Todesspiel" (1997) sind vielfach ausgezeichnet worden. Größtes Werk des vielfachen Grimme-Preisträger war der dreiteilige Fernsehfilm "Die Manns" (2001), dessen Titelzusatz "Ein Jahrhundertroman" auf den Punkt brachte, wie sehr sich Breloer als Chronist betrachtet. Es folgten "Speer und Er" (2004), in Erinnerung geblieben vor allem wegen der formidablen Leistungen von Tobias Moretti als Adolf Hitler und Sebastian Koch als sein Architekt Albert Speer, sowie zuletzt "Die Buddenbrooks"; Breloers erster Versuch eines rein fiktionalen Spielfilms rief allerdings eher gemischte Reaktionen hervor.

Mit "Brecht" bewegt sich der aus der westfälischen Heimat des Marler Grimme-Instituts stammende Breloer wieder auf gewohnten Pfaden. Der Zweiteiler erzählt die Geschichte des einflussreichsten deutschen Dramatikers des 20. Jahrhunderts wie gewohnt als Mischung aus Spielszenen, dokumentarischen Aufnahmen sowie Interviews mit Zeitzeugen, die wie stets bei Breloer eine reizvolle Wechselwirkung mit den Darstellungen erzeugen. Ein gelegentlicher Kommentar sorgt für historische Hintergrundinformationen, Tagebucheintragungen erläutern die Motive der handelnden Personen. Von einem Jahrhundertroman kann diesmal jedoch keine Rede sein, und das nicht nur, weil Brecht bereits 1956 im Alter von 58 Jahren gestorben ist. Breloers Drehbuch konzentriert sich auf zwei Zeitebenen: hier der junge Brecht (1916 bis 1933), verkörpert von Tom Schilling, der während des Ersten Weltkriegs durch die beißende Kritik an der Begeisterung seiner Altersgenossen für den Heldentod sein Abitur riskiert; dort der prominente Dramatiker (1947 bis 1956; Burghart Klaußner), der nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem amerikanischen Exil  zurückkehrt und in Ostberlin als Staatsdichter der DDR dabei mitwirken will, die Diktatur des Proletariats zu verwirklichen; zur Not auch gegen den Willen dieses Proletariats.

Die Politik nimmt im zweiten Teil ohnehin deutlich mehr Raum ein; in Teil eins spielen sich die Zeitläufte eher im Hintergrund ab, weil Breloer viel Zeit auf die Liebschaften des Dichters verwendet (gespielt von Mala Emde und Friederike Becht). Obwohl der junge Mann schon zu Schulzeiten eine bemerkenswerte literarische Aktivität entwickelt, widmet Breloer Brechts sexueller Umtriebigkeit deutlich mehr Raum, zumal die Begegnungen stets zu Kindern führten. Das ist zwar ganz interessant und durchaus kurzweilig, selbst wenn es kein gutes Licht auf den Helden wirft, aber ungleich reizvoller sind die 180 Minuten, wenn der Film Brecht bei der Arbeit, sprich: bei den Proben jener Inszenierungen zeigt, die seinen Weltrum begründet haben.

Eigentliches Herzstück des wegen der größeren Zeitspanne eher episodisch gestalteten ersten Teils ist daher nicht die romantische Ebene mit ihren einander überlappenden Beziehungen, sondern die Entwicklung der "Dreigroschenoper", weshalb sich ein Vergleich zu "Mackie Messer" geradezu aufdrängt. Joachim A. Langs Musical-Drama war 2018 der ebenso kühne wie fulminante Versuch, das Werk als großen Film im Film zu inszenieren. Seine Arbeitsweise kam Brechts Theorie vom epischen Theater, die auch Breloer beeinflusst hat, sehr nahe, denn das ehrgeizige Konzept bettet die Realisierung von Brechts filmischer Vision in verschiedene Rahmenhandlungen: Auf der einen Seite beschreibt Lang die Produktion des Films, auf der anderen schildert er die künstlerischen Differenzen zwischen dem Dramatiker und dem Filmproduzenten; und schließlich schildert er die Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre. Auch Breloer beherzigt in seinen Dokudramen ja die Brechung der filmischen Illusion: In Brechts Stücken erklären die Schauspieler dem Publikum die Handlung, bei Breloer und seinen Epigonen übernehmen die Zeitzeugen diesen Part.

Trotzdem hat Breloer einen ganz anderen Film gedreht, und das nicht nur wegen der cineastischen Opulenz von "Mackie Messer". Bei Breloer muten auch die Spielszenen mitunter bühnenhaft an; die beiden Werke sind ohnehin eher Komplementär- als Konkurrenzprojekte. Während Lars Eidinger den Dramatiker bei Lang als überlebensgroße Figur verkörpert, ist Breloers Brecht dank der Besetzung mit dem schmächtigen Schilling fast fragil, zumal der Schauspieler auch mit Mitte dreißig noch sehr jugendlich wirkt. Da er selbst Musiker ist, kann er den jungen Dramatiker authentisch als eine Art Liedermacher verkörpern, was seinen Erfolg bei Frauen zusätzlich erklärt. Bei Burghart Klaußner verhält es sich genau andersrum: Er ist mit Ende sechzig eigentlich deutlich zu alt für die Rolle; nun sind es Schlagfertigkeit und Witz, die ihn die Herzen der (nach wie vor jungen) Frauen zufliegen lassen. Weil Klaußner jedoch nie hinter der Figur verschwindet, ist der alte Brecht viel stärker vom Darsteller geprägt als der junge. Andererseits verleiht er dem Dramatiker die nötige Reife.

Das gilt ohnehin für den gesamten Film. Breloer (78) und sein von ihm als "Altmeister des Lichts" gewürdigter kongenialer Kameramann Gernot Roll (wird demnächst 81) sind längst in einem Alter, in dem andere ihre Preise zählen. Ihr gemeinsames Spätwerk ist daher auch eine Art Film gewordener Widerstand gegen die zunehmende Flüchtigkeit des Fernsehens. Dafür steht nicht zuletzt die große Kinomusik von Hans Peter Ströer, Breloers Hauskomponist seit drei Jahrzehnten. Welchen Stellenwert "Brecht" für den Autor und Regisseur hat, zeigt sich nicht zuletzt am langen Anlauf: Im Grunde hat er schon vor vierzig Jahren, als er eine Dokumentation über den Dramatiker und seine Jugendliebe gedreht hat ("Bi und Bidi in Augsburg", 1978), mit den Vorbereitungen begonnen.

Seither hat er immer wieder Interviews mit Weggefährten und Nachkommen Brechts geführt. Deren Erzählungen seien eine gute Grundlage gewesen, "sich dem Denkmal von Brecht zu nähern und den Klassiker vom Podest herunter zu bitten", wie Breloer sagt, um ihm als lebendigem Menschen begegnen zu können. Die meisten Gesprächspartner sind mittlerweile verstorben, darunter auch der im Film von Franz Dinda verkörperte Egon Monk, einst Brechts Regieassistent beim Berliner Ensemble, der später als Fernsehfilmchef des NDR viele junge Regisseure geprägt hat. Die Besetzung ist ohnehin vorzüglich, aber mit Adele Neuhäuser hat Breloer nicht nur schauspielerisch einen Volltreffer gelandet: Wie sie die späte Helene Weigel, Brechts Ehefrau, Hauptdarstellerin, Intendantin und Hüterin seines Nachlasses, getroffen hat, ist verblüffend. Der WDR zeigt beide Teile hintereinander.

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