TV-Tipp: "Ostfriesengrab" (ZDF)

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TV-Tipp: "Ostfriesengrab" (ZDF)
15.2., ZDF, 20.15 Uhr
Kommt eine Kommissarin zum Tatort, sagt der Kollege: "Warst du beim Friseur? Du siehst so anders aus." Klingt nach einem Witz für Insider, ist auch einer, denn die Frage ist im Grunde das interessanteste Rätsel dieses Films: Haben sich Drehbuchautor Nils-Morten Osburg, Regisseur Stefan A. Lukacs und/oder Schauspieler Barnaby Metschurat einen Scherz erlaubt? Ein Zwinker-Smiley in eigener Sache?

Schließlich ist die Frage des Kollegen absolut berechtigt, Kommissarin Ann Kathrin Klaasen sieht in der Tat ganz anders aus: nicht mehr wie Christiane Paul, sondern wie Julia Jentsch. Schon seltsam, wie ARD und ZDF immer wieder davon ausgehen, dass die Zuschauer derartige Wechselspiele anstandslos mitmachen werden. In Krimireihen, die  eigens fürs Fernsehen erdacht worden sind, lässt sich der Austausch von Hauptdarstellern einigermaßen elegant vollziehen, entweder radikal durch Ermordung (wie zuletzt in "Nord bei Nordwest") oder durch eine Versetzung (wie in "Friesland"). Basiert eine Reihe jedoch auf Romanvorlagen, bleibt bloß der stillschweigende Ersatz. Ganz reibungslos ist der Übergang nie, aber mitunter gerät der ursprüngliche Darsteller auch bald in Vergessenheit. Nur wenige Brunetti-Fans werden sich noch daran erinnern, dass einst Joachim Król wie die perfekte Verkörperung des venezianischen Commissarios wirkte: weil Uwe Kockisch womöglich noch besser zu Donnas Leons Romanfigur passte.

 "Ostfriesengrab" ist erst die vierte Verfilmung eines Klaasen-Romans von Klaus Peter-Wolf, die Reihe hat zudem längst noch nicht den Stellenwert anderer Samstagskrimis im ZDF (und wird diesen Status womöglich auch nicht erreichen). Vielleicht gelingt es Julia Jentsch mit ihrem zweiten oder dritten Auftritt, die Erinnerung an ihre Vorgängerin verblassen zu lassen; diesmal jedoch noch nicht, zumal einige Nebendarsteller (und damit auch deren Rollen) ungleich präsenter wirken. Größeres Manko des Films ist jedoch seine Beliebigkeit: Über weite Strecken hat der Österreicher Lukacs seine erste deutsche Fernseharbeit inszeniert, als handele es sich um Folge der Vorabendkrimiserie "Soko Aurich". Als der Fall nach einem zweiten Mord geklärt zu sein scheint und Kripochef Heide (Kai Maertens) die Akte schließen will, sind erst gut fünfzig Minuten verstrichen; aber es fühlt sich viel länger an.

Wie meist bei Wolf treibt ein Mehrfachmörder sein Unwesen. Die Mordserie beginnt mit einer Art Kreuzigung: Eine Frau wird tot in einem Baum gefunden, sie ist letztlich am eigenen Körpergewicht erstickt. Hauptverdächtiger ist ihr gewalttätiger Ex-Freund, Dieter Meuling (Anton Noori). Der versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Er hat im Gefängnis angeblich erfahren, wer Anns Vater auf dem Gewissen hat. Diese durchgehende Ebene ist viel interessanter als der aktuelle Mordfall: Klaasen senior (Ernst Stötzner) war ebenfalls Polizist und ist bei einem Banküberfall erschossen worden. Meuling bringt das Weltbild der Kommissarin, die ihren Vater verehrt und regelmäßig Zwiegespräche mit ihm führt, vorübergehend ins Wanken, als er behauptet, der alte Klaasen habe den Überfall selbst geplant und sei von seinen Komplizen getötet worden, weil er zu gierig wurde. Diese kurzzeitige Erschütterung hat zur Folge, dass sich die Kommissarin geradezu kindisch unprofessionell verhält, sodass Meuling fliehen kann. Später wird er von Anns Freund und Kollegen (Christian Erdmann) in Notwehr erschossen; sein Geheimnis nimmt er mit ins Grab.

Dieser Schuss markiert auch das vermeintliche Ende des Falls; allein Ann ist überzeugt, dass der Täter noch auf freiem Fuß ist. Wie in den anderen Filmen hat die Kommissarin neben den Erscheinungen ihres Vaters noch weitere Visionen: Sie nimmt die Position der beiden Opfer ein – das zweite hat sein Grab in einem Sandhaufen gefunden – und erlebt auf diese Weise den Todeskampf der beiden Menschen. Erst nach einem dritten Mord, bei dem ein Mann gefesselt im Watt ertrinkt, wird ihr klar, dass die Todesserie mit den vier Elementen zusammenhängt. Als sie versucht, das vierte Opfer zu befreien, stellt sie sich erneut derart dilettantisch an, dass nun auch ihr Leben in Gefahr ist.

Krimifans werden ohnehin keine große Freude an dem Film haben, weil die Besetzung schon gleich zu Beginn einen potenziellen Hauptverdächtigen präsentiert. Das Motiv des Mörders ist zwar halbwegs interessant, aber das rettet den Film ebenso wenig wie die Mitwirkung Udo Samels in einer Gastrolle als Videokünstler, dessen angeblich aufsehenerregende Installation kaum jemanden beeindrucken wird. Samstagabendformat haben nur der Vorspann und die Musik von Florian Tessloff, nicht jedoch der von Barnaby Metschurat am Rande der Karikatur verkörperte Kollege, dessen soziale Inkompatibilität hier nicht mehr zynisch, sondern bloß noch lächerlich wirkt. Ebenfalls kaum zu glauben, dass TV-Kommissare immer noch von "Pathologie" sprechen, wenn sie die Rechtsmedizin meinen; das ist bestimmt nicht auf dem Mist eines erfahrenen Krimiautors wie Osburg gewachsen. "Ostfriesengrab" ist mit Abstand die schwächste der vier Wolf-Adaptionen.

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