Im "Handstreich" gegründet

Evangelische Akademie Bad Boll

© epd-bild/Evangelische Akademie/Martina Waiblinger

Die evangelische Akademie Bad Boll will Brücken bauen zwischen Kirche und Gesellschaft, Linken und Rechten, Gewerkschaftern und Unternehmern, auseinanderdriftenden Gruppen in Deutschland und weltweit. Vor 75 Jahren wurde sie gegründet und ist die älteste und – gemessen an der Zahl der Veranstaltungen – die größte kirchliche Akademie in Deutschland.

Im "Handstreich" gegründet
Die größte und älteste Evangelische Akademie Deutschlands wird 75
Ihre Gründung war ein "Handstreich": Vor 75 Jahren wurde die Evangelische Akademie Bad Boll ins Leben gerufen. Bis heute gehen dort Prominente ein und aus. 

Das Logo der Evangelischen Akademie Bad Boll symbolisiert eine Brücke. Damit ist das Selbstverständnis angedeutet: Die Akademie will Brücken bauen zwischen Kirche und Gesellschaft, Linken und Rechten, Gewerkschaftern und Unternehmern, auseinanderdriftenden Gruppen in Deutschland und weltweit. Vor 75 Jahren wurde die Einrichtung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gegründet - sie ist damit die älteste und nach wie vor die größte kirchliche Akademie in Deutschland. 

Die Gründung war eine Handstreich des württembergischen Pfarrers Eberhard Müller (1906 - 1989). Nur wenige Monate nach Kriegsende trommelte er Ende September 160 "Männer des Rechts und der Wirtschaft" zu einer Tagung im Bad Boller Kurhaus unweit von Göppingen zusammen. Die Versammlung währte - für heutige Verhältnisse unvorstellbar - 14 Tage und wurde von Müller zur großen Überraschung von Landesbischof Theophil Wurm als "Gründungsakt" proklamiert: die Evangelische Akademie war geboren.

Müller gehörte eher dem national-konservativen Spektrum an. Er setzte sich für die Wiederbewaffnung Westdeutschlands ein, was ihn in schwere Konflikte mit Größen wie Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer und Gustav Heinemann stürzte. Er war ein unabhängiger Geist und brachte mit seinem Plädoyer für eine Einheitsgewerkschaft auch die christlichen Arbeitnehmerorganisationen gegen sich auf. Ihm ging es nach eigenen Worten darum, "die Kirche zu einer neuen Begegnung mit den ihr fern stehenden Menschen, ihrer Welt, ihren Nöten und ihren Fragen zu bringen".

Aufsehen erregende Tagungen

Mit Ende seiner Direktorenzeit 1971 verschoben sich die politischen Schwerpunkte in Bad Boll zeitweise weit nach links. Inspiriert von der Studentenrevolte dominierte die Gesellschaftskritik. Die Akademie kam in den Ruf, eine "rote Kaderschmiede" zu sein, sagt der heutige Direktor Jörg Hübner. Man habe sich damals offenbar auch als Kontrapunkt zu der lange alleinregierenden CDU im Ländle verstanden. 

Die Akademie hat mit ihren Tagungen immer wieder bundesweites Aufsehen erregt. So trafen dort 1968 der Philosoph Ernst Bloch und der Studentenführer Rudi Dutschke aufeinander. Später fanden in dem kirchlichen Haus auch Tagungen für Lesben statt. In jüngster Zeit sorgten Veranstaltungen zum Nahostkonflikt für Ärger, nachdem dort Referenten eingeladen waren, die von Kritikern als judenfeindlich eingestuft wurden.

Aus Akademie-Sicht geht es dabei immer ums Brückenbauen. Und das nicht nur im beschaulichen Bad Boll, 35 Kilometer südöstlich von Stuttgart. Im Frühjahr 2000 reiste etwa der damalige Direktor Jo Krummacher nach Kolumbien, um dort zwischen Regierung und Rebellen zu vermitteln. Veranstaltungen der Akademie gibt es zudem in Stuttgart und anderen Orten Württembergs. 

Akademiedirektor Hübner sieht als Markenzeichen seines Hauses die persönliche Begegnung. Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten sollten nicht nur übereinander reden, sondern miteinander, sagt er. So habe man vor kurzem auch Vertreter rechtspopulistischer Parteien aus Polen und Ungarn eingeladen, um das Verstehen zwischen konträren Positionen zu ermöglichen. Zu einer Tagung zum Staatskirchenrecht Ende Januar wurden die religionspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen eingeladen, darunter der Vertreter der AfD.

Diskurs nicht vernachlässigen

Die Arbeit der Akademie betrachtet Hübner als "Gesellschaftsdiakonie". In der Geschichte habe das evangelische Haus wesentliche Debatten in Deutschland geprägt, etwa zu den Themen Nachhaltigkeit, Westintegration, Feminismus oder Medienethik. Das Thema Umwelt habe die Einrichtung sehr früh entdeckt und sei mit seiner ökologischen Hauswirtschaft zum Vorbild geworden. 

Heute veranstaltet die Akademie jährlich 120 bis 150 Tagungen, an denen insgesamt rund 10.000 Menschen teilnehmen. Sie beschäftigt 25 Studienleiter und verfügt über ein Jahresbudget von 3,5 Millionen Euro. Auch in Zeiten von Social Media und "Fake News" sollte der Diskurs nicht vernachlässigt werden. "Demokratie braucht Zeit", betont Hübner. Bundesweit gibt es 16 weitere Evangelische Akademien, die von den Landeskirchen betrieben werden. 

 

Zum Jubiläum plant die Leitung statt einer Festschrift eine interaktive Darstellung der Geschichte im Internet. Zu einem Festakt im September haben sich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July, angesagt. Daneben wird es das ganze Jahr über Kunstaktionen, Tagungen und offene Veranstaltungen geben, bei denen sich die Akademie vorstellt. Außerdem wird eine Zukunftswerkstatt Ideen entwickeln, wie sich die Akademie in den kommenden Jahren positionieren soll.