TV-Tipp: "37 Grad: Nur das Heute zählt" (ZDF)

Alter Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "37 Grad: Nur das Heute zählt" (ZDF)
3.12., ZDF, 22.15 Uhr
Die meisten Menschen denken bei Demenz oder Alzheimer an betagte Herrschaften, die sich vielleicht noch gut an ihre Kindheit erinnern können, aber vergessen haben, was gestern war; und die ihre Brille gern mal im Kühlschrank deponieren.

Allerdings muss Demenz nicht erst im Alter auftreten. Jens Niehuss stellt in seiner mit knapp dreißig Minuten viel zu kurzen "37 Grad"-Reportage zwei Frauen und einen Mann vor, die zum Teil deutlich unter sechzig waren, als die Krankheit diagnostiziert wurde. Der Film mit dem treffenden Titel "Nur das Heute zählt" handelt jedoch nicht von Einzel-, sondern von Doppelschicksalen: Stärker noch als die Betroffenen stehen die jeweiligen Lebensgefährten im Mittelpunkt. Eine der beiden erkrankten Frauen, Jenny, hat ohnehin ein Stadium erreicht, in dem sie fast apathisch im Bett liegt; eine Unterhaltung mit Joachim ist im Grunde ebenfalls nicht mehr möglich, weil er nur einsilbig antwortet. Zwischendurch schaut er auch mal verwirrt Richtung Kamera, als frage sich, wer die fremden Menschen in seinem Haus sind.

Niehuss konzentriert sich allerdings auch deshalb auf die Ehepartner, weil sie kein eigenes Leben mehr führen können. Kurze Alltagsszenen genügen, um dies zu verdeutlichen: Bei Joachim, Mitte fünfzig, ist vor fünf Jahren Demenz diagnostiziert worden. Seinen Beruf hat er längst aufgeben müssen. Mittlerweile ist er derart auf seine Frau Andrea fixiert, dass er sie keine Sekunde aus den Augen lässt. Wenn sie einkaufen geht, wirft sie immer wieder mal ein Blick auf ihr Tablet: In der Wohnung sind überall Kameras installiert. 

In Deutschland leben rund 1,7 Millionen Demenzkranke; in den nächsten dreißig Jahren wird sich diese Zahl vermutlich verdoppeln. Niehuss zeigt in seinem Film, in den er unter anderem dank eines Gesprächs mit einer Therapeutin auch wichtige Hintergrundinformationen einfließen lässt, wie unterschiedlich sich die Krankheit entwickeln kann. Er hat die drei Paare mehrere Monate lang regelmäßig besucht und Betroffene ausgewählt, die sich in verschiedenen Stadien befinden. Christa zum Beispiel wirkt auf den ersten Blick ganz gesund. Sie war sechzig, als sie vor acht Jahren die Diagnose Alzheimer erhielt. Sie antwortet auf Fragen und macht sogar Scherze über die Krankheit. Den klassischen Test besteht sie jedoch nicht: Sie kann zwar ein Zifferblatt malen, aber es gelingt ihr nicht, die Zeiger so einzufügen, dass sie eine bestimmte Uhrzeit anzeigen. Welche Belastung ihre Erkrankung für ihren Mann Michael bedeutet, zeigt sich spätestens bei Niehuss' Gespräch mit Christas Bruder, der voller Bewunderung und Dankbarkeit für seinen Schwager ist. 

Am erschütterndsten sind jedoch die Bilder von Jenny. Sie ist 63 und hat Demenz im letzten Stadium; ihre Diagnose ist erst vor acht Jahren gestellt worden. Ihr Mann Peter ist siebzig und kann es sich nicht leisten, seinen Beruf als Bauingenieur aufzugeben und in Rente zu gehen: Er muss jeden Monat zusätzlich zum Pflegegeld 2.500 Euro für Jennys Unterbringung aufbringen. Diese Ebene des Films ist auch deshalb so berührend, weil Peter erst lernen musste, mit seinen Schuldgefühlen umzugehen: weil er im Gegensatz zu seiner Frau nach wie vor ein Leben hat. Das gilt für Andrea und Michael zwar auch, aber deren Dasein ist komplett und rund um die Uhr auf ihre Ehepartner ausgerichtet. Joachim hat sechs Monate nach dem ersten Besuch mittlerweile eine Betreuerin; seine Frau genießt es, sich zwischendurch immer wieder mal kleine Fluchten zu gönnen und mit Freunden auch mal wieder richtige Gespräche führen zu können. Dennoch macht sie so oft wie möglich Ausflüge mit ihrem Mann. Ginge es nach den Ärzten, wäre er längst tot: Sie haben ihm damals eine Lebenserwartung von fünf Jahren prognostiziert.

Auch Michael und Christa sind viel unterwegs, um zumindest die letzten Gemeinsamkeiten zu genießen. Etwas makaber erwähnt Michael, dass die Krankheit auch ihr Gutes habe: Wenn sie sich streiten, geht er eine halbe Stunde spazieren; bei seiner Rückkehr hat Christa den Streit längst vergessen. Ihr Langzeitgedächtnis hat sie im Unterschied zu Joachim jedoch noch nicht verloren. Dennoch fürchtet sich ihre Tochter vor dem Tag, an dem ihre Mutter sie nicht mehr erkennen wird. Für Peter ist dies das Schlimmste: dass der Mensch, den man geliebt hat, einfach nicht mehr da ist. Gerade wegen solcher Aussagen wird dieser Film über einen Abschied auf Raten seine Zuschauer wehmütig und betroffen zurücklassen. Das ändert nichts am Respekt vor den drei Paaren und ihren Angehörigen, die sich für diese wichtige Reportage zur Verfügung gestellt haben. 

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