Urban Gardening auf alten Gräbern

Mitteln aus dem Berliner Programm für nachhaltige Entwicklungfördern Neunutzung von Freiflächen auf Berliner Friedhöfen.

© imago/Rolf Zöllner

Der evangelische Friedhof St. Jacobi in Berlin-Neukölln wird für Urban Gardening Projekte genutzt.

Urban Gardening auf alten Gräbern
Es gibt deutlich mehr Urnen- als Erdbestattungen. Das bedeutet, auf den Friedhöfen wird Platz frei. In Berlin sollen brachliegende Friedhofsflächen deshalb verstärkt für Erholungs- und Bauprojekte genutzt werden.
22.11.2019
Christine Xuân Müller
epd

Grund sei die sich verändernde Bestattungskultur, sagte der Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte (EVFBS), Pfarrer Klaus-Ekkehard Gahlbeck, dem Evangelischen Pressedienst. Die Zahl der Urnenbeisetzungen steige kontinuierlich, sagte Gahlbeck: "Früher war das Verhältnis zwischen Erdbeisetzungen und Urnenbeisetzungen etwa bei 80 zu 20. Heute ist es genau umgekehrt."

Der Friedhofsverband verwaltet in der Berliner Innenstadt 46 Friedhöfe und entwickelt Nachnutzungsmöglichkeiten für brachliegende Flächen. Das Spektrum reicht von Urban Gardening Projekten - also dem gemeinschaftlichen Gärtnern in der Großstadt - über eine Gedenkstätte für das bundesweit einzige kirchliche Zwangsarbeiterlager im Zweiten Weltkrieg bis hin zum Bau von Flüchtlingsheimen sowie sozialen Wohnungsbau. Die Projektfülle innerhalb eines Friedhofsverbandes ist Gahlbeck zufolge bundesweit einzigartig.

Schulen, Kitas und Wohnheime

In Berlin müsse für Nachnutzungen von ehemaligen Grabfeldern eine Ruhefrist von mindestens 20 Jahren als Pietätsfrist eingehalten werden, erklärte der Pfarrer. Danach gebe es eine weitere zehnjährige Pietätsfrist, die nur vom Berliner Senat aufgehoben werden könne.

Bildergalerie

Alles ist endlich - Individuelle Grabsteine

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Nikolaus Seubert ist Steinbildhauer und hat sich auf Grabsteine spezialisiert. In Berlin-Prenzlauer Berg hat er auf dem Friedhofsgelände der Georgen-Parochialgemeinde sein Atelier. Der Besucher lässt den Lärm der Stadt hinter sich, sobald er dieses Kleinod in der Mitte Berlins betritt. Seubert hat die alte Remise als Ruine übernommen und mit viel Eigeninitiative saniert.

Grabstein

© Severin Wohlleben

Die wenigsten Menschen lassen sich zu Lebzeiten einen Grabstein anfertigen. Das Thema Tod - und wie man das eigene Ableben gestalten möchte, ist keines, das im Leben eine Rolle spielt. Und selbst, wenn es um den Tod von nahestehenden Menschen geht, wissen nicht viele, welche Möglichkeiten es gibt, das Grab zu gestalten. Es muss keine Massenware sein. Eine Grabstele kann individuell sein und so viel liebevoller an den geliebten Menschen erinnern.

Steinbildhauerei

© Severin Wohlleben

In der Remise duftet es nach frisch gebrühtem Tee, kleine Steinbildhauereien stehen auf dem Tisch. In der Werkstatt ist Nikolaus Seubert bei der Arbeit. Der Ort wirkt lebendig, obwohl es hier um den Tod geht.. Seit 1980 lebt Seubert schon in Berlin. Vom katholischen Süden in den protestantischen Norden. Das Handwerk hat er in der Ausbildung gelernt, dann den Meister gemacht und schließlich seine künstlerische Nische entdeckt.

Erinnerungsstücke

© Severin Wohlleben

Gibt es einen Gegenstand, der mich an die verstorbene Person erinnert? In einer Stele ist ein Kreisel integriert. Die verstorbene Mutter hat Kreisel gesammelt, und für die Tochter war klar, dass ihr Grabstein an ihre kleine, geliebte Leidenschaft erinnern sollte.

Steinarbeit

© Severin Wohlleben

Die Steine, die der Handwerksmeister benutzt, kommen allesamt aus europäischen Steinbrüchen. "Keine Kinderarbeit", wie er betont. Kalkstein, Sandstein, Dolomit oder Thüringer Travertin aus Bad Langensalza – das sind die Steine, die er bearbeitet. Zuerst grob, dann sanft mit einem Marmorschaber. Soll der Stein hell sein oder dunkel? Wie möchte ich die Oberfläche haben, rau und wild oder glatt poliert? Stein ist eben nicht Stein.

Werkstatt

© Severin Wohlleben

Knorrige Hölzer, alte Bienenwaben, ein alter verrosteter Sargnagel, all diese Gegenstände hat Seubert schon in seinen Stelen verarbeitet. Er finde immer etwas, wenn er durch die Natur laufe oder auch durch die Stadt. Aufs Auge komme es an. Und die Fantasie.

Skizze

© Severin Wohlleben

Politisch ist Nikolaus Seubert, wenn es ums Sterben geht. Ein Thema, das ihn bewegt. Die Friedhofskultur habe sich verändert. Der Trend gehe hin zu Urnen, zu Feldern mit anonymen Gräbern, zum Friedwald, oft schlecht erreichbar außerhalb der Stadt. Die innerstädtischen Friedhofsflächen schrumpften - Bauland ist in Berlin viel wert. Die Kirchen bräuchten Geld. Es ginge nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um das richtige Maß: "Die Grabstellen sind viel zu klein, warum gibt man den Leuten nicht mehr Platz?"

Friedhof

© Severin Wohlleben

"Friedhöfe sagen sehr viel aus, über die Menschen, die hier gelebt haben." Wer kennt das nicht: Im Ausland, der kleinen Stadt in den Bergen, oder den großen Metropolen der Welt? Oft sind es die Friedhöfe, die uns reizen, die Geschichten der Menschen, die dort begraben sind, die unsere Phantasie anregen. Ein schönes Grabwort über die junge unbekannte Schönheit, die vielen Blumen am Grab desjenigen, der schon lange Zeit tot ist. Die Namen, die Verwandtschaftsverhältnisse, das Todesdatum, das überproportional oft zu lesen ist. Friedhöfe sind unser Erbe für die Nachwelt.

Kunstwerk

© Severin Wohlleben

Eine von Seubert gearbeitete Stele braucht Zeit. Es gibt Vorgespräche. Man nähert sich an, versucht gemeinsam eine Idee für den Stein zu entwickeln. Wenn dann feststeht, wie er aussehen soll, dann dauert es in der Regel fünf bis sechs Wochen, bis aus dem Rohstück ein Kunstwerk entstanden ist.

Friedhof

© Severin Wohlleben

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? Wer geht, der nimmt nichts mit. Keine Reichtümer, auch keine Armut. Er bleibt in der Erinnerung derer, die ihn liebten und auch derer, die das vielleicht nicht taten. Was bleibt von einem Menschen, wenn er geht? Am Ende auch der Ort, an dem die Mutter, der Vater, das Kind, der Freund, die Freundin die letzte Ruhe findet.

Der Friedhofsverband will im Zentrum Berlins brachliegende Friedhofsflächen zu zwei Dritteln für "grüne Projekte" nutzen. So gibt es ein Urban Gardening Projekt im Stadtbezirk Neukölln. In Berlin-Kreuzberg ist ein Friedhofspark geplant, zu dem zahlreiche denkmalgeschützte Wandgräber von historischen Persönlichkeiten zählen. Ziel sei es, hochwertige Grünflächen zu schaffen und die Biodiversität zu erhöhen.

Ein Drittel der Friedhofsbrachen in der Berliner Innenstadt soll als Bauland oder für Infrastrukturprojekte zur Verfügung gestellt werden, sagte Gahlbeck. Dazu zähle der Bau von öffentlichen Schulen, Kitas und Spielplätzen. In Kreuzberg und Neukölln sollen im kommenden Jahr zwei Flüchtlingswohnheime für insgesamt rund 350 Bewohner entstehen.

Im Stadtteil Weißensee und Neukölln sind zwei soziale Bauprojekte geplant. Diese seien genossenschaftlich organisiert. "Wir wollen der Spekulation Einhalt gebieten", betonte der EVFBS-Geschäftsführer: "Gerade für die Menschen wollen wir etwas entwickeln, die in dieser Stadt so extrem schlechte Chancen haben."

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