TV-Tipp: "Zwei Leben" (Arte)

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TV-Tipp: "Zwei Leben" (Arte)
27.11., Arte, 20.15 Uhr
Vermutlich gibt es noch viele düstere Ereignisse aus der deutschen Vergangenheit, die darauf warten, enthüllt zu werden. Eine dieser Geschichten erzählt Georg Maas in seinem Film "Zwei Leben".

Er befasst sich mit einem Kapitel, dem bislang nur wenig Beachtung geschenkt worden ist. Sein Drehbuch, das auf Motiven des Romans "Eiszeiten" von Hannelore Hippe beruht, setzt sich mit gleich zwei Epochen auseinander. Die Handlung beginnt 1989, doch die Wurzeln sind viel älter: Bei ihren Mitbürgern galten norwegische Frauen, die sich während des Zweiten Weltkriegs auf Beziehungen mit deutschen Soldaten einließen, als Verräterinnen; erst recht, wenn sie auch noch schwanger wurden. Die SS dagegen unterstützte die werdenden Mütter im Rahmen des Vereins "Lebensborn", verschwieg ihnen allerdings, dass sich das "Dritte Reich" von diesem Nachwuchs eine "Aufnordung des deutschen Blutes" erhoffte. Die meisten Kinder landeten schließlich in sächsischen Heimen. Nur wenigen gelang es nach dem Krieg, ihre Mütter wiederzufinden. "Zwei Leben" erzählt von einer Form der vermeintlichen Familienzusammenführung, die es tatsächlich gegeben hat: Sie wurde Ende der Sechzigerjahre von der Abteilung Auslandsaufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit organisiert.

Mit diesem Hintergrund rückt Maas allerdings erst nach und nach raus. Zunächst ist völlig unklar, warum die Norwegerin Katrine (Juliane Köhler) nach der deutschen Wiedervereinigung eilends in den Osten Deutschlands reist, um dort nach Spuren ihrer Kindheit zu suchen. Geschickt schürt der Film die Neugier, zumal sich die Handlung auf mehreren Ebenen abspielt. Grobkörnige Rückblenden in Katrines Jugend deuten ihre Verbindung zur Stasi an. Ein Anwalt (Ken Duken), der im Namen der "Lebensborn-Kinder" eine Klage beim Europäischen Gerichtshof einreichen will, treibt die Ereignisse voran. Als sich Katrine bei einer öffentlichen Anhörung in Widersprüche verwickelt, stellt sich raus, dass sie unmöglich jene Frau sein kann, die zwanzig Jahre zuvor mit einem Ruderboot aus Hiddensen nach Dänemark geflohen ist. Aber mit der Aufdeckung der Wahrheit ist die Vergangenheit noch nicht beendet: Der lange Arm der Stasi reicht auch bis Norwegen. Und dann ist da noch die Frage, was aus der echten Katrine geworden ist.

Seine Spannung verdankt der Film in erster Linie der klugen Konstruktion des Drehbuchs, an dem insgesamt ein halbes Dutzend Personen beteiligt war. Obwohl die Handlung ständig die Zeitebenen wechselt, verliert man nie den Überblick; selbst wenn es zunächst naturgemäß verwirrt, dass die Rückblenden in Katrines Vergangenheit zwei verschiedene Personen zeigen. Neben der sorgfältigen Bildgestaltung durch Judith Kaufmann (die auch als Ko-Regisseurin geführt wird) sowie einer zurückhaltenden, aber sehr stimmigen Musik (Christoph M. Kaiser, Julian Maas) beeindruckt "Zwei Leben" vor allem durch die ausgezeichneten Darsteller. Juliane Köhler gelingt es vortrefflich, die zwei Seelen in Katrines Brust zu verkörpern, so dass man akzeptiert, dass die Täterin gleichzeitig auch Opfer ist. Treffend besetzt sind auch die Nebenrollen, darunter Rainer Bock als Katrines früherer Führungsoffizier sowie Sven Nordin, ein Typ wie Hardy Krüger, als ihr Mann. Besonders berührend ist das Wiedersehen mit Liv Ullmann, einer der bevorzugten Schauspielerinnen Ingmar Bergmans, in der tragischen Rolle von Katrines Mutter. Klara Manzel (die Tochter von Dagmar Manzel) spielt die junge Katrine, auch sie macht ihre Sache sehr gut. Und so ist "Zwei Leben" ein gerade in den Details immer wieder überraschendes, vorzüglich gespieltes Drama, das fast zwangsläufig kein gutes Ende nehmen kann.

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