Deshalb schweigt die einzige Arp-Schnitger-Orgel außerhalb Europas

Kathedrale in Brasilien mit Arp-Schnitger-Orgel

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In der Kathedrale "Catedral Basilika Nossa Senhora da Assunção" in Mariana (Brasilien) steht die einzige Arp-Schnitger-Orgel außerhalb Europas.

Deshalb schweigt die einzige Arp-Schnitger-Orgel außerhalb Europas
Orgeln von Arp Schnitger bringen Musikliebhaber zum Schwärmen. In Brasilien steht die einzige Schnitger-Orgel außerhalb Europas Wie das Instrument seien Weg über den Ozean gefunden hat und warum es seit drei Jahren schweigt, erfahren Sie hier.

In den 70er-Jahren entdeckte der deutsche Organist und Dirigent Karl Richter im brasiliansichen Hochland ein Instrument, dass ihm merkwürdig vertraut vorkam. Die klare Bauweise, die gleichmäßig an- und absteigenden Pfeifen und der kompakte Korpus ließen eigentlich keinen anderen Baumeister zu als Arp Schnitger. Die Verwirrung war groß. Denn wie kam so ein Instrument ins Hinterland von Minas Gerais?

Als Elisa Freixo die Orgel kennen lernte, war sie in einem schlechten Zustand: "Sie war sehr schmutzig, die kleinen Flöten waren weg, die Zungen haben auch große Probleme gemacht. Termiten fraßen das Holz." Die Orgel musste dringend restauriert werden. Also betraute die Kirchengemeinde eine Hamburger Orgelwerkstatt mit der Restaurierung. Das Ergebnis war eine der originalgetreuesten historischen Orgeln der Welt.

Elisa Freixo auf der Orgelempore.

"Die Verzierungen sind wahrscheinlich noch original aus dem 18. Jahrhundert", sagt Elisa Freixo und zeigt auf die chinesischen Bemalungen an den Türen am vorderen Teil der Orgel. "Das war so eine Modererscheinung im Portugal jener Zeit. Wer mit seinem Reichtum protzen wollte, bemalt seine Orgeln in rot-gold, mit Pagoden und chinesischen Schiffen."

Lange Jahre hat die Organistin Elisa Freixo auf der Orgel Konzerte gegeben – neben Bach und Buxtehude spielte sie auf ihr auch moderne Orgelmusik aus Brasilien. Die Konzerte waren voll, die Menschen staunten über die exotischen Orchesterklänge aus dem Kasten.

Die chinesischen Verziehungen auf den Türen der Arp-Schnitger-Orgel spiegeln den Reichtum der Seefahrer Nation Portugal wieder.

Doch seit drei Jahren schweigt die Orgel, in ihre Einzelteile zerlegt, eingelagert in einem Museum. Denn die Kathedrale von Mariana ist geschlossen. Schon länger war sie kein würdiges Zuhause mehr für das Instrument: Die Elektrik schmorrte in den porösen Wänden vor sich hin, auch die Empore entsprach nicht mehr dem neusten Stand der Statik. Die Kirche musste geschlossen werden, ein Jahr sollte die Renovierung dauern. Das war 2016. Und nach dreieinhalb Jahren schweigt die Orgel noch immer. Für Elisa Freixo ein Ding der Unmöglichkeit. Denn die Orgel ist weltweit einzigartig.

Um 1700 entsteht in der Werkstatt des Hamburger Orgelbauers Arp Schnitger die größte Orgel der Welt. In der Hamburger Jacobikirche steht seitdem ein Koloss mit über 4.000 Pfeifen. Die Nachricht von dem sensationellen Instrument verbreitete sich mit den Hamburger Kaufleuten bis ins ferne Lissabon. Zu der Zeit waren die Portugiesen eine reiche Seefahrernation. Ihr Reich erstreckte sich von Südamerika bis ins ferne China. Mit einem prunkvoll verzierten Instrument aus Deutschland wollte der portugiesische König seine weltweite Vorherrschaft unterstreichen.

Arp Schnitger baute also ein Instrument für die Kathedrale in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Doch der König bekam einen Tipp, wie er das Instrument noch gewinnbringender einsetzen könnte. Denn in der Neuen Welt hatten portugiesische Jesuiten gerade enorme Schwierigkeiten, den Menschen in Brasilien den katholischen Glauben schmackhaft zu machen. Die Indios könnten – so schrieb der Bischof von Brasilien 1552 an den portugiesischen Hof - nicht einmal 45 Minuten stillsitzen, um seiner Predigt gebannt zu lauschen. Aber an einem Punkt habe man die Aufmerksamkeit der Ureinwohner doch noch erregen können: "Sie lieben alles was neu ist.". Deswegen möge man doch bitte nicht vergessen, weitere Orgeln nach Brasilien zu schicken - um die "Wilden" bei der Stange zu halten.

Das damals ungewöhnliche Instrument sollte die Aufmerksamkeit der Ureinwohner wecken und in die Kirche locken.

So kam auch die alte Dame aus Hamburg im Jahre 1753 von Lissabon nach Rio de Janeiro. Die Orgel verließ die portugiesische Hauptstadt gerade rechtzeitig, denn 1755 wurden große Teile der Stadt von einem Erdbeben zerstört. Ihre neue Heimat fand das Instrument schließlich in der Goldgräberstadt Mariana, im Hochland von Minas Gerais. Die Stadt war so reich, dass sie sich - als eine von wenigen - eine Kathedrale mit eigenem Organisten leisten konnte.

Der Arp-Schnitger-Experte Harald Vogel erzählt, dass Orgeln gar nicht so selten ihren Weg über den Ozean fanden: "Übrigens auch auf die kanarischen Inseln. Wenn die Schiffe von Hamburg nach Südamerika fuhren, hatten sie eben Platz, um etwas mitzunehmen." So sei ein Handelssystem entstanden, in dem Orgeln eine Rolle spielen. Denn die Hamburger Kaufleute kamen in der Zeit nach dem dreißigjährigen Krieg um die ganze Welt. Hamburg wurde nie belagert, sondern belieferte sogar alle Kriegsparteien mit Waffen und Munition. So kam die Hansestadt zu einigem Wohlstand – und konnten sich die teuersten Orgeln und besten Organisten der Zeit leisten. Und mit den Kaufleuten verbreitete sich auch der norddeutsche Orgelbaustil von Arp Schnitger.

Bildergalerie

Magier des Orgelklangs: Arp Schnitger

Wappen von Arp Schnitger am KIrchenstuhl in Hamburg-Neuenfelde

© epd-bild/Jens Schulze

Wappen von Arp Schnitger am KIrchenstuhl in Hamburg-Neuenfelde

© epd-bild/Jens Schulze

Das Wappen von Arp Schnitger am Kirchenstuhl in der evangelischen Kirche in Hamburg-Neuenfelde. Der 1648 in Schmalenfleth in der Wesermarsch geborene Schnitger hat in Norddeutschland und angrenzenden Regionen über 160 Orgeln erbaut oder weitergebaut. Auch seine vier Söhne wurden Orgelbauer.

Prospekt der Schnitger-Orgel in der Kirche St. Cosmae, Stade

© epd-bild/Jens Schulze

In der St.-Cosmae-Kirche in Stade baute Arp Schnitger zusammen mit seinem Schwager Berendt Huss sein wohl erstes Instrument. 1675 wurde die Orgel vollendet, sie ist bis heute erhalten.

Orgelbauer Heiko Lorenz prüft Orgelpfeifen

© epd-bild/Jens Schulze

Orgelbaumeister Heiko Lorenz prüft die Pfeifen der Arp-Schnitger-Orgel von 1699 in Ganderkesee (Kreis Oldenburg).

Inneres der St.-Georgs-Kirche in Weener (Ostfriesland) mit Blick zur Orgel

© epd-bild/Gerold Meppelink

Gedrungene Backsteinbauten wie die St.-Georgs-Kirche in Weener im ostfriesischen Rheiderland bieten den klangvollen Instrumenten Arp Schnitgers ihren angemessenen Rahmen.

Martin Böcker an der Arp Schnitger-Orgel von Steinkirchen

© epd-bild/Dieter Sell

Der Kirchenmusiker Martin Böcker demonstriert die Schnitger-Orgel in der evangelischen Kirche von Steinkirchen im Alten Land. Zwischen Hamburg und Stade gibt es in zahlreichen Dörfern historische Orgeln. Mit seinen instrumentalen Schätzen gehört das Alte Land zur reichsten Orgelregion der Welt, die entlang der Nordseeküste von Hamburg bis in die Niederlande reicht.

Das Haus Arp Schnitger in Hamburg Francop

© epd-Bild/Stephan Wallocha

Das Haus Arp Schnitgers an der Straße Vierzigstuecken in Hamburg Francop. Der Orgelbauer siedelte 1682 mit seiner Werkstatt von Stade nach Hamburg über, wo er in den folgenden Jahrzehnten seine größten Instrumente schuf.

Eine Bildtafel in St. Bartholomaeus in Golzwarden zeigt den Orgelbauer Arp Schnitger

© epd-bild/Jörg Nielsen

Wie Arp Schnitger ausgesehen hat, wissen wir kaum. Auf einer Bildtafel in seiner Taufkirche St. Bartholomaeus in Golzwarden bei Brake (Oldenburger Land) soll er in der Mitte zu sehen sein. Die etwa 40 mal 70 Zentimeter große Tafel befindet sich am Orgelbalkon und stammt aus dem Jahr 1700 oder 1701.

Zwei Orgelbauer arbeiten an der Schnitger-Orgel in der Johanniskirche Oederquart

© epd-bild/Dieter Sell

Orgelbauer arbeiten im Dezember 2016 an der Schnitger-Orgel in der Johanniskirche Oederquart bei Hamburg. Der Originalklang des Instrumentes wurde bei einer umfangreichen Sanierung weitgehend wieder hergestellt.

Restaurierte Registerbeschriftungen der Arp-Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde

© epd-Bild/Stephan Wallocha

Bei der Sanierung der Arp-Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde wurde etwa die Hälfte der 1700 Pfeifen nach historischen Vorbildern neu gefertigt. Die alten Registerbezeichnungen blieben erhalten.

Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde, Blick auf die Pfeifen im Rückpositiv

© epd-Bild/Stephan Wallocha

Im Gehäuse der Orgel in Hamburg-Neuenfelde stehen Pfeifen ganz unterschiedlicher Bauarten und Größen zusammen.

Klaviaturen der Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde

© epd-Bild/Stephan Wallocha

Die Klaviaturen des Instrumentes in Hamburg-Neuenfelde sind vor der letzten Renovierung uneben, die Tastenbeläge fehlen zum Teil - deutliche Spuren des Jahrhunderte langen Gebrauchs.

Registerzüge der Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde

© epd/Stephan Wallocha

Mittels der Registerzüge wählt der Organist die passenden Klangfarben aus einer reichhaltigen Palette aus.

Prospekt der Schnitger-Orgel in Hamburg-Neuenfelde, Untersicht

© epd-bild/Stephan Wallocha

Der eindrucksvolle und klar gegliederte Orgelprospekt ist typisch für die Instrumente Arp Schnitgers. In neuem Glanz erstrahlt er in der St. Pankratius-Kirche Hamburg-Neuenfelde. Dort wurde der Orgelbauer am 28. Juli 1719 auch begraben.

Historische Orgeln erleben in Brasilien gerade einen Boom: "Im 20. Jahrhundert fielen wir in Brasilien in ein sehr großes Loch", erzählt Elisa Freixo, "keiner interessierte sich mehr für die Instrumente. Erst meine Generation hat das wieder angefangen. Jetzt werden Orgeln restauriert, neu gekauft, neu gebaut, bestellt." Umso frustrierender, dass "ihre" Orgel schweigen muss. Und so zählt Elisa Freixo die Tage, bis die einzige Arp-Schnitger-Orgel außerhalb Europas wieder erklingen kann.