Deutsch-deutsche Grenze in Ostfriesland

Pastor Florian Bortfeldt im ostfriesischen Idafehn vor den früheren Sperranlagen der DDR.

© epd-bild/Jörg Nielsen

Der evangelische Pastor Florian Bortfeldt will verhindern, dass die vielen Opfer der DDR-Grenze in Vergessenheit geraten. Bortfeldts Schwiegermutter scheiterte bei ihrem ersten Fluchtversuch durch die Kanalisation. Doch dann gelang die Flucht.

Deutsch-deutsche Grenze in Ostfriesland
Nach dem Ende der DDR wurden 1.934 Kilometer Sperranlagen beseitigt. Kaum etwas erinnert noch an die die tödliche Grenze. Ein Pastor in Ostfriesland will das nicht hinnehmen und hat ein Mahnmal in seinem Garten errichtet.

"Halt! Hier Grenze" warnt ein Schild hinter einer Buschhecke. Nur wenige Meter weiter steht bedrohlich eine große schwarz-rot-goldene Grenzstele mit dem Emblem der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) samt Hammer und Zirkel. Besucher in Ostfriesland reiben sich verblüfft die Augen, wenn sie unverhofft auf diese originalgetreue Nachbildung der ehemaligen deutsch-deutschen Grenzanlage stoßen. Pastor Florian Bortfeldt hat sie in seinem Garten in Idafehn aufgebaut.

Seit 23 Jahren arbeitet der 52-jährige Hobby-Historiker die Geschichte der Grenze auf. Er sammelt Geschichten und Fotos von Erinnerungsstücken, um sie im Internet unter "www.grenzerinnerungen.de" zu veröffentlichen. Und einige Stücke zeigt er im Garten. Neu ist dort etwa ein gut drei Meter hoher Maschendrahtzaun aus massivem Stahl, der einst Menschen an der Flucht hinderte. Die einzelnen Maschen sind groß genug, um mit den Fingern hineinzugleiten. Aber sie sind so scharf, dass sich niemand daran hochziehen kann - er würde sich blutige Hände holen.

Familiäre Fluchtgeschichte

Bortfeldt ist kein ostalgisch veranlagter Sammler von Devotionalien. "Diese Grenze hat so viel Leid gebracht - das darf nicht einfach vergessen werden", sagt der evangelische Pastor. Auch in seiner Familie gibt es schmerzhafte Erinnerungen. Bortfeldts Schwiegermutter gelang die Flucht unter abenteuerlichen Umständen: Nach einem Besuch bei ihrem Freund fährt die damals 23-Jährige mit einer der letzten S-Bahnen am 12. August 1961 von West-Berlin zurück in den Osten nach Potsdam. Wenige Stunden später ist die Grenze dicht, und der Bau der Mauer beginnt.

Seit 23 Jahren arbeitet der 52-jaehrige Hobby-Historiker die Geschichte der Grenze auf.

Ein erster Fluchtversuch durch die Berliner Kanalisation wird verraten und scheitert. Glücklicherweise kann die junge Frau unerkannt entkommen. Erst im Oktober 1961 gelingt ihr die Flucht mit einem gefälschten schwedischen Pass über den Checkpoint Charlie. Wochen vorher übte sie heimlich Schwedisch, um nicht aufzufallen. "Bis heute bekommt sie Schweißausbrüche, wenn sie davon erzählen soll", erzählt Florian Bortfeldt.

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Bis 1989 hinderte ein ausgeklügeltes System von 1.394 Kilometern Sperranlagen von der Ostsee bis zum Dreiländereck zwischen Bayern, Sachsen und der damaligen Tschechoslowakei die Menschen daran, ohne staatliche Genehmigung von der DDR in die Bundesrepublik zu gelangen. Weil die DDR Grenzverletzungen verschleierte, schwankt die öffentlich genannte Zahl der Todesopfer an der Grenze zwischen 86 und mehr als 250. Viele wurden verbrannt und anonym bestattet. "Häufig wurden die Angehörigen nicht einmal informiert", sagt Bortfeldt. "Die Opfer verschwanden einfach." Bis heute sei das Schicksal zahlreicher Flüchtlinge unbekannt. "Die Geschichte der deutsch-deutschen Grenze ist noch lange nicht aufgearbeitet."

Zeichnung der früheren Grenzsperranlagen zwischen der DDR und der Bundesrepublik.

Nach dem Fall der Mauer im November 1989 seien die Grenzanlagen mit atemberaubender Geschwindigkeit abgerissen und beseitigt worden, beklagt der Pastor. "Wer nicht selbst leidvolle Erfahrungen mit der Grenze gemacht hat, braucht materielle Denkmäler", sagt er. Auch nach der NS-Zeit seien alle sichtbaren Hinweise an die Vergangenheit schnell entfernt worden: "Darum fällt es Jugendlichen heute so schwer, sich diese Zeit vorzustellen."

Früher mussten Bortfeldts Konfirmanden den Grenzlehrpfad im Pfarrgarten besuchen. "Das mache ich heute nicht mehr. Die 12- bis 14-Jährigen können mit der Bezeichnung DDR überhaupt nichts mehr anfangen." Interessanter sei sein Garten mittlerweile für Schulen: Wenn es im Unterricht um die jüngere deutsche Geschichte geht, kommen Lehrer und Schülern hierher, sagt Bortfeldt: "Was man gesehen und gespürt hat, das vergisst man nicht so leicht."