TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Heimatliebe" (ARD)

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TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Heimatliebe" (ARD)
25.8., ARD, 20.15 Uhr
Grenzgeschichten haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie können sich nicht nur mit Klischees und Vorurteilen hüben wie drüben auseinandersetzen, sondern auch die gemeinsame Historie beleuchten. "Heimatliebe", ein "Polizeiruf" des RBB, erzählt so eine Geschichte, aber das wird erst später deutlich.
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Zunächst geht es um einen herrenlosen Finger und einen brennenden Stall. Wem der Finger gehört, bleibt erst mal offen, aber der Stall gehört dem polnischen Landwirt Sekula, und weil in Folge der Brandstiftung sein Vieh verendet ist, steht er nun vor dem Ruin. Seine deutsche Frau Jenny (Anna König) wüsste einen Ausweg, doch der kommt für den Bauern nicht in Frage: Westeuropäische Agrarkonzerne kaufen in der fruchtbaren Gegend Land in großem Stil. Sekula würde ein ausgezeichnetes Geschäft machen, doch er beharrt darauf, die Tradition seiner Familie fortzuführen. Als er eines Nachts zusammengeschlagen wird und durch einen Tritt gegen den Kopf stirbt, hat Jenny freie Bahn, was sie in den Augen des Duos Lenski und Raczek (Maria Simon, Lucas Gregorowicz) von der deutsch-polnischen Ermittlungsstelle prompt verdächtig macht.

Dieser Teil der Geschichte klingt nach klassischem Sonntagskrimi: Mord aus Habgier. Aber da ist ja noch die Sache mit dem Finger. Außerdem kommt eine weitere Ebene ins Spiel: Während sich Raczek in Polen tummelt, muss Lenski ins brandenburgische Falkenhain. Dort hält der vierschrötige Eigenbrötler Jaschke (Waldemar Kobus) einen Gerichtsvollzieher gefangen, der sein Auto pfänden wollte: Jaschke weigert sich, Steuern zu zahlen, denn er betrachtet sich als Einwohner der preußischen Provinz Brandenburg. "Ein harmloser Spinner", der Sehnsucht nach dem Kaiserreich habe, versichert Bürgermeister Seedow, der die Kommissarin von früher kennt, weil er einst in ihre Mutter verliebt war. Der Ortsvorsteher ist ein Spross von altem Provinzadel und wird von Hanns Zischler gespielt, weshalb es nicht weiter überrascht, dass er bei der Verknüpfung des polnischen und des brandenburgischen Handlungsstrangs seine Finger im Spiel hat.

"Heimatliebe" ist der erste Fernsehfilm von Christian Bach (Buch und Regie), der vor einigen Jahren mit dem sehenswerten Kinodebüt "Hirngespinster" (2014) sein außerordentliches Talent offenbart hat. Das Drama mit Jonas Ney und Tobias Moretti erzählt die Geschichte einer Familie, die an der psychischen Erkrankung des Vaters zu zerbrechen droht. Mit seinem seelenruhig inszenierten "Polizeiruf", bei dem allein die Musik (Sebastian Pille, Martin Rott) im Hintergrund für Spannung sorgt, wendet sich Bach einem völlig anderen Thema zu. Hintergrund sind nationalistische Bewegungen auf beiden Seiten der Grenze, wobei zunächst die Motive der Polen im Zentrum stehen, weil sie mit ihrem historischen Trauma konfrontiert werden: Vor achtzig Jahren kamen die Deutschen mit Panzern, heute ist ihre Waffe das Geld, doch da der Grundbesitz nicht ohne Weiteres an ausländische Investoren verkauft werden kann, gibt es Strohmänner, die mit den Finanzinvasoren kooperieren. Der Zorn der Einheimischen ist also völlig verständlich, führt aber dennoch zu Diskussionen zwischen Lenski und Raczek. Der Kollege ist zwar im Ruhrgebiet aufgewachsen, bei diesem Thema jedoch ganz Pole.

Nicht nur deshalb sind die polnisch-deutschen Ressentiments ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Sie äußern sich auch in diversen Streitigkeiten der Familie Sekula: Tomasz (Joshio Marlon), der 15jährige Sohn des Landwirts, ist Alleinerbe und weigert sich zum Unmut seiner Stiefmutter, einem Verkauf des Hofs zuzustimmen. Sein Onkel Andrzej  (Marcin Pietowski) spielt dabei eine besonders unrühmliche Rolle. Gleiches gilt für die Familie Seedow, auch wenn es etwas irritiert, dass Gudrun Ritter (Jahrgang 1936) und Hanns Zischler (1947) Mutter und Sohn verkörpern, denn sie wirkt eher wie seine ältere Schwester.

Einige Zuschauer werden womöglich auch die Lektüre der Untertitel mühsam finden, weil gerade zu Beginn viel Polnisch gesprochen wird, was aber sehr zur Authentizität des Films beiträgt. Außerdem lässt sich auf diese Weise gut nachvollziehen, wie sich Lenski fühlt, wenn sie jenseits der Grenze ermitteln muss, da sich zum Beispiel Andrzej Sekula aus Prinzip weigert, mit der "Nazi-Schlampe" deutsch zu sprechen. "Heimatliebe" hat also diverse Konflikte zu bieten. Trotzdem fällt ein lautstark geführter Streit zwischen dem Ermittlerduo komplett aus dem Rahmen; Raczek zettelt das Verbalscharmützel an, weil Lenski ihre kleine Tochter in der Obhut der Kollegen auf der Dienststelle gelassen hat. Immerhin rauchen die beiden am Schluss einen Friedensjoint, den Raczek dem Bauernsohn abgenommen hat.

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