Als Zuschauer ahnt man früh, welches Geheimnis Mutter Ruth (Franziska Weisz) und Großmutter Katharina (Hannelore Elsner) hüten, aber da Regisseur Andreas Gruber – sein Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Escher – die Handlung konsequent aus Sicht Johannas erzählt, bleiben die Zeichen zunächst ungedeutet. Umso berührender sind die Erlebnisse des Kindes, das nicht versteht, warum sich viele Mitmenschen so seltsam verhalten. Beim sonntäglichen Kirchgang erntet die Familie missbilligende Blicke, der niederträchtige Hausmeister Leitinger (Christian Hoening) macht komische Andeutungen, die Religionslehrerin (Michaela Rosen) behandelt Hanna auf eine Weise, die man heute Mobbing nennen würde; und dann ist da noch ein ehemaliger Bankdirektor (Christian Wolff), dessen Anwesenheit die Mutter jedes Mal erstarren lässt.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Gruber, 1995 durch den Weltkriegsfilm "Hasenjagd" bekannt geworden, strukturiert seine Geschichte sehr episodisch, und viele dieser Episoden sind nicht schön: Mal versucht der trinkfreudige Hausmeister, den seine Frau regelmäßig im Keller einsperrt, wenn er wieder besoffen ist, das Mädchen zu missbrauchen; mal lässt die Lehrerin, eine furchtbare Pädagogin, ausgerechnet Hanna bei einem Treffen alter Nazi-Kameraden "Kein schöner Land" singen. Am Ende, als Leitinger im Keller verbrennt, wird das Kind gar noch des Mordes verdächtigt. Trotzdem gelingt dem österreichischen Regisseur das Kunststück, "Hannas schlafende Hunde" nicht als düsteres Drama zu inszenieren. Das liegt zum Einen am unbefangenen Blick der jungen Heldin, die vieles von dem, was um sie herum passiert, schlicht nicht versteht. Da sich Erwachsene aus Kindersicht ohnehin oft seltsam verhalten, nimmt sie sich die Ereignisse – den Missbrauchsversuch ausdrücklich ausgenommen – auch nicht weiter zu Herzen. Zum Anderen entpuppt sich die zehnjährige Hauptdarstellerin Nike Seitz in ihrer ersten großen Rolle als echter Glücksgriff. Meist braucht das Mädchen das Geschehen zwar bloß mit großen verständnislosen blauen Augen verfolgen, aber wenn es spielen muss, macht es das fabelhaft. Auch schwierige Dialoge, für Kinder in diesem Alter eine besondere Herausforderung, klingen nie aufgesagt. Die beiden prominenten Schauspielerinnen an ihrer Seite sind erst recht sehenswert. Für die im April verstorbene Hannelore Elsner war die blinde Großmutter eine wunderbare Altersrolle. Ähnlich sehenswert ist Franziska Weisz, denn während die spitzzüngige Ruth nichts mehr zu verlieren hat und ihrem Unmut daher freien Lauf lässt, kann Katharina ihre Wut nur mit Mühe zügeln. Grubers Inszenierung ist mit Ausnahme einiger Spiegel-Bilder nicht weiter der Rede wert, aber seine Schauspieler hat er vortrefflich geführt.


