Friedhof mit toten Bäumen

Stahnsdorfer Südwestkirchhof

© epd-bild/Rolf Zoellner

Der Stahnsdorfer Südwestkirchhof zwischen Berlin und Potsdam gilt wegen seiner ausgedehnten naturnahen Flächen als einzigartiges Landschaftsdenkmal. Nun bedroht ihn der Klimawandel.

Deutschland spricht 2019
Friedhof mit toten Bäumen
Deutschlands größter evangelischer Bestattungsort kämpft mit der Dürre
Wildromantische Parkanlage mit Holzkirche, Mausoleen und Gräbern: Der Stahnsdorfer Südwestkirchhof bei Berlin gilt wegen seiner ausgedehnten naturnahen Flächen als einzigartiges Landschaftsdenkmal. Nun bedroht ihn der Klimawandel.

Bei Heinrich Zille ist noch alles in Ordnung. Die Pflanzen am Grab des Künstlers, der vor mehr als 100 Jahren durch "Milljöh"-Bilder aus Berlins Arbeitervierteln bekannt wurde, leuchten in verschiedensten Grüntönen. Das Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof wird gut gepflegt, das Bundesland zahlt dafür. Doch gegenüber sieht es ganz anders aus: Auf Deutschlands größtem evangelischem Friedhof sterben die Bäume.

Drei tote Fichten, eine tote Buche, vertrocknete Rhododendren, geschädigte Eiben. Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt zählt erschüttert die Schäden, die in dem kleinen Bereich des mehr als 200 Hektar großen denkmalgeschützten Friedhofs zwischen Potsdam und Berlin zu sehen sind. Bei seinem letzten Rundgang waren es noch nicht so viele. "Und das ist nur das, was man auf den ersten Blick sieht", sagt der gelernte Gärtner: "Es ist beängstigend."

Bei Heinrich Zille ist noch alles in Ordnung. Das Ehrengrab des Landes Berlin wird gut gepflegt, das Bundesland zahlt dafür.

Nicht weit entfernt sind in einer Gemeinschaftsanlage mit kleinen Grabsteinen 1.070 Berliner Opfer des Zweiten Weltkriegs bestattet. Daneben beginnt ein Waldbereich. "Eine tote Buche, noch eine", zählt Ihlefeldt entsetzt: "Da gibt es keine Rettungsmöglichkeit, die müssen gefällt werden, das ist nur noch Brennholz." Wo früher kein Licht bis zum Boden kam, dringen inzwischen Sonnenstrahlen durch die lichten Kronen der großen Buchen. Die Bäume kapitulieren vor Hitze und Regenmangel.

Die jahrzehntealten meterhohen Rhododendren des 1909 eröffneten Friedhofs sind teils bis auf Kniehöhe vertrocknet. "Das sieht dort aus wie ein Geisterwald", sagt der Verwalter. Weil das nicht zum Landschaftsdenkmal passt, müssen die abgestorbenen Rhododendron-Teile weggeschnitten werden. Vor zwei Jahren haben sie einmal knapp 60 Bäume nachgepflanzt. "Die sind alle vertrocknet", erzählt Ihlefeldt: "Und Birken pflanzen wir gar nicht mehr."

Der Gartenarchitekt Louis Meyer habe mit dem Südwestkirchhof seinerzeit ein Meisterwerk geschaffen, eine Anlage mit großer Leichtigkeit, eher einen Garten der Toten als eine klassische Begräbnisstätte, erzählt Ihlefeldt. Die Gräber, inzwischen ruhen hier fast 130.000 Tote, liegen versteckt zwischen Sträuchern und Bäumen. "Das war eine revolutionäre Idee für einen Friedhof", sagt der Verwalter: "Das geht jetzt flächendeckend verloren."

Auf Deutschlands größtem evangelischem Friedhof sterben die Bäume vor Hitze und Regenmangel.

Den meisten Prominentengräbern geht es noch gut. Der Maler Lovis Corinth und der Komponist Engelbert Humperdinck sind hier bestattet, der Nosferatu-Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, der Schauspieler Manfred Krug, der Verlagsgründer Gustav Langenscheidt. Die Grabstätten der Prominenten werden in der Regel gepflegt, andere Gräber auch. "Die betreuten Gräber sind wie eine Oase", sagt Ihlefeldt. Doch um auch die anderen Friedhofsbereiche gegen Klimawandel und Dürre zu verteidigen, fehlen Geld und Wasser.

Mit 14 Mitarbeitern kümmert sich Ihlefeldt derzeit um den als Denkmal von nationaler Bedeutung anerkannten Friedhof. Für eine vernünftige Bewässerung bräuchte er doppelt so viele, sagt er. Und eine zweite, rund 100.000 Euro teure Brunnenanlage. Doch zusätzliche Stellen gebe der Haushalt nicht her. Und für einen zweiten Brunnen bekäme er aus wasserrechtlichen Gründen keine Genehmigung, selbst wenn das Geld dafür da wäre.

Pflanzenarten, die Trockenheit und Hitze besser aushalten, könnten auf dem Friedhof eine Zukunft haben, Traubenkirsche, Ahorn, sagt Ihlefeldt: "Aber ästhetisch ist das nicht." Alles mit Eichen bepflanzen, das gehe auch nicht. Der Friedhof soll abwechslungsreich und seinem Denkmalcharakter gerecht bleiben. Auch Olivenbäume seien kein Thema, betont der Friedhofschef: "Wir können hier nicht den Ölberg von Stahnsdorf gestalten."

Die ruhenden Bereiche, in denen nicht bestattet wird und die auch nicht gepflegt werden können, müssten weiter sich selbst überlassen werden, sagt Ihlefeldt. Dort könne dann beobachtet werden, wie die Natur reagiere und ob sie Lösungen anbiete. "Wir müssen hinnehmen, dass die Landschaft sich verändert, wir sind den Wetterbedingungen einfach unterlegen", sagt Ihlefeldt: "Der Klimawandel ist da."