TV-Tipp: "Tatort: Ausgezählt" (ARD)

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TV-Tipp: "Tatort: Ausgezählt" (ARD)
16.6., ARD, 20.15 Uhr
Mit ein bisschen Boshaftigkeit lässt sich der Titel auch als grimmige Anspielung verstehen, schließlich ist "Ausgezählt" der vorletzte Fall für das Luzerner Duo Flückiger und Ritschard; im nächsten Jahr werden zwei Zürcher Kolleginnen den "Tatort" aus der Schweiz übernehmen. Allerdings ist fraglich, ob die neuen Hauptdarstellerinnen auf eine größere Akzeptanz durchs deutsche Publikum hoffen können.

Viele der bislang 16 Episoden mit Stefan Gubser und Delia Mayer erzählten zwar interessante Geschichten, waren in der Umsetzung aber oft zu harmlos und wirkten akustisch wenig authentisch, weil die eigens produzierten ARD-Versionen seltsam dialektfrei sind. Auch die 17. Episode ist nicht rundum überzeugend, obwohl das Drehbuch (Urs Bühler und Michael Herzig) von einem Wettlauf mit dem Tod erzählt.

Der Film beginnt mit einem Frauenboxkampf. Die Kamera ist mittendrin, die Treffer sitzen; das ist zwar weder "Rocky" noch "Wie ein Wilder Stier", aber von Regisseurin Katalin Gödrös und Kamerafrau Jutta Pohlmann ziemlich handfest inszeniert. Am Ende geht eine der beiden Kämpferinnen zu Boden und steht nicht mehr auf: Sie hat einen durch ein Dopingmittel verursachten Herzinfarkt erlitten. Dieser Einstieg ist fesselnd, aber dann macht Gödrös alles wieder kaputt, weil der Manager (Urs Humbel) der siegreichen Boxerin Martina (Tabea Buser) derart übertrieben agiert, dass er prompt lächerlich wirkt. Immerhin nervt er nicht lange, denn kurz drauf wird er gewaltsam von der Liste der handelnden Personen gestrichen. Der Täter ist geständig, und jetzt wird’s interessant, denn Liz Ritschard kennt den Mann: Heinz Oberholzer (Peter Jecklin), Martinas Patenonkel, ist ein ehemaliger Kollege aus Zürich; dort war er einst Ritschards Ausbilder. Sie hat ihm nicht nur ihr Leben zu verdanken, wie sich später rausstellt: Ohne eine fragwürdige Aktion Oberholzers hätte ihre Karriere gar nicht erst begonnen; seither steht sie in seiner Schuld.

Diese Vorgeschichte wirkt jedoch wie der allzu komplizierte Versuch, die Figur Ritschard aufzuwerten, denn seine Spannung bezieht der Film aus einer gänzlich anderen Ebene: Nach dem Tod ihrer Gegnerin wollte die Boxerin mit den Informationen über das Doping an die Öffentlichkeit gehen. Daraufhin hat ihr Manager Sven sie irgendwo in einem Kellerraum eingesperrt, wie die Bilder einer Überwachungskamera auf seinem Laptop zeigen. Weil der Mann nun tot ist, droht Martina in spätestens 72 Stunden zu verdursten. Oberholzer weiß, dass Sven nur eine Marionette des in Unterweltkreisen ehrfürchtig "King" genannten Pius Küng (Pit-Arne Pietz) ist, der momentan im Luzerner Knast einsitzt. Also überredet er Ritschard dazu, ihn ebenfalls dort einzuweisen, damit er Küng dazu bringt, ihm das Versteck zu verraten.

Im Grunde würde der Film auch ohne Oberholzer funktionieren, denn wirklich fesselnd sind allein die Versuche der Polizei rauszufinden, wo Martinas Gefängnis ist. Originell ist auch die Drehbuchidee, dass eine junge Kollegin (Chantal Dubs) das Lippenlesen beherrscht, weil sie schwerhörig ist; auf diese Weise kann sie "übersetzen", was die zunehmend verzweifelte Boxerin in Richtung Überwachungskamera ruft. Die Lage spitzt sich zu, als sich rausstellt, dass sie ein Dopingmittel nimmt, zu dessen Nebenwirkung ein verstärkter Flüssigkeitsverlust gehört; plötzlich bleiben den Ermittlern nur noch knapp 24 Stunden.

Gödrös hat bei ihrer Umsetzung des Drehbuchs vieles richtig gemacht; die Musik (Balz Bachmann) zum Beispiel ist an den richtigen Stellen packend. Aber der Film hat auch klare Schwächen. Die Boxszenen zum Beispiel sind ziemlich eindrucksvoll, doch die Bilder aus dem Knast müssten deutlich mehr Unbehagen verursachen und in jeder Hinsicht düsterer sein. Ein erfahrenes Publikum weiß natürlich, was Polizisten erwartet, die ins Gefängnis kommen. Die Regisseurin lädt die erste Begegnung Oberholzers und dem "King" auch mit entsprechender Spannung auf, doch dann verpufft die Konfrontation der beiden Männer in belanglosem Geplänkel. Diese Nicht-Wirkung hat auch mit den Darstellern zu tun. Weil deutsche Sender nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere so selten mit dem Schweizer Fernsehen zusammenarbeiten, sind die dortigen Schauspieler aus der zweiten oder dritten Reihe hierzulande gänzlich unbekannt. Das ist bei den Österreichern ganz anders, zumal ARD und ZDF mit Serien wie "Vorstadtweiber" oder der "Landkrimi"-Reihe auch regelmäßig reine ORF-Produktionen ausstrahlen. Natürlich ist Bekanntheit nicht automatisch gleichbedeutend mit Qualität, aber dass die Darsteller nicht durchweg überzeugen, hat nicht allein mit der für sie ungewohnten Sprache zu tun. Wichtige Figuren wie Oberholzer und Küng hätten viel charismatischer besetzt werden müssen, und einige kleinere Nebenrollen klingen beinahe stümperhaft. 

 Seltsam auch, dass das Ermittlerduo bei der Suche nach dem Gefängnis vergleichsweise gelassen bleibt und sogar Zeit für eine abendliche Verabredung hat, während die eingesperrte Boxerin verdurstet. Ungewöhnlich ist dagegen der Einfall, Martina-Darstellerin Tabea Buser nicht "mitspielen" zu lassen. Abgesehen von dem Streit zu Beginn muss die Schauspielerin ohne Worte auskommen, denn der Film beschränkt sich auf die Perspektive von Flückiger und Ritschard. Martina ist daher ausschließlich auf einem großen Bildschirm im Revier zu sehen; ein eingeblendeter Countdown zeigt, wie viel Zeit ihr noch bleibt.