"Hamburger Veermaster" vom Orgel-Lkw

mobile LKW-Orgel

©Christoph Schindler

Eine komplette Orgel montiert auf einen 7,5t- LKW, tourt zum Orgeljahr 2019 durch Hamburg

"Hamburger Veermaster" vom Orgel-Lkw
Zum Auftakt des "Orgeljahres 2019" tourt eine mobile Orgel durch die Hamburger City

Mit einem Open-Air-Orgelkonzert in der Hamburger City hat das "Orgeljahr 2019" die Reihe ungewöhnlicher Konzerte begonnen: Drei Stunden lang spielten Hamburger Organisten am 2. Juni bei strahlendem Sonnenschein im Schatten der Hauptkirche St. Jacobi. Das Programm reichte von populärer Klassik über Volkslieder bis zu Evergreens.

Erstmals war die mobile Orgel von Orgelbaumeister Christoph Schindler aus dem bayerischen Ostheim (Rhön) am Sonntag nach Hamburg gekommen. Vor rund 20 Jahren hatte er seine mobile Orgel mit rund 1.800 Holz- und Metallpfeifen in einen Lkw gebaut, um während des Thüringer Orgelsommers auch Konzerte in alten Kirchenruinen zu geben. Es sei ein gutes Instrument, um die Orgelmusik zu den Menschen zu bringen, sagte Schindler. "Viele trauen sich ja nicht in eine Kirche."

Andreas Fabienke, Kantor der Kreuzkirche Wandsbek, eröffnete das Konzert mit Gershwins "Summertime". Dem Kirchhof von St. Jacobi bescheinigte er eine "irre Akustik". Dass Orgelmusik nicht ernst und getragen sein muss, zeigte er dann mit "The Girl von Ipanema" und "Yesterday".

Bildergalerie

Orgel ist Trumpf!

Orgel vor dem WM Finale

imago sport

Orgel vor dem WM Finale

imago sport

Auch das gehörte zum Sommermärchen 2006: Nicht nur, dass die Schiedsrichter Pfeifen benutzten und so manche Pfeife über den Platz stolperte - nein, auch Orgelpfeifen waren mit von der Partie. Hier wohnen wir der Fernsehprobe vor dem Finale der Fußball-WM im Berliner Olympiastadion bei, bei der der Organist ein geradezu märchenhaftes Instrument bedient. Ob er sich zuvor die Hände mit Terpentin gewaschen hatte, damit die Orgel ihre reinweiße Farbe behielt?

Fussball-WM Spiel in Kirche

epd-bild/Kristina Schaefer

2018 ist die Fußball-WM - zumindest aus deutscher Sicht - dann gar nicht mehr so märchenhaft. Wie passend, dass Stephan Graf von Bothmer dann diese Tragödie monumental und dramatisch mit seinen Orgelklängen begleitet, und zwar buchstäblich: Hier untermalt der 47-jährige Berliner Stummfilmpianist live vor gut 200 Besucherinnen und Besuchern in der Mainzer Altmünsterkirche das Spiel zwischen Portugal und Spanien. Gerüchten zufolge soll sich Ronaldo hinterher über zu tiefe Töne beschwert haben.

feierlichen Andacht des 1. FC Kön

imago/Future Imageport/C. Hardt

Der Kölner Dom und der 1. FC Köln haben eines gemeinsam: Sie sind eigentlich beide eine Dauerbaustelle. Wie passend, dass die Andachten des FC für seine Fußballfans im Dom stattfinden. Hier sieht man die rot-weiß maskierten FC-Jünger im Jahr 2016 beim Höhepunkt des ökumenischen Mittagsgebets: Dem Abspielen der Vereinshymne auf der Dom-Orgel. Es ist nicht überliefert, ob es sich bei dieser Andacht um ein Freudenfest oder - eher wahrscheinlich - um eine Trauerfeier gehandelt hat.

Organist beim Baseballspiel in Florida

/LorenxElliott© imago/ZUMA Press

Was das alte Europa kann, kann die Neue Welt natürlich auch: Sportereignisse beorgeln. Bei den US-Amerikanern bringt die Orgel ordentlich Dramatik ins Geschehen beim Basket- und auch beim Baseball - wie hier beim Spiel zwischen den Oakland Athletics und den Tampa Bay Rays auf dem Tropicana Field in St. Petersburg, Florida am 10. Juni 2017. Organist Tom Hoehn bewohnt hier statt einer Orgelempore eher eine Kanzel als Einsatzort. Ob das Spiel mithin spannender war als die letzte Predigt in seiner Heimatkirche, ist allerdings unbekannt.

Philippuskirchgemeinde Lohmen

epd-bild / Rainer Oettel

Spieglein, Spieglein an der Orgel - wem gehe ich gleich an die Gurgel? Das fragt womöglich die Organistin der Philippuskirchgemeinde Lohmen. Die dortigen Konfirmandinnen und Konfirmanden machen nämlich nicht nur den Vorstellungsgottesdienst selbst, sondern sorgen auch noch höchstpersönlich für die musikalische Ausgestaltung. Und da kann natürlich auch mal ein falscher Ton dabei sein. Aber wer will da schon mit Fingern zeigen... vor allem, wenn er sie eigentlich auf den Tasten der Orgel liegen hat?

Orgel im Computerzeitalter

epd-bild/Stephan Wallocha

Schiefe Töne lassen sich mit dieser Orgel ein für allemal vermeiden: Für 1,3 Millionen Euro wurde in der 1880/82 erbauten evangelischen Kirche St. Johannis-Harvestehude (Hamburg) die Epoche der Romantik mit dem Computerzeitalter verschmolzen. Nach zweijähriger Sanierung und Modernisierung kann die 130 Jahre alte Marcussen-Orgel Dank moderner Software nun ein komplettes Tonstudio ersetzen. Über eine Midi-Schnittstelle lassen sich weitere Instrumente anschließen, die über die Orgeltastatur zu bedienen sind. Sogar Kino-Klangeffekte können so erzeugt werden. Organist Christoph Bender zeigt 2015, kurz vor Absschluss der Arbeiten, ein neues Keyboard, das noch in die Orgel eingebaut wurde. In der Folge könnte es dann allerdings im Kirchenvorstand Diskussionen gegeben haben, ihn schlussendlich durch einen Roboter ersetzen zu lassen, um Kosten einzusparen.

Meeresorgel in Zadar

Günter Standl/laif

Mehr Orgel geht nicht: Hier braucht es nämlich gar keinen Organisten, weder Mensch noch Maschine - und trotzdem erklingen die mächtigsten Orgeltöne überhaupt. Bei der Meeresorgel (Morske orgulje) von Architekt Nikola Basic in der Stadt Zadar in Dalmatien (Kroatien) lässt sich ganz entspannt an der Uferpromenade den Klängen lauschen, die die Wellen erzeugen. Es steht allerdings zu befürchten, dass das Repertoire nicht wirklich das Evangelische Gesangbuch in Gänze umfasst. Auch moderne Kompositionen aus dem Popularbereich dürften eher nicht zum Standard gehören.

Orgel des Experimentalkünstler John Cage

epd-bild / Frank Drechsler

Noch mehr Geduld als bei der Meeresorgel muss man bei diesem Instrument aufbringen. Die Orgel in der Burchardikirche von Halberstadt wird nämlich entsprechend der zeitlichen Klangfolge des Stückes, das auf ihr gespielt wird, erst gebaut. Bei der Komposition handelt es sich aber um das Werk "ORGAN2/ASLSP" des US-amerikanischen Experimentalkünstlers John Cage (1912-1992), das auf eine Dauer von 639 Jahren angelegt ist. Für das Tempo seines Werkes hatte Cage "so langsam wie möglich" (as slow as possible/ASLSP) vorgegeben. Die Halberstädter Fassung begann im September 2001 mit einer 17 Monate währenden Pause. Danach folgten vielmonatige Dauertöne. So wurden zum Beispiel am 5.7.2008 nach 26-monatigem Dauerton dem bisher gespielten a-Moll-Akkord zwei Töne hinzugefügt. Damit dürfte auch hinlänglich illustriert sein, warum es immer wieder heißt, dass sich nicht alle Orgelstücke auch für die heimische Musiksoireé oder das Wohnzimmerkonzert eignen: Hier würden wohl schlicht mit der Zeit die Getränke warm werden.

Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity

Dirk Eisermann/laif

"When the music's over, turn out the lights!" So befahlen einst die Doors in ihrem gleichnamigen Song zu den Orgelklängen ihres Hauptkomponisten Ray Manzarek. Hier, in der berühmt-berüchtigten Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity scheint man sich diesem Diktum zu widersetzen. Ob der Hausmeister bloß mal wieder vergessen hat, den Lichtschalter zu betätigen oder ob man demonstrativ zeigen will, dass es bei der bekanntermaßen astronomischen Bausumme auf die paar Euros Stromkosten auch nicht mehr ankommt, bleibt im Dunkeln. Auf jeden Fall lässt sich anhand dieser Orgel erkennen, dass man in Hamburg trotz andauernder Festbeleuchtung noch immer nicht auf dem letzten Loch zu pfeifen scheint.

Orgel-Automat mit Fernbedienung im Erlanger Waldkrankenhaus

© epd-bild/Giulia Iannicelli

Der Orgel-Automaten von Klaus Holzapfelwird über eine Fernbedienung bedient. Kleine Filzstoessel drücken dann die Tasten der Orgel. Der Schwabe Klaus Holzapfel hat einen Automaten erfunden, der Kirchenmusiker ueberflüssig machen könnte. Ein Manko ist allerdings, wenn das Gerät einfach sein Tempo weiterspielt und sich nicht dem Gemeindegesang anpasst, klagt Schwester Thekla, die die Oganola für den Gottesdienst im Erlanger Waldkrankenhaus bedient.

Johann Sebastian Bach hätte seine Freude an solch einem Konzert gehabt, sagte Michel-Kantor Manuel Gera. Ihm sei es ein Anliegen gewesen, Menschen die Orgelmusik nahezu bringen. Gera versetzte den Shanty vom "Hamburger Veermaster" musikalisch in die Zeit des Barock. Trotz der belebten Mönckebergstraße am verkaufsoffenen Sonntag war das Interesse der Hamburger an dem ungewöhnlichen Orgelkonzert eher verhalten.

Unter dem Motto "Hamburg zieht alle Register" feiert Hamburg 2019 ein Orgeljahr. Anlass ist der 300. Todestag des Orgelbauers Arp Schnitger (1648-1719), der in Neuenfelde zuletzt seine Werkstatt hatte und an der St. Pankratius-Kirche begraben ist. Dort befindet sich auch eine erst kürzlich restaurierte Arp-Schnitger-Orgel. Insgesamt entstanden in seiner Werkstatt rund 100 Orgeln, von denen die in der Hauptkirche St. Jacobi zu den bedeutendsten gehört.

Mit rund 320 Orgeln zählt Hamburg zu den wichtigsten Orgelstädten der Welt. Sie stehen nicht nur in Kirchen, in der Musikhalle oder in der Elbphilharmonie, sondern auch in Krankenhäusern, Hochschulen, Schulen und in Justizvollzugsanstalten.

Weitere Auftritte hat der Orgel-Truck am 3. Juni, 14 bis 17 Uhr am Mümmelmannsberg, Harvighorster Redder 50, und am 4. Juni, 15 bis 17.30 Uhr mit "Orgel plus HipHop" am Spielbudenplatz St. Pauli.