Sanierungsplan für Berliner Gedächtniskirche steht

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin

Roland Rossner/Fotolia

Sanierungsplan für Berliner Gedächtniskirche steht
Die Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (KWG) soll bis 2023 für 33,1 Millionen Euro saniert werden. Neben der Instandsetzung der Beton-Glas-Elemente sollen auch die Nutzungsmöglichkeiten der Kirchengebäude verbessert werden.

Dabei hätten die Haushaltspolitiker im Bundestag bislang Finanzierungszusagen von bis zu 50 Prozent in Aussicht gestellt, sagte Gedächtniskirchen-Pfarrer Martin Germer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zudem soll das Land Berlin etwa ein Viertel der Kosten übernehmen. Jeweils eine Million Euro wollen die evangelische Landeskirche, der Evangelische Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf und die Kirchengemeinde aufbringen, sagte Germer weiter. Der Rest werde durch Spenden und mit Hilfe von Stiftungen gedeckt, zeigte sich Germer zuversichtlich.

Während der Glockenturm bereits seit einigen Jahren eingerüstet ist, benötige jetzt auch das Kirchengebäude eine Grundsanierung der Fassaden. Die filigrane Betonkonstruktion weise zahlreiche Risse und Abplatzungen auf. Anders als bei früheren Betonsanierungen müssten erstmalig auch die zahlreichen Beton-Glas-Elemente, denen beide Gebäude ihre Leuchtwirkung verdanken, ausgebaut und in der Werkstatt überarbeitet werden, sagte Germer. Zwischen 2010 und 2015 wurden bereits die Fassade des Alten Turms und von 2015 bis 2017 die Kapelle saniert.

Bildergalerie

Die steinerne Zeitzeugin: Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche 1903

© Archivio GBB / CONTRASTO/laif/Archivio GBB / CONTRASTO/laif

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche 1903

© Archivio GBB / CONTRASTO/laif/Archivio GBB / CONTRASTO/laif

Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) veranlasste den Bau der Ursprungskirche in Gedenken an seinen gleichnamigen Großvater im Jahr 1891. Architekt der ersten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, die am
1. September 1895 eingeweiht wurde, war Franz Schwechten, der auch für die Entwürfe des Anhalter Bahnhofes verantwortlich ist. Doch schon während der Bauzeit war die Kirche nicht unumstritten. Die Hohenzollern wollten einen architektonischen "Fingerzeig" auf dem ansonsten eher bürgerlich orinetierten Kurfürstendamm hinterlassen. Kritiker spotteten deshalb, die Kirche sei das "Taufhaus des Westens". Schon in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde eine heftige öffentliche Diskussion darüber geführt, ob man die Kirche als Verkehrshindernis nicht einfach abreißen sollte.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Blick auf den Kurfürstendamm 1930

Foto: epd-bild / akg-images

Blick auf den Kurfürstendamm und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche im Jahr 1930. Der Berliner Journalist Hardy Worm schrieb 1921 in der Zeitung "Freie Presse" in Berlin: "Der Kurfürstendamm ist das, was der Berliner 'feine Jejend' nennt. Wo Regierungsräte, Hochstapler, Bankdirektoren, Schieber, Schauspielerinnen und Kokotten wohnen; derjenige, der am Kurfürstendamm haust, und sei es auch nur im Gartenhaus vier Treppen hoch, gilt als feiner Mensch, als gutsituierter Mensch. Und wenn er einen telefonischen Nebenanschluss hat, ist er ein kreditfähiger Mensch. Für Leute, die vorwärtskommen wollen, ist es also notwendig, am Kurfürstendamm zu wohnen. Zumindest aber in Berlin."

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

Im November 1943 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in einem Bombenangriff weitgehend zerstört. Nur die Turmruine und ein Teil des Kirchenschiffs blieben erhalten. Wie sollte man mit diesem Symbol des kaiserlichen Deutschlands umgehen? 1956 wurde der einsturzgefährdete Chor abgerissen – eine Notmaßnahme. Bis 1957 verfiel der im Berliner Volksmund "Hohler Zahn" genannte Bau; dann gewann Egon Eiermann (1904-70) den Architekturwettbewerb zum Neubau der Kirche. Dieser wurde im Jahr 1961 errichtet. Die Sonderbriefmarke zum 100. Geburtstag des Architekten wurde im September 2004 vorgestellt.

Ein Blick von der Kantstraße in Richtung Breitscheidplatz im Jahr 1955/56

© akg-images / Gert Schütz

Ein Blick von der Kantstraße in Richtung Breitscheidplatz im Jahr 1955/56: links der im Bau befindliche Zoo-Palast an der Hardenbergstraße, die Kolonnaden des Zentrums am Zoo im Hintergrund, rechts die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Eine moderne, neue Kirche wollte Architekt Eiermann bauen. Tausende West-Berliner protestierten dagegen, denn der "Hohle Zahn" war längst zum Wahrzeichen geworden und aus ihrer Stadt und Heimat nicht mehr wegzudenken. Die Diskussion endete mit einem Kompromiss, der sowohl vom Architekten als auch von den Bürgern zunächst widerstrebend akzeptiert wurde. Die 71 Meter hohe Ruine des alten Hauptturms blieb erhalten, umgeben von einem modernen vierteiligen Bauensemble, das die Berliner fortan "Lippenstift und Puderdose" nannten und schließlich auch ins Herz schlossen.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

© akg-images / Gert Schütz

Der Weihnachtsbaum auf dem Breitscheidplatz vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin am 9. Dezember 1972. Den ersten Weihnachtsmarkt gab es hier im Jahr 1983. Mittlerweile gibt es in den verschiedenen Berliner Stadtteilen über 80 Weihnachtsmärkte.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

© akg-images / Henschel

Eine Friedenskundgebung gegen Atomkraft auf dem Breitscheidplatz in Berlin-Charlottenburg am 8. Mai 1986. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl hatte sich kurz zuvor ereignet, am 26. April 1986, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Martin Kruse eröffnet Deutschen Evangelischen Kirchentag 1989

Foto: epd-bild / Hans-Peter Stiebin/Stiebing, Hans-Peter

Am 7. Juni 1989 eröffnete der Berliner Bischof Martin Kruse (und damals Ratsvorsitzender der EKD) den 23. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin auf dem Breitscheidplatz vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zum Reformationsjubiläums-Jahr 2017 ist der Deutsche Evangelische Kirchentag zum sechsten Mal zu Gast in Berlin.

Ostberliner Taxi erreicht Breitscheidplatz Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

© akg-images/akg-images

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 öffnete die DDR ihre Grenzen nach Westen. Die ganze Stadt war unterwegs und feierte. In dieser nächtlichen Straßenszene erreichte ein Ostberliner Taxi den Breitscheidplatz vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

Der Glockenturm der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war im Mai 1999 in eine riesige Litfaßsäule verwandelt, weil er restauriert wurde

Foto: epd-bild / version

Der Glockenturm der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war im Mai 1999 in eine riesige Litfaßsäule verwandelt: Auf sechs großflächigen Werbeplakaten am Baugerüst lächelten unter anderen das Modell Claudia Schiffer und die us-amerikanische Schauspielerin Andie MacDowell auf die Stadt herab. Mit der zeitweisen Vermietung des Turms an eine Kosmetikfirma hat die evangelische Kirchengemeinde einen Teil der notwendig gewordenen Sanierungsarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäude finanziert.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Zeuge des Wirtschaftswunders

Foto: epd-bild/Siegfried Grassegger

Mit ihrer Lage am Ku'damm ist die Gedächtnis-Kirche stummer Zeuge des Wirtschaftswunders. Die Straße wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Schaufenster des Westens und zum Anziehungspunkt für Künstler. Die meisten Reste des schrecklichen Krieges sind aus dem Stadtbild verschwunden. Nur der Ruinenturm mit seinem charakteristisch eingestürzten Dach besteht bis heute – als Gedächtnis der Stadt, als Mahnmal gegen den Krieg und Symbol für den Frieden. (Fotografiert im Jahr 2006)

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

Innenraum der "neuen" Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche auf dem Breitscheidplatz in Berlin, fotografiert im Oktober 2011. Die farbigen Glaswände gestaltete der französische Glasmaler und Künstlerin Gabriel Loire aus Chartres. Vor 55 Jahren, im Dezember 1961, wurde die achteckige Kirche mit ihren markanten farbigen Glasbausteinen eingeweiht.

Nagelkreuz von Coventry

Foto: Peter I. Vardy /Wikimedia Commons

Ein Nagelkreuz steht auch in der Kaiser wilhelm Gedächtniskirche,um diese in ihrer Versöhnungs- und Friedensarbeit zu stärken. Es wird von der Kathedrale in Coventry übergeben und ist dem originalen Kreuz nachgebildet. Die Ziele der weltweiten Nagelkreuzgemeinschaft sind nicht ausschließlich auf die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerichtet.

Ort des Gedenkens in der Eingangshalle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin

Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

Auf dem Bild ist der Gedenkort in der neuen Gedächtnis-Kirche zu sehen. Seit 1987 dient auch die Eingangshalle der alten Kirche mit Resten der reichen Mosaikarbeiten als Gedenkhalle; dort sind das Nagelkreuz der Kathedrale von Coventry, ein Ikonenkreuz der Russisch-Orthodoxen Kirche und die beschädigte Christusfigur vom Altar der alten Kirche aufgestellt.

Die Ruine und der neue Turm der "neuen" Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin

Foto: epd-bild / Caro /Hechtenberg

Nachdem sich die Berliner damit abgefunden hatten, wie ihr "hohler Zahn" in den 1960ern umgebaut worden war, erfanden sie einen neuen Kosenamen für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz in Berlin: "Lippenstift und Puderdose". Die Kirche steht auf dem Breitscheidplatz zwischen dem Kurfürstendamm, der Tauentzienstraße und der Budapester Straße im Berliner Ortsteil Charlottenburg. Der nicht zerstörte alte Teil der Kirche ist heute ein Museum und Kriegsmahnmal.

Neben der Sanierung soll etwa die Hälfte der veranschlagten Kosten in eine Nutzungsverbesserung gehen, betonte Pfarrer Germer. So soll es in der Turmruine eine neue Ausstellung geben, die auch nach oben erweitert werde. Für einen barrierefreien Zugang ist deshalb unter anderem ein Aufzug geplant. Außerdem ist eine neue Rampe und ein Wegeleitsystem vorgesehen.

Die Kirchengemeinde feierte Anfang Mai die Grundsteinlegung für den Neubau der Gedächtniskirche vor 60 Jahren. Der Grundstein für das Ensemble am Breitscheidplatz in der West-Berliner City war am 9. Mai 1959 gelegt worden. Bis 1961 entstanden nach Plänen des Architekten Egon Eiermann (1904-1970) das achteckige Kirchengebäude und der sechseckige neue Glockenturm mit ihren markanten blauen Glasbausteinen in den wabenförmigen Betonwänden. Bis 1963 folgten die Kapelle und das Foyergebäude im gleichen Stil. Damit entstand auf dem Breitscheidplatz ein in seiner Art völlig neues Ensemble von Kirchenbauten.

Die Turmruine vom Vorgängerbau, der 1895 eingeweiht und im November 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, wurde als Mahnmal gegen den Krieg erhalten. Jährlich besichtigen rund 1,3 Millionen Menschen die Gedächtniskirche, davon 45 Prozent aus dem Ausland. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gilt als Denkmal von nationaler Bedeutung.

Meldungen

Top Meldung
Bundeswehr-Soldaten in Koblenz
Die evangelische Friedensarbeit hat in der Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht zu Besonnenheit aufgerufen.

aus dem chrismonshop

Das chrismon-Familienjahrbuch
Warum beginnt das Kirchenjahr im Dezember? Wie nennen die Astronomen den Morgenstern? Und wie geht noch mal das berühmte Lied dazu? Das neue Jahrbuch für Familien mit kleinen...