Die Selbstverbrennung eines Pfarrers in der DDR

Die Sandsteinsäule vor der Michaeliskirche in Zeitz, erinnert an den Tod von Oskar Brüsewitz 1976.

Norbert Neetz/epd-bild

Die Sandsteinsäule vor der Michaeliskirche in Zeitz, erinnert an den Tod von Oskar Brüsewitz 1976.

Die Selbstverbrennung eines Pfarrers in der DDR
Am Donnerstag wäre Oskar Brüsewitz 90 Jahre alt geworden
Aus Protest gegen den SED-Staat zündete sich 1976 der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst an. Brüsewitz war 47 Jahre alt, als er starb. Am 30. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden.

Vor der Michaeliskirche in Zeitz im Süden von Sachsen-Anhalt steht eine schlichte Sandsteinsäule. Sie erinnert an die öffentliche Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers Oskar Brüsewitz im Jahr 1976, der damit gegen die Verhältnisse in der DDR protestieren wollte. Diese verstörende Protestaktion wird auch als "Fanal von Zeitz" beschrieben und beeinflusste Kirchen und DDR-Opposition. Der Suizid erschütterte Kirche und Staat. Brüsewitz war Familienvater und erst 47 Jahre alt, als er vier Tage nach der Tat seinen Verletzungen erlag. Am Donnerstag wäre er 90 Jahre alt geworden.

Größere Gedenkveranstaltungen, wie anlässlich des 40. Jahrestag der Selbstverbrennung vor fast drei Jahren, wird es zu seinem Geburtstag in diesem Jahr nicht geben. Für Mittwoch laden die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz in die Zeitzer Michaeliskirche. Dort gibt es ein Gedenkkonzert, zu dem auch Familienangehörige von Brüsewitz erwartet werden. Zudem soll eine neue, kleine Gedenktafel an der Sandsteinsäule enthüllt werden. Die alte Tafel war in diesem Jahr gestohlen worden.

Hinter dem Lebenslauf von Brüsewitz stellt man sich einen rastlosen Menschen vor, der immer wieder aneckte. Oskar Brüsewitz wurde am 30. Mai 1929 im Memelgebiet geboren. Nach dem Krieg absolvierte er zunächst eine Lehre als Schuhmacher bei Chemnitz, er zog nach Melle bei Osnabrück. 1954 wurde seine erste Ehe geschieden und Brüsewitz siedelte nach Weißenfels in die DDR über. Er heiratete erneut und gründete wieder eine Familie. Ab 1956 wird Brüsewitz von der Stasi überwacht.

Von 1964 bis 1969 besuchte er die Predigerschule in Erfurt, wurde 1970 ordiniert und dann evangelisch-lutherischer Pfarrer in Rippicha im Kreis Zeitz. Anfangs konnte Brüsewitz das Gemeindeleben in Droßdorf-Rippicha, wo er die lange vakante Pfarrstelle angenommen hatte, mit auch ungewöhnlichen Aktionen wieder beleben. Er engagierte sich besonders für die Kinder und Jugendlichen. Durch seine Aktionen und sein Auftreten geriet er jedoch auch zunehmend mit den staatlichen Stellen in Konflikt. Irgendwann wurden auch die Gottesdienste wieder leerer, immer weniger Kinder gingen zum Pfarrer Brüsewitz.

Brüsewitz war ein Pfarrer, der immer wieder provozierte und mit Plakataktionen auffiel. So stellte er gegen das Plakat "25 Jahre DDR" an seinem Pfarrhaus ein Plakat "2.000 Jahre Kirche Jesu Christi" auf. Weithin sichtbar hatte der Pfarrer außerdem an seiner Kirche in Rippicha ein leuchtendes, meterhohes Kreuz aus Neonröhren installiert und sich dagegen gewehrt, es zu entfernen. Es soll selbst für Autofahrer auf der zwei Kilometer entfernten damaligen Fernverkehrsstraße sichtbar gewesen sein. Das zog zunächst mehr Besucher an, aber sorgte auch für zunehmende Konflikte mit dem Staat.

Am 18. August 1976 bat Brüsewitz seine Tochter, das Kirchenlied "So nimm denn meine Hände" zu spielen, dann fuhr er mit seinem Wagen aus Rippicha nach Zeitz. Vor der Michaeliskirche übergoss sich der Mann im Talar aus einer mitgebrachten 20-Liter-Milchkanne mit Benzin und zündete sich an.

"Funkspruch an alle! Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen"

Seine letzte Kritik an dem Staat, in dem er lebte und in dem er offenbar immer verzweifelter gegen die atheistische Erziehung der Kinder kämpfte, hatte er auf dem Autodach befestigt. Darauf stand zu lesen: "Funkspruch an alle! Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen." Wenige Tage später, am 22. August 1976, erlag Brüsewitz in einem Krankenhaus in Halle seinen schweren Verletzungen. Seine Familie durfte in der Klinik nicht mehr zu ihm. Am 26. August 1976 wurde Oskar Brüsewitz in Rippicha beerdigt.

Erst verschwieg die DDR-Presse die öffentliche Selbstverbrennung, dann stellte sie diese als Tat eines Psychopathen hin. Von "abnormen und krankhaften Verhaltensweisen" war die Rede. Die Kirchenleitung sah ihre Politik der Verständigung mit der SED in Gefahr und agierte nicht eindeutig. In einem "Wort an die Gemeinden" rief sie jedoch zur Fürbitte auf. Von der Tat distanzierte man sich, von dem Menschen Oskar Brüsewitz aber ausdrücklich nicht.