TV-Tipp: "Hartwig Seeler – Gefährliche Erinnerung" (ARD)

Alter Fernseher vor gelber Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Hartwig Seeler – Gefährliche Erinnerung" (ARD)
Es gibt nicht viele Regisseure, deren Filme regelmäßig derart berühren wie die Arbeiten des Österreichers Johannes Fabrick. Seine Dramen behandeln meist existenzielle Themen und sind nicht selten tieftraurig. Das Ungewöhnlichste an "Gefährliche Erinnerung" ist daher zunächst die Tatsache, dass die Handlung so gewöhnlich wirkt.

Ein Vater (Michael Wittenborn) bittet den Privatdetektiv Hartwig Seeler (Matthias Koeberlin), seine spurlos verschwundene erwachsene Tochter zu suchen. Das klingt nach einem üblichen Krimi und überhaupt nicht wie ein Fabrick-Stoff. Schon der Titel klingt beliebig, vom Inhalt ganz zu schweigen, erst recht gemessen an Werken wie "Ein langer Abschied" (2006), "Der letzte schöne Tag" (2012, Grimme-Preis), "Pass gut auf ihn auf!" (2013) oder "Wenn es am schönsten ist" (2014), in denen es um das Sterben eines Kindes, den Suizid eines geliebten Menschen oder schwere Krebserkrankungen ging. Die meisten Fabrick-Filme der letzten Jahren sind fürs ZDF entstanden, "Hartwig Seeler", vielleicht der Auftakt einer neuen Reihe, im Auftrag der Degeto. Deren Donnerstagskrimis spielen gern an pittoresken Orten wie Venedig, Tel Aviv oder Lissabon. Die Mehrzahl dieser Auslandsreihen ist zwar sehenswert, aber sie dienen dennoch vor allem dem Zeitvertreib, und auch ein Etikett wie "Fernwehfernsehen" würde bei einem Fabrick-Stoff mehr als befremdlich wirken, selbst wenn sich "Gefährliche Erinnerung" zu großen Teilen an der kroatischen Adria-Küste zuträgt. 

Umso überraschender, jedenfalls  angesichts des Sendeplatzes, offenbart der Film schließlich eine Handlung, die im Grunde kein Krimi mehr ist; jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn. Die Geschichte erinnert viel eher an "Bloch", die WDR/SWR-Reihe mit Dieter Pfaff als Psychiater, der sich in gewisser Weise detektivischer Mittel bediente, um in der Biografie seiner oft traumatisierten Patienten nach den Ursachen für ihre schwerwiegenden psychischen Probleme zu suchen. Ähnliche Erkundungen in der Seele betreibt auch Hartwig Seeler. Matthias Koeberlin hat für Fabrick bereits die Hauptrolle in "Der Polizist, der Mord und das Kind" (2018) gespielt. In dem schmerzlich-schönen Drama verkörpert er einen Opferschutzkommissar, der sich um den Sohn einer ermordeten Frau kümmert. In einem Interview sagt der Regisseur, er habe den Schauspieler "als stillen, sehr sensiblen Menschen kennengelernt. Das sind optimale Voraussetzungen für Hartwig Seeler." Der Privatdetektiv ist in der Tat eine typische Fabrick-Figur: Vor 14 Monaten hat Seeler, damals noch Polizist, seine Frau verloren. Sie ist bei einem Autounfall auf einer Bergstraße gestorben. Die Umstände sind ungeklärt, es gab keine Bremsspuren, und gerade diese Ungewissheit macht ihm zu schaffen. Er hat nie irgendwelche Anzeichen für Lebensmüdigkeit wahrgenommen, aber vielleicht hat er sie ja auch bloß übersehen. Diese Geschichte lässt Fabrick seine Hauptfigur jedoch erst später erzählen, als sich Seeler auf eine Weise öffnet, die er selbst nicht für möglich gehalten hätte. Zunächst schildert der Film jedoch die unspektakuläre Alltagsarbeit eines Ermittlers, die ihn schließlich auf eine kroatische Insel führt. Dort hat eine Art Guru ein Refugium für gepeinigte Seelen gegründet. Mit Seelers Ankunft auf der Insel endet der Krimi-Anteil: Der Detektiv findet die gesuchte Evelyn, aber vor allem sich selbst. 

Dass Matthias Koeberlin, spätestens dank "Kommissar Marthaler" und "Die Toten vom Bodensee" vielbeschäftigt, glaubwürdig einen Ermittler verkörpern kann, hat er in den beiden Krimireihen beiwesen. Die jeweiligen Hauptfiguren, aufgrund unerfreulicher Beziehungserlebnisse ziemlich angeschlagen, sind allerdings mehr als bloß die üblichen "Wo waren Sie zwischen…"-Kommissare. Das mag Fabrick bewogen haben, Koeberlin die Titelrolle in "Der Polizist, der Mord und das Kind" anzuvertrauen, die der Schauspieler mit viel Feingefühl verkörpert hat. Für seine Rolle als Hartwig Seeler war diese Eigenschaft mindestens genauso wichtig, denn der Privatdetektiv lässt sich auf ein heikles Unterfangen ein: Eine persönliche Betreuerin (Friederike Becht) will ihm mittels Hypnose helfen, verschüttete Erinnerungen freizulegen. Auf diese Weise erfährt Seeler am eigenen Leib, was Evelyn während der Sitzung erlebt hat: Dank der Hypnose stößt sie auf ein düsteres Familiengeheimnis. Damit ist der Film bei seinem eigentlichen Kern: Als ehemaliger Polizist weiß Seeler natürlich, wie trügerisch das Gedächtnis mitunter ist. Aber kann es sein, dass sich ein Mensch die Erinnerung an ein derart traumatisierendes Erlebnis nur einbildet, weil er die eigene Vergangenheit durch die Brille eines anderen betrachtet hat?

Die Degeto wird etwaige Fortsetzungen davon abhängig machen, wie gut der Film ankommt. Das Thema ist zwar faszinierend, aber auch anspruchsvoll; das spricht eher gegen einen Publikumserfolg, zumal auf diesem Sendeplatz. Dafür sprechen allerdings Koeberlin sowie der Drehort: Es gibt einige schöne Urlaubsbilder. Besonders reizvoll ist eine zerklüftete Felslandschaft mit kleinem See und vielen Wasserfällen. Dort trägt sich eine weitere Schlüsselszene zu: Hier zieht sich die Gruppe zur Meditation zurück, hier gewährt Evelyn, von Caroline Hellwig sehr ätherisch und entsprechend fragil verkörpert, dem Detektiv Einblick in ihr Seelenleben. Entsprechend drastisch fällt ihre Reaktion aus, als Seeler sie ausgerechnet im Refugium mit ihrem vermeintlichen Albtraum konfrontiert.

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