Historiker: Religion wird in Weltpolitik immer wichtiger

Rev. Professor Diarmaid MacCulloch

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Der Austritt der Briten aus der EU hat nach Einschätzung MacCullochs kein historisches Vorbild in der englischen Reformation im 16. Jahrhundert.

Historiker: Religion wird in Weltpolitik immer wichtiger
Diarmaid MacCulloch erhält Leopold-Lucas-Preis
Der britische Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch sieht Religion weltweit auf dem Vormarsch.

Die vor 50 Jahren unter westlichen Akademikern beliebte These, dass sich die Welt säkularisieren werde, habe sich nicht bestätigt, sagte MacCulloch am Dienstag laut Redemanuskript bei einem Festvortrag in Tübingen. Der Wissenschaftler erhielt dort an der Universität den mit 50.000 Euro dotierten Leopold-Lucas-Preis der Evangelisch-Theologischen Fakultät.

Als Beispiele nannte MacCulloch, dass sich US-Präsidenten inzwischen als "wiedergeboren" bezeichneten und dass in der islamischen Welt religiöse Führer die Politik kontrollierten. Europa sei in dieser Entwicklung aus globaler Perspektive eine Ausnahme. Historiker müssten Religion ernstnehmen, forderte der Preisträger.

"Theologie des Ruhms"

Deprimierend ist es nach MacCullochs Ansicht, dass sich viele Teile der Christenheit eng mit den Mächtigen einließen. Er kritisierte die Unterstützung des Moskauer Patriarchats für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, die Gemeinschaft katholischer Bischöfe mit südamerikanischen Diktatoren, Wahlaufrufe von Pfingstkirchen für den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro oder Gebetsveranstaltungen von Megakirchen-Pastoren im Weißen Haus in Washington. Hier werde eine "Theologie des Ruhms" gelebt, die Böses gut und Gutes böse nenne, während der Reformator Martin Luther von der Kirche eine "Theologie des Kreuzes" gefordert habe.

Der Austritt der Briten aus der EU hat nach Einschätzung MacCullochs kein historisches Vorbild in der englischen Reformation im 16. Jahrhundert. Die Behauptung, die englische Reformation sei durch den Bruch mit Rom der "erste Brexit" gewesen, halte einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, sagte er vor der Preisverleihung vor Journalisten. Tatsächlich hätten die englischen Reformatoren einen neuen Internationalismus mit anderen europäischen Reformatoren schaffen wollen, unterstrich er.

Der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Michael Tilly, lobte den Beitrag des Preisträgers zum Toleranzgedanken. Der Historiker habe herausgearbeitet, dass die Reformation in Europa keine national-deutsche Bewegung gewesen sei, sondern erst in ihren internationalen Beziehungen einen "kulturellen Fortschritt" ausgelöst habe, sagte Tilly im Pressegespräch. MacCulloch haben zudem wissenschaftliche Ideen einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. "Wenn sich Universität auf den Elfenbeinturm beschränkt, ist das eine Problemanzeige und keine Auszeichnung", sagte der Theologe.

MacCulloch ist seit 1997 Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford und Spezialist für die Reformation in England. Für die BBC hat er historische Dokumentarfilme begleitet. Der 67-Jährige hat bereits mehrere Auszeichnungen für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhalten und wurde 2011 in den Ritterstand erhoben.

Der Lucas-Preis würdigt hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Theologie, Geistesgeschichte, Geschichtsforschung und Philosophie. Die Preisträger müssen sich auch um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht und die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern erkennbar gefördert haben. Den Nachwuchspreis erhielt in diesem Jahr die Historikerin Alexa von Winning für eine Arbeit über russische Adelsfamilien und ihre europäischen Netzwerke.

Die Auszeichnung wurde gestiftet vom Sohn des 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt gestorbenen jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas. Unter den bisherigen Preisträgern sind Schalom Ben-Chorin, Karl Rahner, Karl Popper, Moshe Zimmermann, der Dalai Lama sowie die früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Joachim Gauck. Verliehen wird die Auszeichnung von der Evangelisch-Theologischen Fakultät gemeinsam mit der Universität und dem Universitätsbund.

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