TV-Tipp: "Tatort: Inferno" (ARD)

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TV-Tipp: "Tatort: Inferno" (ARD)
14.4., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Inferno"
Der Titel führt etwas in die Irre: Der vierzehnte "Tatort" aus Dortmund ist natürlich kein Katastrophenfilm. "Inferno", italienisch für Hölle, bezieht sich womöglich auf Dante Alighieris knapp tausend Jahre alte Dichtung "Göttliche Komödie", in deren erstem Teil die zehn Kreise der Hölle beschrieben werden.
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Die Notfallambulanz, in der sich große Teile der Krimihandlung zutragen, wäre demnach der Vorhof zur Hölle, und tatsächlich irrt Faber (Jörg Hartmann) zu Beginn wie ein gefallener Engel durch die Korridore des Krankenhauses. Die Bildgestaltung (Robert Berghoff) unterstützt diesen Eindruck: Die Aufnahmen im Gegenlicht lassen den Hauptkommissar in seiner dunklen Kleidung erst recht dämonisch erscheinen. Dabei ist Faber all' seiner Unleidlichkeit zum Trotz auch diesmal wieder eher Opfer als Täter: Der düstere Prolog konfrontiert ihn erneut mit seinem Trauma, dem Verlust von Frau und Kind; die entsprechende Verletzlichkeit stellt eine Schwachstelle dar, die ihm im Verlauf dieser Geschichte beinahe zum Verhängnis wir

Zunächst beginnt "Inferno" jedoch mit einer ganz gewöhnlichen Krimihandlung: Im Ruheraum einer Notaufnahme wird die Leiche einer Ärztin gefunden. Ihr Kopf steckt in einer Plastiktüte. Faber und sein Team beginnen mit den üblichen Befragungen. Weil es mit der Ehe der Frau nicht mehr zum Besten stand, konzentrieren sich die Ermittlungen erst mal auf den Witwer. Für Faber kristallisiert sich jedoch schon recht bald ein anderer Antagonist heraus. Andreas Norstädter, Leiter der Notaufnahme, ist dem Kommissar umgehend suspekt, und das nicht allein wegen des großen Werts, den er auf seinen zweifachen Doktortitel legt: Der Arzt ist auch Psychiater und scheint in Faber lesen zu können wie in einem Buch. Eine kurze Unterhaltung genügt ihm, um zu erkennen, dass der Polizist Psychopharmaka nimmt. Faber wiederum, aufgrund ständiger Alpträume am Ende seiner geistigen Kräfte, wird nicht schlau aus Norstädter, klammert sich aber wie ein Ertrinkender an eine Hoffnung, als ihm der Arzt die Lösung seiner psychischen Probleme in Aussicht stellt. Für den Film ist das natürlich eine perfekte Konstellation; der "Tatort" aus Dortmund ist immer dann am besten, wenn Jörg Hartmann einen Antagonisten auf Augenhöhe hatte, etwa Samuel Finzi in "Tod und Spiele" (2018). Der in Barcelona aufgewachsene Àlex Brendemühl ist hierzulande zwar praktisch unbekannt, weil er überwiegend in spanischen Kinofilmen und nur ganz selten in deutschen Produktionen mitwirkt, aber ein Schauspieler mit großem Charisma, wie er unter anderem in dem Taunus-Krimi "Böser Wolf" (2016) bewiesen hat.

Das Kräftemessen zwischen Faber und Norstädter ist zwar ein ungleicher Kampf, weil der Psychiater den Kommissar immer wieder aus der Fassung bringt, aber natürlich gerade deshalb das interessanteste Element des Films; selbst wenn der doppelte Doktor offenbar keinerlei Grund gehabt hätte, seine Kollegin umzubringen. Nicht minder reizvoll ist eine zweite Ebene. Arztgeschichten und Krimis gehören seit jeher zu beliebtesten TV-Genres, werden seltsamerweise aber nur selten miteinander kombiniert. Im Unterschied zu den verschiedenen Krankenhausserien, deren Personal stets geduldig ist und für alle Probleme eine Lösung hat, ist das Personal der Notaufnahme in "Inferno" hoffnungslos überarbeitet und entsprechend unleidlich, wenn ihm auch noch dauernd die Ermittler im Weg stehen; trotzdem wirkt der Titel etwas übertrieben.

Markus Busch hat zuletzt die Vorlage zu einem "Tatort" aus Kiel geliefert, "Borowski und das Fest des Nordens" (2018), ein Krimidrama über ungeschminkte Brutalität im Alltag, und davor "Am Abend aller Tage" (2017), Dominik Grafs ungewöhnliche Annäherung an den Fall Gurlitt. "Inferno" ist sein erstes Drehbuch für einen "Tatort" aus Dortmund, was vielleicht erklärt, warum die weiteren Teammitglieder zu Nebenfiguren degradiert werden. Anna Schudt bekommt gewisse Konturen, weil Hauptkommissarin Bönisch ihrem Chef ein paar Mal klarmacht, dass es so nicht weitergeht, aber Aylin Tezel und Rick Okon haben nicht viel zu tun. Dass Nora Dalay erneut von einer Panikattacke heimgesucht wird und Jan Pawlak einen Wutanfall bekommt, nachdem er mit seinem kleinen Kind telefoniert hat, wirkt wie eine Pflichtübung, damit auch ihre Geschichte weiterzählt wird.

Das soll die Qualität des Films jedoch nicht schmälern, zumal Busch zum Ausgleich einige kleine Geschichten am Rand der Handlung erzählt, etwa von der Krankenschwester, die sich offenbar regelmäßig um verletzte oder schutzbedürftige Kleintiere wie eine Taube mit gebrochenem Flügel kümmert. Außerdem sorgt Regisseur Richard Huber für eine ungemein dichte Atmosphäre. Der Grimme-Preisträger ("Dr. Psycho") hat für den "Tatort" aus Dortmund schon die herausragende Episode "Sturm" (2017) inszeniert, einen packenden Thriller, in dem ein mutmaßlicher deutscher Islamist mit Sprengstoffgürtel die Polizei in Atem hält. "Inferno" ist ein völlig anderer Film, zumal Huber völlig auf die typischen Krimielemente verzichtet, aber gerade dank der vorzüglichen darstellerischen Leistungen auf seine Weise nicht minder fesselnd; es passt daher ins Bild, dass sich eine Verfolgungsfahrt am Ende überraschend indirekt ereignet. Sehr interessant ist auch die sparsam, aber akzentuiert eingesetzte Musik des Duos Dürbeck & Domen, die mit ihrem verzerrten Gitarrensound klingt, also käme sie von einem altersschwachen und deshalb etwas leiernden Plattenspieler. 

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