Dilemma vor dem Supermarktregal

Unverpackladen in München.

© epd-bild/Michael McKee

Caecilia Thalhammer beim Einkaufen von verpackungsfreien Lebensmitteln im Laden "OHNE - Der verpackungsfreie Supermarkt" in München.

Dilemma vor dem Supermarktregal
Mit der Aktion "Klimafasten" einen anderen Alltag ausprobieren
Die 18-jährige Cäcilia Thalhammer aus München will in den Wochen vor Ostern vegan und ohne Plastikmüll leben. Das bedeutet für sie aber nicht nur Verzicht.
Deutschland spricht 2019

Als sie im Supermarkt vor den Tetrapaks mit Reismilch und Hafermilch steht, steckt Cäcilia Thalhammer in einem Dilemma. Sich vegan ernähren und gleichzeitig auf Plastik verzichten - das ist gar nicht so einfach. "Pflanzenmilch gibt es fast nur in Tetrapaks - und die sind mit Plastik beschichtet. Das ist total doof." Die 18-Jährige Cäcilia, die seit September ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr bei der Jugendorganisation des BUND in München macht, nutzt die Zeit vor Ostern dieses Jahr zum "Klimafasten".

Naturschutzverbände und Kirchen rufen schon seit mehreren Jahren dazu auf, in der Fastenzeit klimafreundlichere Verhaltensweisen und einen Lebensstil auszuprobieren, der möglichst wenig Ressourcen verbraucht. Die Aktion "Klimafasten" von elf evangelischen Landeskirchen und drei katholischen Bistümern etwa schlägt für jede Woche einen anderen Schwerpunkt vor: "achtsam essen", "anders unterwegs" oder für die sechste Fastenwoche eben "plastikfrei".

Cäcilia versucht, in der gesamten Fastenzeit auf Plastikverpackungen und tierische Produkte zu verzichten. Die Emissionen aus der Tierhaltung zählen zu den Ursachen des Klimawandels. Fleisch isst Cäcilia schon seit ein paar Jahren fast nicht mehr. Der zusätzliche Verzicht auf Eier und Milchprodukte in der Fastenzeit funktioniert bislang auch ganz gut: "Statt Butter nehme ich Margarine, statt Milch Hafermilch oder Reismilch. Aber wenn ich unterwegs bin oder ins Restaurant gehe, esse ich manchmal aus Versehen etwas, das nicht vegan ist."

Schwieriger wird es in Kombination mit plastikfreiem Einkaufen, wie bei der Hafermilch. Zum Glück gibt es um die Ecke von Cäcilias Wohngemeinschaft in München einen "Unverpackt"-Laden. Die Lebensmittel werden dort lose aufbewahrt, die Kunden kommen mit ihren eigenen Gläsern oder Dosen und füllen sich so viel Mehl, Nudeln oder Müsli ab, wie sie kaufen möchten.

"Man braucht schon eine gewisse Infrastruktur, um vegan und plastikfrei zu leben", sagt Cäcilia, die in München mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. "In dem kleinen Dorf bei Nürnberg, in dem ich aufgewachsen bin, wäre das nicht möglich gewesen. Dort gibt es nur ganz normale Supermärkte."  

Keine höheren Kosten, nur größerer Aufwand

Neben der Infrastruktur braucht man fürs "Klimafasten" auch Zeit. Einfach schnell nach der Arbeit noch in den Supermarkt springen - das geht nicht mehr, erzählt die junge Frau. "Ich muss ja immer meine Gefäße dabeihaben." Deshalb plant sie jetzt mehr und schreibt sich schon morgens einen Zettel mit den Dingen, die sie abends noch einkaufen will.  

Mehr Geld braucht sie aber nicht unbedingt, hat Cäcilia bemerkt. "Teuer sind vor allem die veganen Fertigprodukte, und man kann sich auch ohne sie ausgewogen ernähren." Dass jeder mit seinem Ernährungs- und Kaufverhalten etwas bewirken kann, davon ist Cäcilia überzeugt.

Auch Paulina Rudnick sieht eine große Macht bei den Konsumenten: Die 21-Jährige ist in der Berliner Zentrale der Jugendorganisation des BUND zuständig für die Aktion "Klimafasten" der Naturschutzorganisation. "Wir essen jeden Tag mehrmals. Wenn jetzt ganz viele Leute auf einmal sagen, sie essen kein Fleisch mehr, müssen die Produzenten und die Politik darauf reagieren. Das ist ganz einfach Angebot und Nachfrage." Hand in Hand mit der Umstellung eigener Gewohnheiten geht für sie aber auch das politische Engagement - zum Beispiel bei den wöchentlichen "Fridays for Future"-Demonstrationen, bei denen vor allem junge Leute an die Politik appellieren, endlich wirkungsvolle Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen.

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Jeder habe die Verantwortung, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu tun - die einen als Konsumenten, die anderen eben als Politiker, findet auch Ulrike Wolf. Sie koordiniert in Hannover die kirchliche Aktion "Klimafasten". "Wenn wir den biblischen Auftrag ernst nehmen und die Schöpfung bewahren wollen, müssen wir unsere Gewohnheiten ändern", sagt sie.

In diesem Jahr werde die Broschüre der Landeskirchen und Bistümer zum "Klimafasten" besonders stark nachgefragt. Gerade nach dem heißen Sommer 2018 sei vielen klargeworden, dass der Klimawandel mittlerweile auch Europa betreffe. Es sei aber auch eine Frage der Gerechtigkeit, sagt Wolf, die Folgen des Klimawandels für andere Weltregionen und künftige Generationen soweit wie noch möglich abzumildern. "Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, neue Verhaltensweisen auszuprobieren und dann zu schauen, was man danach in seinen Alltag übernehmen kann."

Auch Cäcilia will versuchen, sich nach der Fastenzeit weiter vegan zu ernähren. Und das muss nicht nur Verzicht bedeuten. Der schönste Nebeneffekt sei, dass sie sich viele Kochbücher aus der Bibliothek ausgeliehen und neue Rezepte ausprobiert habe: "Ich habe jetzt viel mehr Ansporn, mir selbst etwas Leckeres zu kochen."