TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Zehn Rosen" (ARD)

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TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Zehn Rosen" (ARD)
10.2., ARD, 20.15: "Polizeiruf 110: Zehn Rosen"
Krimis leben davon, dass sie die Wirklichkeit grotesk überhöhen; gäbe es im wahren Leben ähnlich viele Untaten wie im Fernsehen, wäre Wohnungsnot kein Thema mehr. Während früher der Gattenmord genügte, um eine abendfüllende Handlung zu gestalten, lassen die Drehbuchautoren heutzutage immer häufiger Serienmörder ihr Unwesen treiben; das ist manchmal einfacher, als sich eine raffinierte Handlung auszudenken, und natürlich ist der Unhold noch furchteinflößender.

In "Zehn Rosen", dem zehnten "Polizeiruf" aus Magdeburg, sorgt Wolfgang Stauch für eine ungewöhnliche Variation des Subgenres. Seine kriminalistische Kernidee erinnert ein wenig an "Rot – rot – tot" (1978): In dem "Tatort"-Klassiker mit Curd Jürgens kaschiert ein Ehemann die Ermordung seiner rothaarigen Frau als Tat eines Serientäters, indem er noch weitere Rothaarige umbringt. Stauch hat die Idee etwas weitergedacht und ihr dadurch einen Dreh von geradezu ausgefuchster Raffinesse gegeben.

Das können Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und ihr Kollege Köhler (Matthias Matschke) aber natürlich nicht ahnen, als zwei Mädchen in einer leerstehenden Fabrik eine Leiche entdecken. Die erschlagene Frau ist auf kunstvolle Weise gefesselt, allerdings nur an den Beinen. Die Ermittlungen führen zu zwei Menschen, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Hauptverdächtiger ist der frühere Freund des Opfers, ein zwielichtiger Typ (Sven Schelker), in dessen Keller Brasch ein Verlies entdeckt. Der Mann heißt Freise, am Tatort steht in großen Lettern "Freisein" an der Wand: Der Fall scheint gelöst. Aber es gibt noch eine zweite Ebene, und die sorgt dafür, dass "Zehn Rosen" mehr als bloß von der üblichen Tätersuche erzählt. Lemp (Felix Vörtler), der Chef des Ermittlerduos, erinnert sich an einen ähnlichen Fall: Vor einigen Jahren ist eine Prostituierte ermordet worden. Für den damaligen Ermittler, Ulf Meier (André Jung), mittlerweile Ausbilder an der Polizeifachhochschule, gab es keinen Zweifel an der Identität des Mörders, aber Paul Schilling, ein Stammkunde des Opfers, musste nach einem erzwungenen Geständnis wieder laufen gelassen werden. Heute heißt Paul Pauline und ist auch äußerlich, was sie innerlich schon immer war: eine schöne Frau (Alessija Krause). Pauline leugnet die damalige Tat nach wie vor, zumal sie keineswegs ein Freier, sondern eine Freundin der Prostituierten gewesen sei. Das sagt sie auch über das zweite Opfer. Die beiden Frauen haben sich in der Praxis einer Psychiaterin (Birge Schade) kennengelernt, die als Expertin für die seelische Vorbereitung auf eine Geschlechtsumwandlung gilt. Bei ihrer Suche nach etwaigen weiteren Opfern macht Brasch eine verblüffende Entdeckung; und plötzlich klingt der unbekannte "gute Geist", von dem Pauline erzählt, weil er sie damals beschützt hat, gar nicht mehr wie eine Erfindung. 

Auch diese Geschichte hätte ein konventioneller Krimi werden können, aber spätestens die ausführliche Beschäftigung mit Paul und Pauline ist ein deutliches Zeichen dafür, dass Stauch und Torsten C. Fischer ein besonderer "Polizeiruf" vorschwebte. Der Regisseur hat bereits Stauchs Drehbücher zu den beiden SWR-Krimis "Emma nach Mitternacht" (2016) umgesetzt und gemeinsam mit Kameramann Theo Bierkens auch für Stauchs letzte Magdeburg-Episode ("Crash", 2018) besondere Bilder gefunden. "Zehn Rosen" zeichnet sich nicht zuletzt durchs Farbenspiel aus: Während viele Krimis bei ARD und ZDF immer kühler und entsprechend unbunt werden, lassen Fischer und Bierkens beispielsweise Paulines Blumenladen in voller Farbenpracht erblühen; vielleicht ein untrüglicher Hinweis auf ihre Unschuld, vielleicht aber bloß auch eine neckische Spielerei mit ihrem Dasein als Paradiesvogel. Richtig spannend wird der entspannt inszenierte Film erst gegen Ende, aber sehens- und auch hörenswert ist er schon vorher: Warner Poland und Wolfgang Glum haben schon bei "Crash" für eine abwechslungsreiche Musik gesorgt und unterlegen die Bilder auch diesmal wieder mit interessanten Kompositionen.

Ähnlich reizvoll wie die kriminalistische Ebene ist das Miteinander der Ermittler; und zwar interessanterweise, weil das Trio mittlerweile tatsächlich zu einer Einheit zusammengewachsen ist. Die ersten Episoden aus Magdeburg, damals noch mit Sylvester Groth, bezogen einen gewissen Reiz daraus, dass das Duo zwar im selben Boot saß, aber gern in unterschiedliche Richtungen ruderte. Auch mit Köhler gab es zunächst regelmäßig Krach, weil Brasch einfach nicht teamfähig war. Da sich solche Effekte jedoch rasch abnutzen, ist die Hauptkommissarin auch dank der Mediationsarbeit des Psychologen Wilke (Steven Scharf) für ihre Verhältnisse fast handzahm geworden. Weil sie und Wilke mittlerweile liiert sind, stellt sich Köhler allerdings die Frage, auf welcher Seite der Mann wohl stehen wird, wenn es wieder mal kracht. Für Unmut sorgt jedoch Lemp, der ausgerechnet zum dreißigjährigen Dienstjubiläum damit liebäugelt, Meiers Job an der Hochschule zu übernehmen: weil er in Anspielung auf eine Westernserie seinen Schatten verloren hat. Prompt nimmt ihm Brasch die zehn Titelrosen, die sie ihm zur Feier des Tages überreicht hat, wieder weg. Zum dramatischen Finale, bei dem Brasch Kopf und Kragen riskiert, ist Lemp – "Immer auf den Opa achten" – zum Glück wieder der Alte; und trotzdem gibt es zum Schluss noch einen Knalleffekt.

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