"Hat Jesus nicht auch so gehandelt?"

Portraitierte der Philippus-Gemeinde Köln

Foto: Raderberg und Thal

Die evangelische Philippus-Gemeinde Köln porträtiert Menschen auf Instagram mit kleinen Bild-und Text-Geschichten.

"Hat Jesus nicht auch so gehandelt?"
Eine evangelische Kirchengemeinde porträtiert Menschen auf Instagram
Mit kleinen Bild-und Text-Geschichten auf Instagram porträtiert die evangelische Philippus-Gemeinde Köln Menschen. Die Porträtierten stammen alle aus dem Gemeindegebiet, Kirchenmitglied müssen sie aber nicht sein. Ein Gespräch über das aufeinander Zugehen der modernen Art.

Nur wenige Kirchengemeinden haben einen eigenen Instagram-Kanal. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Idee für @raderbergundthal hatten?

Holger Geißler: Wir haben in unserer Gemeinde eine Kirche, die nicht wie üblich in der Mitte des Dorfes steht. Unsere Kirche hat auch keinen hohen Kirchturm, sondern wird von einer Waschanlage verdeckt und ist deshalb kaum zu sehen. Bei @raderbergundthal ging es darum, dass wir die Gemeinde auf irgendeine Art und Weise sichtbar machen wollten. Gleichzeitig haben wir die schöne Situation, dass viele Menschen zu uns ziehen. Die Stadtteile Raderberg, Raderthal und Höningen, die zur Philippus-Gemeinde gehören, wachsen, weil große Brachen zu Neubaugebieten wurden und dadurch viele junge Familien zu uns kommen. Wie wir auf die Neuzugezogenen zugehen können, ist in unserer Gemeinde schon lange Thema. Da lag es natürlich auch nahe, sich mit einem sozialen Netzwerk wie Instagram zu beschäftigen - weil man damit die Zielgruppe der jungen Familien richtig gut erreichen kann. Es ist halt normal, dass Menschen, wenn sie neu in einen Stadtteil ziehen, auch bei Instagram gucken, was dort überhaupt passiert. Wenn man dort heute nach #Raderthal oder #Raderberg sucht, ist die Chance, dass man bei uns landet, relativ hoch.

Jeden Dienstag erscheint ein neuer Post mit einem neuen Porträt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Menschen dafür aus?

Geißler: Die Porträtierten müssen in einem der drei Stadtteile wohnen oder extrem viel Zeit hier verbringen. Wir haben zum Beispiel einen Buchhändler porträtiert, der in Solingen wohnt, aber seine Zeit von Montagmorgen bis Samstagmittag in seinem Geschäft in Raderthal verbringt. Er wohnt zwar nicht hier, aber er prägt den Stadtteil. Abgesehen davon nehmen wir jeden, der Lust hat. Es geht uns darum, die Menschen, die hier leben, zu zeigen. Und nicht jeder ist Mitglied der Philippus-Gemeinde. Wir stellen aber zumindest immer die Frage, ob der Porträtierte eine Verbindung zur Gemeinde hat. Ich glaube, ich hätte es auch langweilig gefunden, wenn wir auf Instagram nur unsere eigenen Gemeindemitglieder porträtiert hätten. Mal abgesehen, dass es sowas schon bei uns schon seit Jahren im Gemeindebrief gibt.

Johanna Phan: Wir wollen durchaus eine Mischung schaffen. Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen aus den Stadtteilen zu erreichen - egal, welche Konfession sie haben oder, ob sie überhaupt irgendetwas mit Glauben zutun haben oder nicht.

Eine Porträtierte erzählt, dass sie an Raderthal die Kombination aus Land und Stadt mag. Ihr fehlt ein Café, der Nahverkehr könnte ausgebaut werden. Die Philippus-Gemeinde kennt sie nur aus ihrer Fahrschulzeit - der Rollertest-Übungsplatz war dort in der Nähe. Warum haben Sie sich dafür entschieden, dass es in den Posts nicht vorrangig um Glauben gehen soll?

Phan: Hat Jesus nicht auch so gehandelt? Ging es ihm nicht auch erst einmal um den Kontakt zu den Menschen? Ich finde, dass Kirche sich sehr oft, natürlich nicht immer - das kann man nicht pauschalisieren - um sich selbst dreht. Mit dem Instagram-Kanal wollten wir dem entgegenwirken und proaktiv den Kontakt zu den Menschen suchen. Sie sollen nicht erst zu uns kommen müssen. Ich finde es spannend zu sehen, wie viele Menschen dann doch über Kirche reden wollen. 

Geißler: Nachdem wir das Projekt und uns vorgestellt haben, taucht das Thema Glauben oft auch ungefragt auf. Die Leute sind da echt offen und auskunftsbereit. Ich kann mich zum Beispiel an ein Gespräch mit einer jungen Frau erinnern, das sehr intensiv wurde, weil sie mir erzählte, welche Glaubenserfahrungen sie gemacht hat. Es war ihr einfach ein Bedürfnis, darüber zu sprechen. Das hat mich schon überrascht. Ich kann mich an jedes Gespräch, das ich geführt habe, erinnern und es waren einfach sehr bereichernde Termine. Und wir können die Menschen dann zumindest in unsere Gemeinde einladen. 

"Wir wünschen uns die Porträts sehr viel bunter, denn auch die Stadtteile sind viel bunter"

Mit den Porträts wollen Sie die Vielfalt der Menschen zeigen, die in den drei Kölner Stadtteilen leben. Aus interreligiöser Sicht betrachtet tauchen in den Posts bislang vor allem Protestanten und Katholiken auf.

Geißler: Ich muss sagen, Menschen anderer Religionen zu finden, ist gar nicht immer so einfach. Es gibt bei uns im Gemeindegebiet natürlich auch viele Muslime. Und wir hätten sehr gerne auch einen höheren Anteil an Nicht-Deutschen in unseren Posts. Ich habe natürlich auch schon Leute, die sozusagen nicht unserem "Klischee" entsprechen, angesprochen - aber diejenigen dazu zu bekommen, bei unserem Projekt mitzumachen, ist gar nicht so einfach. Wir wünschen uns die Porträts aber sehr viel bunter, denn auch die Stadtteile sind sehr viel bunter, als sie zurzeit auf unserem Profil erscheinen. Aber das haben wir bis jetzt noch nicht geschafft. 

Die meisten Likes hat das Foto eines Imbiss-Betreibers, der mit der Gemeinde vor allem den ehemaligen Hausmeister verbindet für den er während Veranstaltungen öfter Essen geliefert hat.

Geißler: Dass das unser prominentester Post ist, hat uns eigentlich kaum überrascht, weil der Imbissbetreiber quasi der Prinz von Raderthal ist. Einmal im Jahr gibt es in der Schulze-Delitzsch-Straße, die direkt an den Imbiss grenzt, einen Karnevalsumzug. Das ist der kleinste Umzug Kölns und der Imbissbetreiber ist seit Jahren der Karnevalsprinz. Sicherlich gehört er auch zu den bekanntesten Raderthalern. Dazu muss man sagen: In Raderthal gibt es nicht viel Gastronomie. Von daher hat er eine ganz zentrale Stellung im Viertel.

"Die meisten Posts verbreiten sich über Hashtags und Standorte"

Mit dem Fokus auf die Stadtteile Raderberg, Raderthal und Höningen ist @raderbergundthal räumlich stark begrenzt. Wie werden die Menschen auf das Projekt aufmerksam, wenn Sie keine Gemeindemitglieder sind?

Phan: Ich glaube, das sieht man ganz gut am Porträt des Imbissbesitzers. Seine 62 Likes kommen vielleicht tatsächlich von den Menschen, die unseren Kanal abonniert haben. Aber daran glaube ich fast nicht. Die meisten Posts verbreiten sich über Hashtags und Standorte, die wir angeben. Man kann uns sonst über unsere Webseite finden, oder, wenn wir etwa bei Straßenfesten mit den Menschen ins Gespräch kommen. Bei einem Straßenfest sind wir zum Beispiel aktiv auf die Menschen zugegangen und haben eine Liste mit Freiwilligen geführt, die für das Projekt gerne von uns interviewt werden wollen.

Geißler: Wir haben bei Instagram auch die Möglichkeit, dass wir regelmäßig suchen, wer Hashtags mit den Stadtteilen postet. Wir folgen den Leuten dann. Die sehen dann, wer wir sind und in der Regel folgen sie uns auch zurück.

 

Was raten Sie Kirchengemeinden, die kein Instagram-Profil oder ein Projekt wie @raderbergundthal haben? 

Phan: Nachmachen!

Geißler: Wenn es passt, nachmachen. Es hängt ja aber immer davon ab, welche Zielgruppe die Gemeinde hat und ob das Projekt helfen würde, diese Gruppe zu erreichen. Bei uns macht @raderbergundthal Sinn, weil wir nicht im Gemeindegebiet sichtbar sind und wir zugezogene Familien erreichen wollen. Wir wünschen uns aber natürlich auch, dass wir - wo es passt - nachgemacht werden.  Wir geben gerne auch Tipps, was man machen kann und was man besser nicht macht.

Den Instagram-Kanal gibt es nun seit etwa einem Jahr. Die Evangelische Kirche im Rheinland hat das Projekt im März mit dem ersten Platz beim Medienpreis für digitale Projekte ausgezeichnet. Sie haben gut 40 Menschen porträtiert, 242 Menschen folgen @raderbergundthal. Wie zufrieden sind Sie?

Geißler: Ich glaube, dass wir sehr zufrieden sind. Eines der Projektziele war auf unsere Gemeinde aufmerksam zu machen, und das hat, dadurch, dass wir den Medienpreis gewonnen haben, total super geklappt. Es geht zwar immer größer, schneller, weiter, aber wir haben den Instagram-Account nicht aus diesem Grund angestoßen. Dass wir im Vergleich zu viel größeren Instagram-Accounts wenig Follower haben, finden wir zum jetzigen Zeitpunkt völlig okay. Man muss auch immer bedenken, dass unser regionales Feld sehr klein ist: In Raderberg, Raderthal und Höningen leben 17.000 Menschen. Die Philippus-Gemeinde hat knapp 2.200 Mitglieder. Das ist alles relativ klein und von daher sind wir zufrieden.

Phan: Amen.

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