Weihnachtswerkstatt hinter Gittern

Ein Häftling in der Holzwerkstatt der JVA Bielefeld-Brackwede mit einen Weihnachtsbaum aus Holz den die Häftlinge hergestellt haben.

© epd-bild/Friedrich Stark

Ein Häftling in der Holzwerkstatt der JVA Bielefeld-Brackwede mit einen Weihnachtsbaum aus Holz den die Häftlinge hergestellt haben.

"Nussknacki" und Glücksschwein: In eigenen Online-Shops vermarkten die Justizverwaltungen das, was Häftlinge in Gefängniswerkstätten fertigen. In diesem Jahr steuert der Umsatz von Knastladen.de auf einen neuen Rekord zu.

So manchen spielerischen Ritterkampf soll es überstehen, das Holzschwert "Exknastibur". Der Name erinnert an das magische Schwert Excalibur aus der Artus-Sage und weist zugleich auf die Hersteller des Kinderspielzeugs hin: Insassen der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede produzieren das Schwert, das für neun Euro auf www.knastladen.de bestellt werden kann. Der Online-Shop der nordrhein-westfälischen JVAs bietet rund 1.500 Artikel aus 30 Gefängnissen an und ist bundesweit der größte seiner Art.

Herstellung der sternförmigen Teelichthalter für den Knastladen.


In der Werkstatt in Brackwede geben drei Häftlinge in beigefarbener Arbeitskleidung gerade sternförmigen Teelichthaltern aus Holz den letzten Schliff. Auf dem Tisch daneben stapeln sich die für den Versand bestimmten Spielzeug-Schwerter. Bis zu 16 Männer kommen montags bis freitags zur Arbeitstherapie. "Wir möchten sie an regelmäßige Arbeit und einen strukturierten Tagesablauf erst einmal gewöhnen", erläutert der Leiter der Arbeitstherapie, Kai Wiegner. Gelingt das, können die Häftlinge in einen der Eigenbetriebe der JVA wechseln, etwa in die Tischlerei.

Bundesweit der größte Online-Shop

"Es wäre nicht gut, den ganzen Tag in der Zelle zu sitzen", sagt ein Gefangener in der Holzwerkstatt. Stolz zeigt der Mann Weihnachtsdeko-Artikel, an denen er mitgearbeitet hat. Seit zehn Monaten sei er schon dabei, berichtet der 40-Jährige, der vor allem mit Schleifen und Malen beschäftigt ist.

In der Töpferei bemalt ein 41-Jähriger gerade eine Kaffeetasse mit einem schwarzen Adler. "Ich arbeite hier gerne, und man macht auch was Gutes für andere", sagt er leise. Auch Mitgefangene bestellen bei ihm Tassen, mit Tiermotiven oder Inschriften in verschiedenen Sprachen.

In diesem Jahr läuft der Umsatz von Knastladen.de auf einen neuen Rekord zu: Beliebt sind das Holzschert "Exknastibur" und das Auto.

Welche Produkte über den Knastladen im Netz verkauft werden sollen, schlagen die Anstalten der Zentralstelle für Arbeitsverwaltung im Justizvollzug in Castrop-Rauxel vor. Dort ist Bernhard Janßen verantwortlich für die Verwaltung der Webseite: "Wir bieten Produkte von A wie Adventlicht bis Z wie Zeitungsständer." Neben jahreszeitlicher Deko und Holzspielzeug wie dem Auto "Renner" aus Brackwede seien zum Beispiel Büromöbel, Grillgeräte, Vogelhäuser oder Hundeleinen bei den Kunden beliebt. Manche Anstalten haben sich spezialisiert: So kommt Schmuck aus der JVA Hamm, Schuhe werden in Remscheid genäht, Filztaschen stellen Häftlinge in Düsseldorf her.

"Produkte von A wie Adventlicht bis Z wie Zeitungsständer"

Als die gemeinsame Online-Plattform der NRW-Gefängnisse vor zehn Jahren an den Start ging, war sie nicht die erste: Niedersachsen war bereits 2001 mit jva-shop.de online gegangen, Sachsen folgte 2005 mit gitterladen.de. Aus Hamburg kommt das Label "Santa Fu", aus Hessen der Shop "Haftwerk", aus Bayern "Haftsache".



In fast allen Bundesländern sind Häftlinge zur Arbeit verpflichtet, sofern sie gesund und nicht schon im Rentenalter sind. "Und sie wollen auch arbeiten", sagt der Leiter der Arbeitsverwaltung in Bielefeld-Brackwede, Jürgen Henke-Sommer. Er führt eine Warteliste von Bewerbern, da die Anstalt wegen Raumproblemen derzeit nicht genug Arbeitsplätze bieten kann.

Strafgefangene erhalten in den JVA-Betrieben in Nordrhein-Westfalen pro Tag ein Entgelt zwischen 9,87 und 16,44 Euro, von dem sie etwas über die Hälfte als Startkapital für die Zeit nach der Entlassung ansparen müssen. Die Teilnahme an der Arbeitstherapie ist dagegen freiwillig - der Verdienst liegt bei 75 Prozent der Regelsätze.

Resozialisierung steht im Vordergrund

Die Internet-Plattform knastladen.de wird monatlich bis zu 40.000mal besucht, laut Administrator Janßen haben sich 6.000 Menschen als Kunden registriert.

Nicht nur Tannenbäume aus Holz, sondern auch Büromöbel werden in der Holzwerkstatt hergestellt.
2017 übersprang der Umsatz mit den Knastprodukten erstmals die Fünf-Millionen-Euro-Grenze. Darunter sind auch Aufträge der nordrhein-westfälischen Justiz, die in den JVAs zum Beispiel Büromöbel fertigen lässt. In diesem Jahr erwartet die Zentralstelle Arbeitsverwaltung einen neuen Rekord: Bis Ende September wurde demnach bereits für mehr als vier Millionen Euro eingekauft. Insgesamt nahm das Land durch die Einkaufs-Plattform seit dem Start fast 19 Millionen Euro ein.

Doch beabsichtige die Justiz nicht, mit der Vermarktung der Knast-Produkte Gewinn zu erzielen, sagt Janßen. Man wolle in erster Linie mit Zerrbildern vom Strafvollzug aufräumen und die Bedeutung der Arbeit für die Resozialisierung der Häftlinge unter Beweis stellen. Viele Bürger fänden dies gut und unterstützten durch Käufe diese Aufgabe.


"Was die Inhaftierten herstellen, ist sinnvoll, wird öffentlich angeboten und Menschen zahlen dafür", erklärt Henke-Sommer von der JVA Brackwede. "Eine solche Anerkennung für ihre Arbeit erleben viele hier zum ersten Mal."

Im Online-Shop sei die Suche nach Geschenken vor dem Fest deutlich zu spüren, sagt Janßen. Wie wäre es etwa mit einem "Nussknacki" für 5,90 Euro oder mit "Glücksschwein Borsti" aus Buche als Glücksbringer für 2019? Und der "Strafzeitberechnungskalender" fürs neue Jahr zählt die Tage sogar abwärts.