Sulawesi vier Wochen nach der Katastrophe

Mitarbeiter der DKH-Partnerorganisation SHEEP

© Diakonie Katastrophenhilfe/Christoph Püschner

Die beiden Mitarbeiter der DKH-Partnerorganisation SHEEP Burhan (2. Person v. rechts) und Rusdiyanto (3. Person v. rechts) übergeben an den Chef des Dorfes Mr. Rahmann und einem lokalen Mitarbeites des Katastrophenschutzes das dringend benötigte Stromerzeugungsaggregat.

Mehr als 2000 Tote, 70.000 zerstörte Häuser und 200.000 Menschen ohne Lebensgrundlage: das ist die Schreckensbilanz des Erdbebens und des Tsunamis in Indonesien. Obwohl die Situation vor Ort nach wie vor schwierig ist, kehrt doch langsam der Alltag wieder ein und die Hilfe scheint bei denen anzukommen, die sie brauchen.

Die mit braunen Kartons und weißen Säcken mit Reis beladenen Mopeds schlingern bedenklich auf dem schmalen, unbefestigten Bergweg im Dschungel von Zentralsulawesi. Steine und Pfützen erschweren es den Fahrern zusätzlich, das Zweirad in Balance zu halten, um nicht in den metertiefen Abgrund rechts von der gefährlichen Piste zu stürzen. Die Mopeds bringen Hilfsgüter zu abgelegenen Dörfern. "Die Fahrt dorthin war nicht ohne", sagt Alexander Rondonuwu. Der Vorsitzende der "Indonesischen Protestantischen Kirche" von Donggala in Zentralsulawesi hat von seinem Moped den abenteuerlichen Hilfseinsatzes gefilmt und auf Facebook veröffentlicht.

Rondonuwu ist aus Palu, neben Donggala die andere von Erdbeben und Tsunami arg zerstörte Großstadt. "Mein Haus wurde auch beschädigt", sagt Rondonuwu. "Aber meinem acht Jahre alten Sohn, meiner Frau und mir ist nichts passiert. Wir sind gesegnet von Gott."

Über die Partnerorganisation "Health, Education, Environment and Peace" (SHEEP) hat das evangelische Hilfswerk Diakonie Katastrophenhilfe bereits mehr als eine Million Euro für die Hilfe für 5000 Überlebende der Doppelkatastrophe aus Erdbeben und Tsunami bereitgestellt. Die Herausforderungen der kommenden Wochen bestehen für SHEEP in der Lieferung von Planen sowie von sauberem Wasser. "Der Monsun beginnt und die Menschen brauchen dringend provisorische Unterkünfte und Planen, um sich vor dem Regen zu schützen", sagt Rina Wijaya, stellvertretende Direktorin von SHEEP. Die Katastrophe habe zudem vielerorts die Wasserleitungen und Stromverbindungen zerstört, daher könnten auch Wasserpumpen nicht betrieben werden.

Mit dem Monsun steigt die Gefahr von Infektionskrankheiten. Das feucht-nasse Klima bietet Moskitos als Überträger von Malariaerregern perfekte Brutbedingungen. Schon jetzt sind die hygienischen Bedingungen in dem Katastrophengebiet prekär. Zur Vorbeugung von Seuchen durch die vielen Tausend in den Trümmern der Häuser verwesenden Leichen haben die indonesischen Behörden damit begonnen, von Helikoptern aus Desinfektionsmittel zu versprühen.

Bislang aber  sind Durchfall- und Atemwegserkrankungen die großen gesundheitlichen Probleme. Zudem haben viele Menschen Verletzungen und Knochenbrüche erlitten. "Die Krankenhäuser sind überfüllt", weiß Wijaya. Ärzte und Krankenpfleger von SHEEP versorgten deshalb die Menschen in den Lagern, in Übergangsambulanzen, durch Hausbesuche und in abgelegenen Gebieten durch mobile Kliniken. "Die meisten Betroffenen leben noch immer in Zelten und auf der Straße. Auch diejenigen, deren Häuser nicht zerstört wurden. Die Menschen haben Angst. Täglich erschüttert mindestens ein Nachbeben die Region. Die spüren wir auch in unserem Büro in Palu", erzählt Wijaya, die gerade erst vom Einsatz in Palu in das Hauptquartier von SHEEP in Jogjakarta zurückgekehrt ist

Rund einhundert Hilfsorganisationen sind derzeit in Zentralsulawesi offiziell registriert. Zusammen mit den Behörden und den Sicherheitsorganen koordinieren sie ihre Einsätze. Indonesien erlaubt aber nur einheimischen Organisationen die Hilfe. Ausländische Hilfsorganisationen dürfen nur über lokale Partner aktiv werden. "Wir begrüßen das, weil die lokalen Strukturen dadurch gestärkt werden", betont Michael Frischmut, der Kontinentalleiter Asien der Diakonie Katastrophenhilfe, der sich derzeit in Indonesien aufhält.

Es gibt aber auch viele Hilfsorganisationen, die nicht registriert sind. Darunter sind auch solche, die im Namen politischer Parteien unterwegs sind. Im Frühjahr 2019 sind Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. "Es ist eine Schande, dass die Parteien die Not der Menschen für den Wahlkampf ausnutzen", findet Wijaya.

Die Weltbank hat Indonesien nach den jüngsten Naturkatastrophen von Sulawesi und Lombok Kredite in Höhe von bis zu einer Milliarde Dollar für den Wiederaufbau, aber auch für die Vorbereitung auf künftige Katastrophen zugesagt. Enthalten in dem Finanzpaket ist auch ein Etat zur finanziellen Unterstützung für 150 000 arme Familien für die Dauer von sechs bis zwölf Monaten.

Eine Woche nach den Erdbeben und dem Tsunami beteten indonesische Muslime in der Nähe des Strandes Talise bei Palu.

Wijaya weiß aus ihren Gesprächen in Palu, dass die Menschen von der Solidarität aus aller Welt überrascht sind und auch davon, dass Hilfe nicht nur von muslimischen Organisationen kommt. "Diese Solidarität macht ihnen Mut, ihr Leben neu aufzubauen." Wie ganz Indonesien ist Sulawesi mehrheitlich islamisch. Mit fast 17 Prozent liegt allerdings der Anteil protestantischer Christen auf Sulawesi mehr als doppelt so hoch wie im indonesischen Durchschnitt.

Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche sind Alltag in Indonesien. Das aus 17 000 Inseln bestehende Land gehört zum tektonisch höchst aktiven "Pazifischen Feuerring" mit 450 aktiven Vulkanen (davon 120 in Indonesien) und den sogenannte Subduktionszonen, in denen sich Erdplatten untereinander schieben und so Beben und Tsunamis auslösen.

Die indonesische Meeresregion zwischen Sumba und Sulawesi, wo die australische Kontinentalplatte nach Norden drückt und unter die Sunda-Platte abtaucht, wurde in den vergangenen Monaten von einer wahren Erdbebenserie heimgesucht. Im Juli und August dieses Jahres forderten insgesamt drei Erdbeben auf Lombok mehrere Hundert Tote. Zehntausende Menschen wurden obdachlos.

Jedes Beben, jeder Tsunami aber hat auch individuelle Besonderheiten. Geologen und Seismologen gehen inzwischen davon aus, dass in Palu das Phänomen der Bodenverflüssigung die Hauptursache für die immensen Schäden war. Durch starke Erschütterungen werden bereits wassergesättigte, meist sandige Böden instabil, wabbeln durch Erschütterungen wie ein Pudding und darauf errichtete Gebäude verlieren ihren Halt.

Vier Wochen nach der Doppelkatastrophe kehrt der Alltag nur zögerlich zurück. "Die öffentliche Verwaltung funktioniert noch nicht wieder hundertprozentig. Viele Beamte sind aus Angst vor weiteren Beben aus Palu geflohen und trotz Aufrufen der Regierung noch nicht zurückgekehrt", weiß Wijaya. Das Wirtschaftsleben aber komme langsam wieder in Schwung. "Banken haben wieder geöffnet und auf den Märkten gibt es wieder Obst und Gemüse zu kaufen." Aber die beste Versorgung nutzt nichts, wenn man aus Mangel an Kochgeschirr die Lebensmittel nicht zubereiten kann. "Deshalb hat für uns die Lieferung von Töpfen und Woks auch Priorität."

Materielle Hilfe mit "Non food items", wie es im Jargon der Hilfeprofis heißt, und medizinische Versorgung sind das eine. Das andere ist die Hilfe zur Überwindung der durch Tod und Zerstörung ausgelösten Traumata. Religion bietet dafür eine Zuflucht. Da aber viele Moscheen und Kirchen beschädigt oder zerstört wurden, finden religiöse Feiern oft unter freiem Himmel statt. "Ich habe in den entlegenen Gebieten auch einen Gottesdienst gehalten und Opfer der Katastrophen seelsorgerisch betreut" erzählt Pastor Rondonuwu, der von 69 beschädigten oder zerstörten Kirchen berichtet.

Während die Hilfsorganisation SHEEP mit einer mobilen Ambulanz den Bewohnern des Dorfes Bakunakulu medizinische Hilfe anbietet, betreuen Pädagogen die Kinder der Dorfbewohner. Febri (1. Person v. rechts) und Anggi (4. Person v. rechts) der Hilfsorganisation "Sulteng Bergerak" sind im Umgang mit traumatisierten Kindern speziell geschult.
                                                                                                               

Psychologische Hilfe für Kinder bietet "SOS-Kinderdörfer" in eigens eingerichteten Schutzzentren in der Region rund um Palu. Zudem sind nach Angaben von "SOS Kinderdörfer" die Jungen und Mädchen in den Zentren geschützt vor Menschenhändlern. Die Hilfsorganisation schätzt, dass etwa 5 000 Kinder aktuell unbegleitet sind, da ihre Eltern bei der Katastrophe ums Leben gekommen sind oder von ihnen getrennt wurden.

Eine wichtige Rolle für die Traumabewältigung kommt den Warungs zu, den Garküchen, die so langsam wieder in den Straßen und auf den Plätzen von Palu zurück sind. "Beim Essen in den Warungs erzählen sich die Menschen ihre ganz persönlichen Geschichten, wie sie die Katastrophen überlebt haben, sprechen über ihre Trauer um die gestorbenen Verwandten und Freunde", erzählt Wijaya. "Diese Erinnerungen immer wieder mit anderen Betroffenen zu teilen hilft sehr, Traumata zu überwinden."