Die Sprache, in der sie träumen

Der christliche Liedermacher Manfred Siebald wird 70 Jahre alt
Der Liedermacher Manfred Siebald wird 70 Jahre alt.

© epd-bild/Andrea Enderlein

Der Liedermacher Manfred Siebald spielt in seiner Wohnung in Mainz Gitarre.

Noch immer steht er regelmäßig mit der Gitarre auf der Bühne und manchmal hält er sonntags in seiner Mainzer Kirchengemeinde auch die Predigt: Manfred Siebald ist seit Jahrzehnten einer der bekanntesten christlichen Liedermacher. Manche seiner Lieder sind inzwischen moderne Klassiker, stehen in Kirchengesangbüchern, wurden ins Finnische und Arabische übersetzt. Nun ist er 70 geworden.

Wer ihn in seiner gemütlichen Wohnstube am Stadtrand von Mainz besucht, bekommt nicht den Eindruck, mit einem Mann zu sprechen, der offiziell bereits seit sechs Jahren im Ruhestand ist. Musik war nie seine einzige Leidenschaft, im Hauptberuf lehrte und forschte der gebürtige Hesse als Professor für amerikanische Literatur an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Und noch heute ist er weiter an seinem Lehrstuhl tätig. "Viele von der einen Seite wussten gar nichts von der anderen Seite meines Lebens", sagt er, "ich habe immer versucht, in beiden Bereichen 100 Prozent zu geben."

Das Doppelleben des Professors

Den Studenten blieb das "Doppelleben" des Professors allerdings nicht ganz verborgen: "Ich habe, wenn es um die wechselseitige Abhängigkeit von Text und Musik ging, auch schon mal die Gitarre mit in den Hörsaal genommen, mich vorne hingesetzt und spontan ein Gedicht von Robert Frost oder Emily Dickinson vertont", erzählt Siebald. Nach einer dieser Vorlesungen schrieb ihm ein Student, keiner der Anwesenden werde jemals vergessen, was Musik aus einem Text machen könne.

Der Liedermacher Manfred Siebald  komponiert selber. Manche seiner Lieder sind inzwischen moderne Klassiker.

In Siebalds eigenen Gedichten geht es um den Glauben an Gott und um alltägliche Momente, aus denen er seine Zuversicht schöpft. Ein Jahr lang vergeht im Durchschnitt von der ersten Idee bis zum fertigen Lied. Manche seiner Texte sind sehr persönlich, etwa, als er seiner damals bereits pflegebedürftigen Mutter mit "Deine letzten Schritte" eine rührende Liebeserklärung widmete.

Der Stein, der Kreise im Wasser zieht

"Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise", beginnt Siebalds vermutlich bekanntestes Lied, "und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise." Welch weite Kreise seine Verse und Melodien ziehen würden, hätte der Liedermacher sich anfangs selbst nicht vorstellen können. So war sein vertonter Segenswunsch "Geh unter der Gnade" ursprünglich lediglich als Geburtstagsständchen für einen engen Freund gedacht. Inzwischen gehört er zum festen Repertoire christlicher Chöre und zu den Lieblingsliedern vieler Kirchengemeinden.

Als Sohn eines Bahnbeamten wurde Manfred Siebald am 26. Oktober 1948 in Nordhessen geboren. Seine Eltern sorgten dafür, dass der Junge Geigen- und Bratschenunterricht bekam. Über sie wurde er auch zu einem bekennenden Christen, bekam schon früh die Leitung einer kirchlichen Kindergruppe anvertraut: "Ich war überfordert damit, die Kinder mit der Geige unter dem Kinn zum Singen zu bringen. Da habe ich mir eine Gitarre gekauft." Als Student in Marburg erlebte er das unruhige Jahr 1968 und führte als Mitglied einer christlichen Studentenbewegung nächtelang Diskussionen mit den sozialistischen Kommilitonen. 1970 erschien seine erste Single.

Man muss das Publikum liebhaben

Später begleitete er missionarische Großveranstaltungen, etwa mit dem Baptisten-Prediger Billy Graham. Der Liedermacher sagt, es habe für ihn nie eine Rolle gespielt, wie groß das Publikum war, vor dem er gerade auftrat, und wie viele tausend Menschen ihm bei einer Evangelisation zuhörten: "Das ist in keiner Weise anders als die Konzerte drüben im Caritas-Altenzentrum für 20 Leute." Wer sich extra einen Abend freinehme, habe einen Anspruch, "anständige Musik" zu hören zu bekommen, sagt Siebald und ergänzt: "Es gibt auf der Bühne nichts Wichtigeres, als sein Publikum liebzuhaben."

Für die Kirchenmusik wünscht er sich eine Verbindung aus Bewährtem und Neuem. "Popmusik ist in keiner Weise minderwertiger als Bach oder Mendelssohn, wenn es darum geht, das Evangelium in Menschenherzen zu bringen", findet er. Seine eigene evangelische Kirchengemeinde setze bereits auf eine solche Mischung, allerdings seien auch dort Spannungen nicht ausgeblieben: "Bei uns hat es lange gedauert, bis die Älteren ein Schlagzeug ertragen und die Jüngeren einen gregorianischen Choral mitsingen konnten."

Lieder helfen Flüchtlingen heimisch zu werden

Auch zu englischsprachigen Lieder in Gottesdiensten hat der Amerikanistik-Professor eine klare Haltung: "Wir sollten gegebenenfalls auch Englisch singen, aber nicht, um unsere Inhalte zu verbergen, sondern wenn wir damit Gottesdienstbesuchern, die nicht Deutsch sprechen, entgegenkommen können." Auf Englisch gesungene Lieder könnten beispielsweise Flüchtlingen helfen, in einer Gemeinde heimisch zu werden. Für seine eigenen Konzerte gelte: "Ich möchte mit meinem Publikum in der Sprache kommunizieren, in der die Leute träumen."

Noch immer flattern ihm mehrere hundert Konzertanfragen pro Jahr ins Haus, wie er erzählt. Viel mehr, als er schafft: Die meisten muss der Liedermacher, der seine Gage grundsätzlich zugunsten sozialer Projekte spendet, aus Termingründen absagen.