Missbrauchsopfer fordern von katholischer Kirche mehr Aufklärung

Katholische Kirche verschließt sich vor Verantwortung

© Giuseppe Lami/ANSA/AP/dpa

Die Verschlossenheit der Katholischen Kirche vor der Verantwortung trifft die Missbrauchsopfer hart.

Nach der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz hält die Kritik von Opfern an der katholischen Kirche weiter an.

Die katholische Bischofskonferenz habe als Konsequenz auf die Studie "keine konkreten Schritte beschlossen", sagte der Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, dem Berliner "Tagesspiegel" (Sonntag). Zahlreiche Betroffene registrierten fassungslos, dass die Institution Kirche öffentlich nicht stärker in die Verantwortung genommen werde.

"Die Opfer müssen endlich für das Versagen der Institution Kirche entschädigt werden", forderte der Sprecher. Bislang entschädige die Kirche die Opfer sexuellen Missbrauchs nicht. "Sie leistet nur eine symbolische Anerkennung", sagte Katsch. "Der Unterschied ist enorm." Denn durch Anerkennung des Leids, nicht aber der Schuld, werde diese "allein auf die Täter abgewälzt, aber die Mitschuld der Institution für die Tat und den Umgang mit der Tat beiseitegewischt. Das erleben Opfer als ein zweites Verbrechen" und als eine Mischung aus Herblassung und schlechtem Gewissen. 

Die Dimension des sexuellen Missbrauchs durch Klerikale könnte zudem - bei einer unabhängigen Aufklärung - noch deutlich größer ausfallen, erklärte der Opfer-Sprecher weiter. Er verwies darauf, dass für die Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz ganze Bereiche der Kirche nicht hätten untersucht werden dürfen. Als Beispiel nannte Katsch "die Ordensgemeinschaften etwa, darunter also auch das Canisius-Kolleg in Berlin, an dem ich Opfer wurde". Auch die Heimerziehung und die Frauen-Kongregationen seien nicht berücksichtigt worden. 

Die katholische Kirche habe auch nie ein Interesse gehabt, alle Opfer zu erfassen, sagte Katsch der Zeitung weiter. Sie habe "das Verbrechen des Kindesmissbrauchs gar nicht wahrgenommen, sondern hatte vielmehr den Verstoß des Klerikers gegen sein Zölibat-Versprechen im Blick". Im Kirchenrecht sei das bis heute so. 

"Das System, das diesen Missbrauch ermöglicht hat, funktioniert noch"

Der Zölibat sei aber nur ein Teil des Problems, sagte Katsch weiter: "Es geht um den missbräuchlichen Umgang mit Macht, das überkommene Verständnis von Sexualität und das neurotische Verhältnis zur Homosexualität." Der Kampf gegen Missbrauch werde erfolglos bleiben, wenn der Pflichtzölibat mit seinen Nebenwirkungen aufrechterhalten bleibt, sagte Katsch. Zudem warnte der Opfer-Sprecher: "Das System, das diesen Missbrauch ermöglicht hat, funktioniert noch. Kinder und Jugendliche sind immer noch akut gefährdet."

Katsch war den Angaben zufolge von 1973 bis 1981 Schüler des Berliner Canisius-Kollegs. Er wurde dort Missbrauchsopfer von Serientätern und hat mit anderen Betroffenen die Initiative "Eckiger Tisch" gegründet. Der Verein engagiert sich für Aufklärung, Hilfe und Entschädigung für die Betroffenen im Kontext der katholischen Kirche. Katsch ist seit 2015 Mitglied des Betroffenenrats beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung.

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz hatte Ende September eine von ihr in Auftrag gegebene Studie zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige veröffentlicht. Die Studie, die ein Wissenschaftler-Verbund erstellte, ergab, dass zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Es fanden sich Hinweise auf 1.670 beschuldigte Kleriker. Für die Studie wurden Personalakten der 27 deutschen Bistümer ausgewertet.