Die Liebe im Pflegefall

Hamburger Journalistin beschreibt die Herausforderungen von Paaren im Alter
Ganz unterschiedlich entwickeln sich Paare, wenn einer von beiden zum Pflegefall wird

Foto: epd-bild / Werner Krüper

Pflege aus Liebe: Dies ist der häufigste Grund, den pflegende Ehepartner in einer Studie nennen.

Was passiert mit der Liebe, wenn der andere zum Pflegefall wird?" Dieser Frage ist Birgit Ehrenberg nachgegangen. Sechs Paare hat sie für ihre Recherche über einen längeren Zeitraum begleitet. Ihr Fazit: "Liebe ist nichts für Feiglinge."

Ganz unterschiedlich entwickeln sich Paare, wenn einer von beiden zum Pflegefall wird: Simone hat sich scheiden lassen, als ihr Mann ins Koma fiel. Er lebt nun im Pflegeheim. Nina hat ihren krebskranken Mann bis zum Tod mit Zärtlichkeit und Hingabe gepflegt. Ruth leidet seit drei Jahren an Demenz und hat dennoch Sex mit ihrem Mann. "Das Erotische bringt uns doppelt zusammen - körperlich und seelisch", sagt ihr Ehemann Walter.  

Die Hamburger Journalistin Birgit Ehrenberg (55) geht in ihrem am Dienstag erschienen Buch der Frage nach: "Was passiert mit der Liebe, wenn der andere zum Pflegefall wird?" Es sei bemerkenswert, dass so viele Ratgeber erscheinen, um Beziehungen zu verbessern. Aber über die Konflikte in einer Beziehung, in der jemand schwer krank ist, "wissen wir so gut wie nichts", konstatiert Ehrenberg.

Aus Liebe den Partner pflegen

In einer europaweiten Studie gaben 57 Prozent der Menschen, die ihren Partner pflegen, "Liebe" als Grund dafür an. 15 Prozent tun es nach eigenen Angaben aus Pflichtgefühl. Es sei wichtig, so Ehrenberg, sich seine Motive für die Pflegebereitschaft bewusstzumachen, um der Aufgabe langfristig gewachsen zu sein.

Was passiert, fragt Ehrenberg, wenn man der Partnerin eines Tages die Windeln wechseln muss? Sechs Paare hat sie während ihrer Recherche mehrfach besucht und hierzu einfühlsam befragt. Wie sich die Liebe verändert, lasse sich nicht vorhersagen, so das Fazit der Autorin: "Liebe ist nichts für Feiglinge."

Drei Jahre lang war Wolfgang schwer depressiv. Für seine Frau Petra, beide in ihren Siebzigern, waren es "drei Jahre Auszeit von der Liebe". Ihre Strategie sei "stoische Akzeptanz des Gegebenen" gewesen, erzählt Petra. "Ich musste mich oft zur Liebe zwingen." Sie haben die Rollen getauscht: "Ich war munter, während er dalag wie ein nasser Sack." Sie habe in dieser Zeit auch gut für sich selbst gesorgt, die Kinder besucht und Sport getrieben. Dann wurde Wolfgang wieder gesund. "Wir haben vor nichts mehr Angst."

Scheidung: Ende einer Ehe, nicht der Liebe

Arthur (51) kann vor Schwäche kaum noch auf seinen Beinen stehen, er hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Seine Lebenserwartung beträgt noch ein paar Monate, als die Autorin das Paar besucht. Doch seine Frau Nina (59) ist immer noch von großer Zärtlichkeit erfüllt. Sie küsst ihn, nimmt sein Gesicht in die Hände und streichelt die eingefallenen Wangen. "Ich habe ihn immer schön gefunden und begehrt. Daran hat sich nichts geändert." Die Zeit mit Arthur sei begrenzt, und diese Zeit möchte sie noch nutzen.

Nach einem Herzanfall lag Richard im Koma. Nach der Reha wurde er ein Pflegefall und wird den Rest seines Lebens im Pflegeheim verbringen. Für seine Frau Simone war es nicht erträglich, dass ihr Mann nicht mehr wisse, wer sie eigentlich sei. "Für Richard ist es egal, ob du hier liegst oder Claudia Schiffer", habe sie gedacht. Sie verliebte sich in Thomas und ließ sich scheiden. "Richard hatte mich verlassen, nicht ich ihn", sagt sie. Sie besucht ihn immer noch regelmäßig. "Die Scheidung hat das Ende meiner Ehe besiegelt, nicht das Ende meiner Liebe für Richard."

Ruth (74) lebt mit Walter (76) in einem kleinen Häuschen auf dem Land. Und doch will Ruth oft "nach Hause". Sie rennt weg, obwohl sie seit 50 Jahren dort wohnt. Walter: "Für sie bin ich manchmal ein Fremder." Dass seine Frau sich nicht mehr geborgen bei ihm fühlt, nagt an ihm. Doch ein Heim kommt nicht infrage: "Ich liebe Ruth in guten wie in schlechten Zeiten, das habe ich ihr versprochen." Sex mit Demenz ist immer noch ein Tabu. "Ich will sie nicht benutzen, das würde mir das Herz brechen", sagt Walter. Das Körperliche sei in dieser Zeit, wo Ruth ihm oft fremd sei, wie ein vertrauter Zugang zu ihr.

Astrid hatte eine Sonderform von Multipler Sklerose und ist vor neun Jahren gestorben. Cool sei sie in den 80er Jahren gewesen, erinnert sich Rainer. Souverän, unabhängig, stark - eine Punkerin, die sich nicht um Konventionen scherte. Dann sei der Tag gekommen, wo er ihr eine Windel angelegt habe und die volle Windel entsorgt habe. Seine Liebe zu Astrid sei nicht kleiner geworden, sie habe sich aber verändert: "Sie wurde mehr wie die Liebe zu einem Kind."