TV-Tipp: "Stumme Schreie"

Auf einem Tisch steht ein altmodischer Fernseher

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Stumme Schreie"
18.11., ZDF, 20.15 Uhr
"Erschütternd" ist als Begriff fast noch zu harmlos für die tragische Geschichte, die Thorsten Näter (Buch) und Johannes Fabrick (Regie) mit "Stumme Schreie" erzählen. Die große Qualität ihres Films besteht in der Kunst, dem Thema angemessen gerecht zu werden und die Handlung dennoch als fesselnden Fernsehfilm zu verpacken. Trotzdem sind einige Szenen beinahe unerträglich. Das Drehbuch basiert auf dem Sachbuch "Deutschland misshandelt seine Kinder" des bekannten Rechtsmediziners Michael Tsokos und seiner Koautorin Saskia Guddat.

Näter hat aus der Vorlage ein Drama mit Krimi- und am Ende sogar Thriller-Elementen gemacht. Die Handlung beginnt mit dem ersten Arbeitstag der jungen Ärztin Jana Friedrich (Natalia Belitski) am Berliner Institut für Rechtsmedizin. Ihr Chef, Professor Bremer (Juergen Maurer), führt sie in eine Welt ein, in der Kinder ein alptraumhaftes Dasein führen. Von den vielen Fällen aus der Vorlage hat sich Näter zwei herausgepickt: Ein kleiner Junge wird behandelt, weil er auf eine glühende Herdplatte gefasst hat. Das Kind weist jedoch weitere Verletzungen auf, die Bremer vermuten lassen, dass es regelmäßig misshandelt wird; der Rechtsmediziner spricht von einem "Kalender der Gewalt". Mit Hilfe von auf dem Tisch verteilten Zucker führt er dem schockierten Vater vor Augen, wie der Unterschied zwischen einer flüchtige Berührung und einer auf den Herd gepressten Hand aussieht.


Dieser Moment ist jedoch nur der Prolog einer Geschichte, die vor allem Eltern an den Rand des Zumutbaren führen wird, zumal es sich beim nächsten Patienten um ein Baby handelt. Dessen junge Mutter, Nicole (Hanna Hilsdorf), hat zwei weitere Kinder und außerdem einen zu Gewalttätigkeiten neigenden Freund; Ronnie (Julius Nitschkoff) lässt seine Aggressionen nicht nur an Nicole, sondern auch an ihren Kindern aus. Mit einem Blick erkennt Bremer, was dem Baby widerfahren ist. Die Zuschauer wissen es bereits, selbst wenn Fabrick das Geschehen nur indirekt gezeigt hat: Ronnie war mit den Kindern allein, das Baby hat nicht aufgehrt zu schreien, also hat er es hochgehoben und so lange geschüttelt, bis es aufgehört hat; es wird später seinen eklatanten Hirnverletzungen erliegen. Die Vertreterin des Jugendamts (Claudia Geisler-Bading) rät dem Pärchen, sich einen Anwalt zu nehmen, weshalb Ronnie prompt davonzukommen scheint, worüber sich Jana derart empört, dass sie die Dinge selbst in die Hand nimmt: Sie fürchtet, den beiden anderen Kindern könnte ebenfalls etwas zustoßen.

Der Fernsehfilm ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine gelungene Gratwanderung. Fabrick ist eine ausgezeichnete Mischung verschiedener Genres gelungen, wobei das Drama schon allein aufgrund der tragischen Elemente eindeutig überwiegt. Mit der von Natalia Belitski sehr intensiv verkörperten Hauptfigur hat die Geschichte zudem eine Heldin, die jedoch nie überhöht wird. Dass sie als Kind selber häusliche Gewalt erlebt hat, macht die Figur umso glaubwürdiger. Zum Krimi wird der Film, weil Jana versucht, im Gespräch mit den Kindern rauszufinden, was wirklich passiert ist. Allerdings muss sie ihr Engagement bitter bezahlen, und weil beim zweiten Mal sogar ihr Leben auf dem Spiel steht, wird "Stumme Schreie" schließlich zum Thriller.

Am bemerkenswertesten ist jedoch Fabricks Geschick, eine Vielzahl an Informationen unterzubringen, ohne das Drama je wie einen Lehrfilm wirken zu lassen. "Tatort"-Episoden zu gesellschaftlich brisanten Themen leider immer wieder unter diesem Manko, weil einer der Mitwirkenden regelmäßig Kurzreferate über die jeweiligen Missstände halten muss. Das ist hier nicht anders, wird aber durch die Konstellation der Figuren aufgefangen: Jana absolviert ihre Facharztausbildung, weshalb ihr Chef automatisch eine Lehrfunktion hat. Außerdem vermittelt Juergen Maurer die Fakten so gut, dass der Film nie wie eine Dokumentation mit anderen Mitteln wirkt; er ist eine ebenso vorzügliche Wahl wie Belitski.

Die kleinen Kinder sind gleichfalls außerordentlich gut geführt und agieren sehr natürlich. Für die weiteren Darsteller gilt das dagegen nur mit gewissen Einschränkungen, selbst wenn es für Schauspieler kaum größere Herausforderungen gibt, als Menschen vom Rande der Gesellschaft zu verkörpern. Julius Nitschkoff macht das allerdings derart unangenehm gut, dass viele Zuschauer seine Gewalttätigkeiten gegen die Kinder wie Schläge ins eigene Gesicht empfinden werden; erst recht, wenn die Kamera Ronnies Wut aus Perspektive der Kinder zeigt. Warum Nicole es zulässt, dass sich der Mörder ihres Babys weiterhin zu ihr ins Bett legen darf, lässt das Drehbuch offen.

Davon abgesehen ist Fabrick erneut ein wichtiger und überaus berührender Film gelungen. Der Österreicher steht für namhaft besetzte und stets exzellent gespielte existenzielle Dramen, in denen es oft todtraurig zugeht: "Ein langer Abschied" (2006) schildert das Sterben eines Kindes und einer Liebe; "Der letzte schöne Tag" (2012, Grimme-Preis) handelt vom Umgang mit dem Suizid eines geliebten Menschen; in "Pass gut auf ihn auf!" (2013) will eine an Krebs erkrankte Frau dafür sorgen, dass der Gatte nach ihrem Tod zu seiner früheren Frau zurückkehrt; in der Vater/Sohn-Geschichte "Wenn es am schönsten ist" (2014) will sich ein Mann vor seinem Krebstod mit seinem Sohn versöhnen. Fabricks Filme zeichnen sich durch eine emotionale Tiefe aus, die im deutschen Fernsehen ihresgleichen sucht. Im Anschluss an "Stumme Schreie" zeigt das ZDF die Dokumentation "Tatort Kinderzimmer".

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