Rituale am Scheideweg

Spezielle Gottesdienste können Geschiedenen Trost spenden - Gemeinsame Scheidungsrituale für Paare werden aber kaum nachgefragt
Gebrochene Eisherzen auf roten Untergrund.

Foto: Getty Images/iStockphoto/WoodyAlec

Ein Herz aus Eis kann als Symbol in den ökumenischen Gottesdiensten für getrennt Lebende und Geschiedene eine Rolle spielen.

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland mehr als 150.000 Ehen geschieden. Im Durchschnitt blickten die geschiedenen Paare auf 15 Jahre Ehedauer zurück. Neue kirchliche Rituale sollen den Trennungsschmerz lindern und für einen Neuanfang sorgen.

Eine Kuchenform wird durch die Kirchenbänke gereicht. Sie hat die Form eines Herzens und ist gefüllt mit gefrorenem Wasser - ein großes Herz aus Eis. Mit jeder Hand, die die Kuchenform berührt, wird sie wärmer, das Eis schmilzt langsam. Das Herz soll Tauwetter symbolisieren, erklärt Susanne Ehlert, Religionspädagogin im Erzbischöflichen Ordinariat München. Seit 2011 organisiert sie gemeinsam mit Kollegen von der evangelischen Fachstelle für alleinerziehende Frauen und Männer sowie einer katholischen und einer evangelischen Gemeinde mehrmals im Jahr einen ökumenischen Gottesdienst für getrennt Lebende und Geschiedene unter dem Titel: "Wenn Wege sich trennen."

Etwa jede dritte Ehe wird in Deutschland geschieden, hinzu kommen die unverheirateten Paare, die sich trennen. "Gerade in der katholischen Kirche haben viele Menschen den Eindruck, sie sind nicht mehr gerne gesehen, wenn sie geschieden sind", sagt Ehlert. Mit den besonderen Gottesdiensten wollen sie den Betroffenen zeigen, dass sie trotzdem dazu gehören, dass die Kirche für sie da ist. Etwa 30 bis 50 Menschen kommen dann, es gibt immer einen Segen und meistens auch ein besonderes Ritual, wie eben das eingefrorene Herz.

Käßmann: Ringe zurück auf den Altar legen

Was es nicht gibt: Ein Scheidungsritual in dem Sinn, wie es Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, in einem Zeitungsinterview im Sommer mal wieder ins Gespräch gebracht hat. Sie schlug vor, dass die Ehepartner nach einer Scheidung etwa die Ringe zurück auf den Altar legen könnten.

"Ein solches Ritual würde viel Übereinkunft verlangen", sagt Susanne Ehlert. Beide Partner müssten es wollen und sich gemeinsam an die Kirche wenden. "Das gibt es nicht oft."

Keine Nachfrage nach Trennungsritualen

Bereits Ende der neunziger Jahre entstand aus einer Arbeitsgruppe von Münchner Pfarrern das Buch "Das Ende als Anfang - Rituale für Paare, die sich trennen." Gerhard Monninger, damals Gemeindepfarrer in München und Mitglied der Arbeitsgruppe, erklärt, das Trennungsritual sollte im Zusammenhang mit der Ehe-, Partnerschafts- und Trennungsberatung im evangelischen Beratungszentrum ins Gespräch gebracht werden. Doch sowohl er als auch der herausgebende Pfarrer haben ein solches Ritual in München kein einziges Mal tatsächlich durchgeführt - weil es keine entsprechenden Nachfragen gegeben habe.

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Rituale für Tag, Jahr und Leben
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Eine ähnliche Erfahrung hat auch Armin Beuscher gemacht, evangelischer Pfarrer in Köln. Bereits in den achtziger Jahren hat er begonnen, sich mit Trennungsliturgien und Begleitung von Getrennten zu beschäftigen. Er leitete auch Rituale für einzelne Paare. Doch das Thema sei nicht so zentral geworden, wie er das damals erwartet hätte. Es sei seiner Meinung nach eher relevant für die Seelsorge und weniger für die Liturgie.

Offenheit für die Entstehung neuer Kasualien

Diese Unterscheidung ist für Ulrike Beichert eine künstliche. Auch in der Seelsorge sei es manchmal gut, Rituale zu begehen, sagt die Pfarrerin und Leiterin der Arbeitsstelle Gottesdienst bei der Evangelischen Landeskirche in Baden. Im vergangenen Herbst hat sie eine neue Gottesdienstkonzeption für ihre Landeskirche mit herausgegeben. Darin heißt es: "Auch die Offenheit für die Entstehung neuer Kasualien gehört dazu. Besondere Zeiten im Leben, biografische Wendepunkte und wiederkehrende Daten legen es nahe, mit Dank, Klage, Zuspruch und Fürbitte inne zu halten und dieses Ereignisses vor Gott zu bedenken."

Trennung und Scheidung sind mögliche biografische Wendepunkte. "Die Menschen haben ein wachsendes Bedürfnis, Übergangssituationen religiös zu begehen", sagt Beichert. "Wir möchten die Pfarrer noch intensiver darauf vorbereiten, diese seelsorgerlichen Anliegen in individuelle Rituale zu fassen, die sie aus der Situation heraus mit den Menschen entwickeln."

Auch wenn gottesdienstliche Rituale für getrennt Lebende nicht in großer Masse nachgefragt würden, müssten sie diese als Kirche anbieten. "Es gibt Situationen, wo sie notwendig sind und die Menschen sie dankbar annehmen."

Die Nachfrage nach einem echten Scheidungsritual als Kasualie wie Taufe oder Hochzeit sei allerdings kaum gegeben. "Es ist nicht so, dass wir das als Kirche nicht anbieten wollen, aber es muss ja von den Menschen selbst ausgehen", sagt Beichert. "Paare müssten auf die Idee kommen, gemeinsam einen Pfarrer zu kontaktieren." Das sei meistens nicht der Fall - die Situation der Scheidung werde einfach nicht als religiös wahrgenommen.

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