Missbrauchsvorwürfe gegen mehr als 300 Priester in den USA

Grand Jury legt umfangreichen Untersuchungsbericht vor
Opfer von Sexuellem Missbrauch durch Geistliche und Familienangehö†rige von Opfern reagieren während Generalstaatsanwalt Shapiro eine Pressekonferenz im Pennsylvania Capitol gibt. Sie weinen.

Foto: Matt Rourke

Opfer von sexuellem Missbrauch durch Geistliche und Familienangehörige von Opfern weinen während Generalstaatsanwalt Shapiro eine Pressekonferenz im Pennsylvania Capitol gibt.

Über Jahrzehnte haben katholische Priester in den USA Kinder missbraucht. Die Kirche versuchte, die Fälle zu vertuschen. Jetzt hat eine Grand Jury den Missbrauchsskandal systematisch untersucht und Ergebnisse vorgelegt.

Mehr als 1.000 Kinder im US-Bundesstaat Pennsylvania sind seit den 1940er Jahren von katholischen Priestern sexuell missbraucht worden. Das ist das Ergebnis eines detaillierten Untersuchungsberichts, den der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania, Josh Shapiro, am Dienstag (Ortszeit) in Harrisburg vorgelegt hat. In den sechs Diözesen des Bundesstaates seien seit 1947 mehr als 300 Priester des Missbrauchs beschuldigt worden. Mit Hilfe kirchlicher Dokumente habe man "mehr als 1.000 Opfer" identifiziert, hauptsächlich Jungen. Die wirkliche Zahl der missbrauchten Kinder und Jugendlichen liege wohl in den Tausenden.

Der 1.356 Seiten lange Bericht, der viele Namen nennt, wurde von einem Geschworenengericht erstellt, das seit 2016 Missbrauchsbeschuldigungen untersucht. Der Bericht prangert umfangreiche Vertuschungsmaßnahmen von Kirchenoberen an. Wegen des Verheimlichens sei es heute "in beinahe jedem entdeckten Missbrauchsfall zu spät" für einen Strafprozess. Die Verdeckung sei ausgeklügelt gewesen, sagte Shapiro bei einer Pressekonferenz. Die dabei angelegten Akten seien "das Rückgrat der Ermittlung" gewesen.

Josh Shapiro, Generalstaatsanwalt, spricht während einer Pressekonferenz im Pennsylvania Capitol.

Der Bericht illustriere "das Leid der Opfer des Verbrechens des sexuellen Missbrauchs" sowie der Opfer von denen, die die Täter geschützt hätten, erklärte der Präsident der US-Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo. Die Bischofskonferenz schäme sich für die "Sünden und Versäumnisse katholischer Priester und Bischöfe".

Anfang August hat der Bischof einer der betroffenen Diözesen, Ronald Gainer aus Harrisburg, Namen von 71 Priestern veröffentlicht, die dort seit den 40er Jahren des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt worden waren. Gainer ordnete an, die Namen aller seit 1947 amtierenden Bischöfe von kirchlichen Gebäuden zu entfernen. Die Bischöfe hätten nicht genug gegen Missbrauch getan, erklärte er.

Im Fernsehsender CBS kamen jüngst mehrere Opfer zu Wort. Sie seien an katholischen Schulen von einem Priester missbraucht worden, erklärten Juliann Bortz und Mary McHale. Ihr Peiniger habe ihr gesagt, dass er tun könne, was er wolle, sagte McHale. Sie habe ihm geglaubt. "Alles, was ich geglaubt habe, starb", erklärte Bortz. Oft werde von "Missbrauch" gesprochen. In Wahrheit müsse man von Vergewaltigungen sprechen. Der Präsident des konservativen Verbandes "Catholic League" kritisierte die Veröffentlichung von Priesternamen. Der Bericht bediene das "lüsterne Interesse der Öffentlichkeit", sagte Bill Donohue. Viele der beschuldigten Priester seien tot und hätten sich nie verteidigen dürfen.

Opfer des Missbrauchs von Priestern gehen in den USA seit den 1980er Jahren an die Öffentlichkeit. In einer von den Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie befand die Forschungseinrichtung "John Jay College of Criminal Justice" 2004, dass zwischen 1950 und 2002 4.392 katholische Priester in den USA oder vier Prozent aller Priester des Missbrauchs von Kindern und Teenagern unter 18 Jahren beschuldigt worden seien. Wiedergutmachungszahlungen von Diözesen an Opfer sowie Anwaltskosten belaufen sich nach Schätzungen auf mehrere Milliarden Dollar.

In der US-Hauptstadt sorgen gegenwärtig Vorwürfe gegen den früheren Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, für Aufsehen. Dem 88-Jährigen werden angeblich jahrzehntelange  homosexuelle Beziehungen zu Erwachsenen und Jugendlichen vorgeworfen. Ende Juli hat Papst Franziskus McCarricks Rücktritt vom Kardinalsamt angenommen und diesem befohlen, ein Leben in Gebet und Buße zu führen.