"Ich gehöre auf den ersten Arbeitsmarkt!"

Anna-Lotta Mentzendorff, Angestellte in der Mensa der Gebrüder-Körting-Schule in Hannover, hat das Downsyndrom
Anna-Lotta Mentzendorff verteilt in Arbeitskleidung Obst und Gemüse auf Tabletts in der Mensaküche. Sie trägt ein rotes Tuch auf dem Kopf und hat sich eine Schürze umgebunden.

Foto: Insa Hagemann

Nachdem Anna-Lotta Mentzendorff sich ihre Schürze umgebunden hat, verteilt sie in der Mensa-Küche Obst und Gemüse auf die Frühstück-Tabletts der Schüler und Schülerinnen.

Anna-Lotta Mentzendorff hat das Down-Syndrom. Über sich selbst würde die 22-Jährige nie sagen, dass sie beeinträchtigt oder gar behindert ist. Statt wie empfohlen in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, hat sie für eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt gekämpft. Mit Erfolg.

Anna-Lotta Mentzendorff spricht noch eine letzte Whatsapp-Nachricht in ihr Handy, bevor sie an einem Freitagmorgen um kurz vor neun die Mensa der Gebrüder-Körting-Schule in Hannover betritt. Hier ist Meryem Haldan schon dabei Äpfel, Bananen, Kiwis und Pfirsiche für das Frühstück der Grundschüler zu zerkleinern. Als sie Anna-Lotta Mentzendorff eintreten sieht, lässt sie alles stehen und liegen, umarmt die junge Frau und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. "Hallo meine Süße, sen nasılsın?" , fragt Haldan auf Türkisch. "Iyiyim", "mir geht es gut", antwortet Anna-Lotta Mentzendorff. Natürlich auf Türkisch.

Meryem Haldan begrüßt Anna-Lotta Mentzendorff, die für sie wie eine ihrer Töchter ist.

Die 22-Jährige huscht in den Aufenthaltsraum, bindet sich schnell ihre Schürze um, knotet ein Tuch um den Kopf und legt los. Sie verteilt Meryem Haldans selbst gemachten Frischkäse-Kräuter-Aufstrich auf kleine Schalen. Legt Brot, Wurst, Käse und Marmelade auf die Tabletts. Gleich um zehn Uhr werden die Kinder hereinstürmen und die Tabletts für das gemeinsame Frühstück abholen. Als sie alles verteilt hat und Meryem Haldan ihren Tomatensalat fertig gemischt hat, stehen sie vor der Essensausgabe und schauen auf die Tabletts. "Hier fehlt noch Käse", sagt Anna-Lotta Mentzendorff. "Das wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen", sagt Meryem Haldan verdutzt.

Immer wieder lobt Haldan, wie gut Mentzendorff ihre Arbeit meistert, aber eigentlich ist sie für sie mehr als eine Kollegin. "Sie ist meine dritte Tochter", sagt Haldan, die alle nur "Mery" nennen. Immer wieder rennen jetzt Schüler in die Kantine. "Wir möchten das Frühstück für unsere Klasse holen", sagen sie zu Anna-Lotta Mentzendorff, die ihnen die Tabletts reicht. Dass die 22-Jährige das Downsyndrom hat, interessiert hier niemanden. "Ich habe noch nie erlebt, dass hier jemand blöd reagiert", sagt sie. 

Die 22-Jährige hat für ihren Job auf dem ersten Arbeitsmarkt kämpfen müssen.

Das war nicht immer der Fall im Leben der jungen Frau. Nachdem sie zwölf Jahre lang eine Waldorfschule besuchte, fand sie zunächst keinen Job. "Ich habe leider den Abschluss nicht geschafft", sagt sie. "Das fand ich schade." Doch Mentzendorff hatte zuvor etliche Praktika absolviert, darunter am Theater, im Kindergarten und in einem italienischen Restaurant. Ihre Chancen, eine Stelle zu finden, schätzte sie deswegen nicht so schlecht ein.

Doch als sie sich beim Arbeitsamt vorstellt, möchte man sie in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen unterbringen. "Da habe ich denen gesagt: Da gehöre ich nicht hin! Ich gehöre auf den ersten Arbeitsmarkt!" Ihre Stimme bebt, als sie davon erzählt. Anna-Lotta Mentzendorff würde niemals sagen, dass sie eine Beeinträchtigung oder gar eine Behinderung hat. Auch über Handicaps von anderen spricht sie nicht. Über ihre Mitbewohner in ihrer betreuten Wohngruppe im nahen Weetzen sagt sie: "Manche von ihnen sind sehr besonders."

Damit hat die 22-Jährige eine Sichtweise, die sich in unserer Gesellschaft bislang nicht durchgesetzt hat. Noch immer werden neun von zehn Babys mit Trisomie 21 abgetrieben. Für Anna-Lotta Mentzendorff unbegreiflich. Wenn man von jemandem sagen kann, dass er sich mit allem, was er hat, ins Leben stürzt, dann von ihr.

Auch beim Training der Zirkus-AG der Schule hilft Mentzendorff fleißig mit.

Es gibt keinen Tag in der Woche, den sie nicht voll ausnutzt, an dem sie nichts vorhat. Nach ihrer Arbeit von neun bis 14 Uhr geht es für sie meist direkt zu einem ihrer vielen Hobbys: "Am Dienstag habe ich Musical-Akademie, am Mittwoch nehme ich Gesangsunterricht, danach singe ich im Chor und spiele Cello und Flöte im Orchester. Am Donnerstag habe ich Cello-Unterricht." Am Wochenende hat sie häufig Auftritte, sie reitet, trifft Freunde oder besucht eine ihrer beiden Schwestern in Berlin. "In meiner WG  bin ich Wohngruppensprecherin. Da muss man sehr viel Verständnis haben und viel organisieren", erzählt sie. "Wir kochen zusammen und fahren zusammen in den Urlaub." Und seit ein paar Monaten gibt es da noch jemanden in ihrem Leben. Die 22-Jährige hat einen festen Freund.

"Das ist ein ganz Lieber. Wir kennen uns schon viele Jahre, aber vor kurzem hat es gefunkt." Das Thema ist ihr ein bisschen unangenehm. "Ich muss jetzt auch mal weiter arbeiten", sagt sie. "Ist ja schon halb zwölf". Bevor das Mittagessen von einem Caterer geliefert wird, muss sie alle Spuren des Frühstücks beseitigen.

Autor
Rebecca Erken

Rebecca Erken arbeitet als freie Journalistin in Düsseldorf

Als Anna-Lotta Mentzendorff nach ihrer Schulzeit zunächst keinen Job findet, macht sie ein weiteres Praktikum, dieses Mal in der Mensa der Gebrüder-Körting-Schule. "Am Anfang war ich sehr scheu und habe mich immer im Aufenthaltsraum versteckt, aber Mery hat mich immer wieder rausgelockt und so hat sich irgendwann Vertrauen entwickelt." Mery zwinkert ihr zu und lächelt stolz – so wie eine Mutter ihr Kind anlächelt.

Anna-Lotta Mentzendorff stellt sich so gut an, dass die Grundschule ihr eine feste Stelle anbietet. Mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Und für sie noch viel wichtiger: auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Kantine der Schule war gerade im Aufbau und konnte neue Mitarbeiter gut gebrauchen. Damit andere Menschen in ihrer Situation eine ähnliche Chance bekommen, engagiert sie sich jetzt in dem Verein "Arbeit für alle", der sich für eine uneingeschränkte Teilhabe von Menschen mit Behinderung an der Arbeitswelt einsetzt.

Seit fünf Jahren arbeitet die 22-Jährige nun in der Mensa der Grundschule, hat in dieser Zeit nicht nur etliche Äpfel geschnitten, Brote geschmiert und Teller abgetrocknet. Sie hat auch einem kleinen Mädchen das Lesen beigebracht und sich in der Zirkus-AG der Schule engagiert. Bewunderung für ihre Arbeit lässt die junge Frau, die gerade in Windeseile alle bunten Teller vom Frühstück abtrocknet, allerdings nicht zu. Stattdessen erklärt sie bestimmt: "Das ist ja hier nur eine Geschicklichkeitsübung – und keine Doktorarbeit."  Dann wendet sie sich wieder den Tellern zu, summt beim Abtrocknen leise vor sich hin. Sie freut sich auf das Wochenende. Und das Leben, das vor ihr liegt.