Generalsekretärin Julia Helmke: Kirchentag will streitbar sein

Ein Jahr vor dem Christentreffen im Juni 2019 in Dortmund
Julia Helmke, Generalsekretärin des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dortmund, ist seit einem Jahr als Organisationschefin im Amt.

Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Julia Helmke, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, wünscht sich für das nächste Christentreffen in einem Jahr in Dortmund kontroverse Auseinandersetzungen.

"An der Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft" will der Kirchentag nach Worten seine Organisationschefin Zeichen setzen - und dabei unabhängig sein: von der institutionalisierten Kirche und von der Politik.

Die Generalsekretärin des Kirchentages, Julia Helmke, wünscht sich für das nächste Christentreffen in einem Jahr in Dortmund kontroverse Auseinandersetzungen. "Wichtig ist, dass wir uns nicht nur in einer Blase bewegen, in der sich alle gegenseitig versichern, auf dem richtigen Weg zu sein", sagte Helmke, die seit einem Jahr als Organisationschefin im Amt ist, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 19. bis 23. Juni 2019 in Dortmund statt.

Frau Helmke, seit einem Jahr sind Sie Generalsekretärin des Kirchentages. Sind Sie in dieser komplexen Organisation angekommen?

Julia Helmke: Aus meiner Sicht und mit Freude: ja. Nach einem Jahr bin ich nun nicht mehr "die Neue". Sehr viele Menschen, noch mehr Strukturen, Inhalte, Arbeitsformen habe ich kennengelernt. Aber natürlich gilt auch hier lebenslanges Lernen. Also: Ich habe einen guten Überblick, aber vielleicht noch nicht den ganzen Durchblick.

Hat Sie etwas überrascht?

Helmke: Die Vielfalt der Gremien und der Menschen, die sich kontinuierlich für den Kirchentag engagieren: Politiker, Wissenschaftlerinnen, haupt- und ehrenamtlich Engagierte. Pfadfinder sind dabei, aber auch Rechtsanwältinnen, Handwerker und Ärzte. Kirchentag ist milieuübergreifend, und das finde ich gerade in heutigen Zeiten unschätzbar und kostbar.

Lassen Sie uns auf eine aktuelle Debatte kommen: Wie stehen Sie zu dem bayerischen Erlass, wonach seit dem 1. Juni im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ein Kreuz hängen muss?

Helmke: Dazu ist vonseiten der Kirchen alles Notwendige gesagt worden: Den Glauben an das, was im Kreuz verkörpert ist, kann man nicht erlassen. Es zu verordnen, widerspricht all dem, was dieses Kreuz verkörpert.

Für was steht das Kreuz?

Helmke: Das Kreuz ist ein Zeichen des Christentums, es weist uns auf das Leiden in dieser Welt hin, darauf, dass wir an einen Gott glauben, der sich auf die Seite der Leidenden stellt und gegen Ungerechtigkeit aufbegehrt hat. Über das Kreuz zu streiten, das kann und muss man. Das war zum Beispiel auch bei Kirchentagen in den 1980er Jahren so der Fall mit der Frage der Feministischen Theologie, ob statt dem Opfersymbol Kreuz lieber ein Lebensbaum das starke Symbol sein sollte.

Ist denn nicht nur das Kreuz, sondern auch der Kirchentag in Gefahr, von der Politik vereinnahmt zu werden? Immerhin finden viele Politiker dort eine Bühne.

Helmke: Der Kirchentag ist eine politisch geprägte Diskussionsveranstaltung, aber auch ein Fest des Glaubens. Er ist an der Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft gegründet worden, und an dieser Schnittstelle bewegt sich Kirchentag weiterhin. Wir werden weder von der institutionalisierten Kirche vereinnahmt noch von der Politik. Wir laden Politiker zu einem Thema ein, aber wir geben ihnen nicht einfach die Bühne. Deshalb gibt es Dialoggespräche und Podien. Und wie Politiker aus ihrer Glaubensüberzeugung verantwortliche Entscheidungen treffen, ist es wert zu hören.

Wichtig ist, dass wir uns nicht nur in einer Blase bewegen

Wie viel Streit ist dort gewünscht?

Helmke: Wichtig ist, dass wir uns nicht nur in einer Blase bewegen, in der sich alle gegenseitig versichern, auf dem richtigen Weg zu sein. Das wäre langweilig. Der Kirchentag im vergangenen Jahr hat mit dem Streitgespräch zwischen dem Berliner Bischof Markus Dröge und der damaligen AfD-Politikerin Anette Schultner gezeigt, dass durchaus auch andere Meinungen gehört werden. Das war für mich ein gelungenes Modell eines Streitgesprächs: sich zuzuhören, auch wenn man nicht einer Meinung ist, und das auszuhalten.

Der Umgang mit der AfD ist ja auch in der Politik umstritten. Ist denn die Position des Kirchentages abschließend geklärt?

Helmke: Der Präsidiumsbeschluss des Kirchentags aus dem Jahr 2016 besagt: Wir laden keine Menschen ein, die sich offen rassistisch oder menschenfeindlich äußern. Dazu stehen wir weiterhin. Aber wir beobachten, wie sich die Partei, die seit dem vergangenen Jahr auch im Bundestag sitzt, verändert. Und wir überlegen: Was heißt das für den Kirchentag im nächsten Jahr in Dortmund?

Und wie ist der Stand der Diskussion?

Helmke: Uns ist sehr bewusst, dass in Dortmund Themen aufgegriffen werden sollten, die für viele Menschen eine Rolle spielen. Wir halten uns offen, mit bestimmten Veranstaltungen auf aktuelle Fragestellungen zu reagieren.

Wäre denn ganz konkret der AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alexander Gauland, nach seiner Relativierung des Nationalsozialismus ein denkbarer Gast?

Helmke: Der Kirchentag wurde auch gegründet als Reaktion auf die Schrecken des Nationalsozialismus. Damit ist glaube ich alles gesagt. Der Kirchentag steht dafür, dass Gesellschaft zusammenfindet, nicht bewusst gespalten wird.

Zurück zu einem Glaubensthema: Wagen Sie nach den jüngsten Ereignissen im Streit über die Öffnung der Kommunion eine Prognose, welche Rolle das Thema auf dem Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt spielen wird?

Helmke: Die Reaktion des Vatikans auf das Papier der Deutschen Bischofskonferenz zur Öffnung des katholischen Abendmahls für nichtkatholische Ehepartner war ernüchternd, aus meiner Sicht geht es hier mehr um Macht und Positionsstreit als um Theologie. Beim Katholikentag in Münster im Mai waren die Veranstaltungen zum Thema Abendmahl und Ökumene überfüllt und die Stimmung eindeutig: Wir wollen weitere Zeichen.

Aber das Gelingen des 3. Ökumenischen Kirchentags können wir nicht allein davon abhängig machen, wo wir beim Abendmahl stehen. Wir sind keine exklusiv-dogmatische evangelisch-katholische Veranstaltung, wir nehmen die Breite der christlichen Weltverantwortung ebenso in den Blick. Eine Verengung können und wollen wir uns dabei nicht leisten. Themen wie die Bewahrung der Schöpfung als unsere Lebensgrundlage bleiben beispielsweise weiter drängend, und der Umgang damit ist oft ein Skandal.

In ein paar Jahren soll es einen europäischen Kirchentag geben. Aber gerade bei Themen wie Migration oder Homosexualität scheiden sich vielfach die Geister. Wie aussichtsreich ist das Unterfangen?

Helmke: Es ist nochmal ein neuer Gedanke, dass Christen unterschiedlicher Konfessionen und Kulturen aus den verschiedenen Ländern Europas schauen, wie ein gemeinsamer Kirchentag aussehen kann. Als Deutscher Evangelischer Kirchentag unterstützen wir das Vorhaben, aber es gibt einen eigenständigen Verein, der gerade schaut, wo ein europäisches Christentreffen stattfinden kann: vielleicht in der als neutral geltenden Schweiz oder an Brennpunkten in Mittel- oder Osteuropa? Dass wir gemeinsam ein Zeichen setzen, ist angesichts aktueller Entwicklungen nötiger denn je. Ich glaube, ein europäischer Kirchentag kann ein Signal setzen für mehr Menschlichkeit.

Die Losung des evangelischen Kirchentages im Jahr 2019 ist "Was für ein Vertrauen". Worauf vertrauen Sie als Generalsekretärin?

Helmke: Zuerst einmal vertraue ich auf den lebendigmachenden Geist Gottes, der uns führt und begeistert. Kirchentag ist für mich Kairos, gefüllte Zeit. Und ich vertraue darauf, dass wirkliche Begegnungen zwischen Menschen sich ereignen und aus Vertrauenskrise wieder Vertrauensgewinn wird.