"Ich wollte immer mit Kindern arbeiten"

Britta Wagner an der Kasse in der Spielewelt.

Foto: Insa Hagemann

Britta Wagner an der Kasse

"Ich wollte immer mit Kindern arbeiten"
Britta Wagner, 48, Angestellte in einem Spielzeugladen, Düsseldorf, hat eine Lernbehinderung.

Das erste, was an Britta Wagner auffällt, ist ihr verschmitztes Lächeln. Die kleine Frau geht fast unter zwischen all den riesigen Kaufläden, Puppenwagen, Kuscheltieren und Laufrädern in "Der Spielewelt". Aber wenn sie lächelt, kann man sie gar nicht übersehen.

Autor*in
Rebecca Erken
Rebecca Erken

Rebecca Erken arbeitet als freie Journalistin in Düsseldorf

"Kann ich Ihnen helfen?", sagt die 48-Jährige dann zu der jungen Frau, die den Spielzeugladen, gerade betreten hat. "Für welches Alter suchen Sie denn etwas?" Die Kundin interessiert sich für eine Werkbank, vermutet aber, das könne vielleicht doch zu langweilig sein für ihr Kind. "Aber schauen Sie doch einmal. Hier ist auch ein Hammer dabei", sagt Britta Wagner triumphierend – und da ist es wieder, dieses Lächeln.

Wer die Spielewelt zum ersten Mal betritt, die mitten in einem Düsseldorfer Einkaufszentrum liegt, der merkt womöglich gar nicht, dass es sich um ein Geschäft der "Werkstatt für angepasste Arbeit GmbH" (WfaA GmbH) handelt. Spielzeug gängiger Marken steht hier neben den hochwertigen Holzspielsachen, die von Menschen mit Behinderungen produziert wurden. Menschen, die aufgrund einer Beeinträchtigung nicht am allgemeinen Arbeitsmarkt teilnehmen können, haben ein Anrecht auf einen Platz in einer Werkstatt für behinderte Menschen.

Die "Spielewelt" im Düsseldorfer Einkaufszentrum verkauft Spielzeug gängiger Marken sowie Holzspielsachen, die von Menschen mit Behinderungen produziert wurden.

Britta Wagners Weg in die "Spielewelt" war ein langer. "Eine Odyssee", sagt sie selbst. Sie kommt zwei Wochen zu früh auf die Welt, ist sehr klein und zierlich. Mit sechs Jahren traut man dem zarten Kind noch keinen Grundschulbesuch zu. "Ich bin erst mit acht Jahren eingeschult worden", erzählt Wagner. "Ich hatte immer sehr große Schwierigkeiten mit der Orientierung und in Mathe." Schließlich wird bei ihr das "Marinesco-Sjögren-Syndrom" festgestellt, eine sehr seltene genetische Erkrankung, die sich durch Koordinationsstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und Kleinwüchsigkeit auszeichnet.

In der Grundschule wiederholt sie eine Klasse, schafft mit 19 Jahren schließlich den Hauptschulabschluss. Ihr größter Wunsch: "Ich wollte immer mit Kindern arbeiten", erklärt Wagner, die keine eigenen Kinder aber viele Nichten und Neffen hat. Sie macht mehrere Praktika in Kindergärten, aber eine Ausbildung als Erzieherin oder Kinderpflegerin bleibt ihr verwehrt. "Ich glaube, das hing auch mit meinen schulischen Leistungen zusammen", sagt sie heute. Sie absolviert weitere Praktika, unter anderem in einem Babymarkt und in einer Tierhandlung. Doch der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt will nicht gelingen. "Meine ganzen Freundinnen gingen arbeiten, nur ich hing zu Hause rum", sagt Wagner über diese Zeit. Sie ist frustriert, wird vom Arbeitsamt in immer neue Berufsbildungsmaßnahmen gesteckt.

"Ich dachte, mit meinem Hauptschulabschluss hätte ich nicht in einer Werkstatt unterkommen können", sagt Wagner. Ein verbreiteter Irrglaube. Schließlich spricht sich ein Berufsbildungswerk für behinderte Menschen, das Wagner zwischenzeitlich besucht, für ihre Aufnahme in einer Werkstatt aus.

Sie vergisst den Namen des Syndroms, das ihr Leben beeinträchtigt, immer wieder

2002 beginnt Wagner schließlich in der Werkstatt für angepasste Arbeit in Düsseldorf ein Orientierungsjahr. "Mir war aber sofort klar, dass ich in dem Spielwarenladen arbeiten will", erinnert sich die 48-Jährige. Schon 14 Jahre verkauft sie nun Spielzeug, mal an werdende Mütter, genervte Eltern oder großzügige Großeltern. Am wichtigsten sind ihr dabei aber nicht die Erwachsenen, sondern immer die Kinder. "Wenn dann die Rückmeldung kommt, dass ich genau das Richtige empfohlen habe – das ist das Schönste für mich."

Britta Wagner im Kundengespräch.

Britta Wagner vergisst den Namen des Syndroms, das ihr Leben beeinträchtigt, immer wieder, es hat für sie keine große Bedeutung. Die Arbeit im Spielwarenladen ist für sie dafür umso bedeutender. Wenn man sie fragt, was sie sich für die Zukunft wünscht, dann antwortet sie als erstes: "Dass ich weiter hier arbeiten kann." Durch ihre Arbeit hat sie sich eine gewisse Selbstständigkeit aufgebaut. Sie erhält neben der Erwerbsminderungsrente das Arbeitsentgelt für ihre Arbeit im Spielzeugladen und wohnt alleine in einer Wohnung in ihrer Heimatstadt Düsseldorf. Einmal die Woche schaut eine Mitarbeiterin des "Betreuten Wohnen" nach ihr, hilft beim Papierkram oder beim Wocheneinkauf. 38 Stunden pro Woche, täglich von neun bis 17 Uhr oder von 13 bis 20 Uhr steht sie im Laden. "Das kann gerade um Weihnachten rum auch schon mal anstrengend werden", sagt Wagner, aber ein Leben ohne die Arbeit im Spielzeugwarenladen kann sie sich nicht mehr vorstellen.

Das Lächeln der Kinder, die gerade ein Geschenk bekommen haben, macht Britta Wagner glücklich.

Nur manchmal ärgert sich Wagner über Kunden, die ein Spielzeuggeschäft mit einem Spielplatz verwechseln und ihre Kinder die Regale ausräumen lassen. "Die Eltern gehen raus und hinterlassen eine Baustelle", sagt Wagner. Gerade turnt ein Kind in der ausgelegten Ware auf einem Podest herum, bis die Mutter es schließlich bemerkt und sich bei Wagner entschuldigt. "Kein Problem", sagt die 48-Jährige und schmunzelt in sich hinein.

Wagner, die früher große Probleme in Mathe hatte, steht heute häufig an der Kasse, hinter der sie fast verschwindet. Aber das Mädchen, das von seiner Mutter gerade eine kleine Pferdefigur bekommen hat, strahlt so, dass Britta Wagner von ihrer Kasse aufblickt und lächelt, als hätte sie gerade selbst ein Geschenk bekommen. Und in gewisser Weise hat sie das ja auch.

Infos zur Serie
Bei der Jobsuche ist eine Behinderung oft ein Ausschlusskriterium. Trotz passender Qualifikation finden Schwerbehinderte häufig keine Stelle. Dabei muss eine Beeinträchtigung nicht zwingend ein Handicap sein, wie die Portraits von vier Beschäftigten zeigen.

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19.07.2018