"Eine Chance, Nächstenliebe zu leben"

2 Muffins mit kleinen leuchtenden Kerzen
Foto: Getty Images/iStockphoto/joannatkaczuk
"Eine Chance, Nächstenliebe zu leben"
Wolfgang Dorp ist Pfarrer im Ruhestand. Vor drei Jahren bekam der 68-Jährige eine neue Niere transplantiert, nach Jahren an der Dialyse. Seitdem feiert er jedes Jahr zweimal Geburtstag. Ein Interview zum Tag der Organspende am 2. Juni.
02.06.2018
Evangelische Kirche im Rheinland
Ulrike Klös

Herr Dorp, Sie haben eine neue Niere transplantiert bekommen. Wie geht es Ihnen heute mit dem Spenderorgan?

Wolfgang Dorp: Mir geht es sehr gut. Ich fühle mich drei Jahre nach der Transplantation um einiges kräftiger, stärker, belastbarer. Zudem bin ich in der glücklichen Lage, dass ich nach der Operation keine nennenswerten Komplikationen hatte. Auch vertrage ich die Medikamente, die ich nun täglich nehmen muss, sehr gut.

Wie lange mussten Sie auf eine passende Niere warten?

Dorp: Ich war insgesamt vier Jahre und acht Monate Dialysepatient. Dreimal die Woche war ich jeweils fünf Stunden im Dialysezentrum. Mir ging es relativ gut damit. In dieser Zeit habe ich auch noch als Pfarrer gearbeitet. Aber das kann je nach Vorerkrankung auch anders aussehen. Meine Ärzte hatten mir sofort zu einer Transplantation geraten. Aber ich musste mich erst einmal mit der Frage auseinandersetzen, ob ich eine Transplantation will oder nicht.

Was hat Sie damals bewegt?

Dorp: Ich konnte mir eigentlich nicht vorstellen, ein Spenderorgan zu beanspruchen, fragte mich: "Kann ich damit leben, das Organ eines Verstorbenen in mir zu haben?" Das war jahrelang meine Einstellung zum Thema Organtransplantation. Viele haben mir zugeredet, einen Antrag bei Eurotransplant zu stellen. Aber ich habe Zeit gebraucht, bis ich mich entschlossen hatte, mich auf die Warteliste setzen und dann auch die nötigen Untersuchungen machen zu lassen. Nach drei Jahren war ich dann soweit.

Wie lange dauerte es dann noch, bis Sie ein Spenderorgan bekamen?

Dorp: Es waren noch rund eineinhalb Jahre. Ich bin eigentlich ein Glückskind. Denn die durchschnittliche Wartezeit auf eine Niere beträgt über sieben Jahre. Ich hatte mich auf eine längere Wartezeit eingestellt. Die Spende kam dann sehr überraschend. Nachts um halb vier kam der Anruf, eine passende Niere für mich sei gefunden, und ich musste morgens früh um sieben schon in Köln in der Klinik sein. Die Transplantation fand dann spätabends statt. Wie ich die Stunden bis dahin verbracht habe, weiß ich nicht mehr, da ich sehr angespannt war.

Die Zahl der Organspenden in Deutschland liegt weit unter dem Bedarf…

Dorp: … Das macht mich sehr betroffen. Ich arbeite seit meiner Pensionierung noch ehrenamtlich als Seelsorger und Patientenbegleiter in der Dialyseabteilung der Uniklinik Bonn. Da erlebe ich aus der Nähe mit, welch ein Geschenk eine Nierenspende für die Betroffenen ist.

Sie sind evangelischer Pfarrer. Ist Organspende in Ihren Augen eine Christenpflicht?

Dorp: Von Christenpflicht möchte ich nicht sprechen. Es ist eher eine Chance, christliche Nächstenliebe zu leben. Ich bin meiner Spenderin, die ich nicht kenne, sehr dankbar. Ich habe mir vorgenommen, über Eurotransplant zu ihren Angehörigen Kontakt aufzunehmen und ihnen zu sagen, was ihre Verwandte mir durch ihre Organspende an Lebensmöglichkeiten gegeben hat, und meinen Dank auszusprechen.

"Ich habe den Eindruck, nicht sehr viele Menschen sind bereit, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen, weil das mit dem Tod zu tun hat"

Was müsste getan werden, um mehr Menschen dafür zu gewinnen, Organspender zu werden?

Dorp: Ich habe den Eindruck, dass seit einigen Jahren sehr viel in der Öffentlichkeit getan wird, von Verbänden, Selbsthilfegruppen und auch von der politischen Seite - nicht nur am Tag der Organspende. Die Organskandale mögen noch immer die Einstellung vieler bestimmen. Ich denke, in der persönliche Begegnung zu informieren, das hat Aussicht auf Erfolg. Ich habe den Eindruck, nicht sehr viele Menschen sind bereit, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen, weil das mit dem Tod zu tun hat. Dem weicht man lieber aus.

Ein neues Organ bedeutet Leben für den Empfänger, aber – meistens - Tod für den Spender und Trauer für die Hinterbliebenen. Können Sie Menschen verstehen, die eine Organspende ablehnen?

Dorp: Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen die Organspende ablehnen. Das hat mit den Tabus Tod und eigene Endlichkeit zu tun. Ich habe eine Ausbildung als Trauerbegleiter gemacht und sehe auch, dass Angehörige, die an einem Sterbebett stehen, völlig überfordert sind mit der Frage, ob sie jetzt einer Organspende zustimmen. Die Entscheidung sollte vorher fallen, durch den potenziellen Organspender selbst.