Jesiden ohne Perspektive im Irak

Jesiden ohne Perspektive im Irak
Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland sieht die Pläne von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kritisch, die freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen in den Irak zu fördern. "Die Menschen aus der Region kommen nicht wegen Jobs nach Deutschland, sondern weil sie politisch und religiös verfolgt werden", sagte der Vorsitzende Irfan Ortac dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Viele fürchten um ihr Leben." Müller reiste am Samstag in den Irak.

Deutschland sollte nach Meinung von Ortac besser seine Macht und Kompetenzen dazu nutzen, politische Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Angehörige religiöser Minderheiten im Irak frei und in Würde leben könnten. Humanitäre Hilfe allein reiche nicht aus: "Ein Spielplatz im Flüchtlingslager bedeutet keine Bleibeperspektive", fügte er mit Blick auf die Hunderttausende Jesiden hinzu, die seit vier Jahren in den Camps der Region auf eine Verbesserung der Lage in ihren Heimatdörfern warten.

Die Sindschar-Region, das Stammland der Jesiden, ist laut dem Zentralratsvorsitzenden nach wie vor eine "Spielwiese für Kriegstreiber", sei es aus dem Irak oder der Türkei angesichts jüngster Meldungen über Truppenbewegungen in dem Gebirgsgebiet. Beim Wiederaufbau hingegen, sei gar nichts passiert: Es gebe keine Schulen, keine Kliniken, keine Straßen mehr und kein fließend Wasser. Noch nicht einmal die Toten hätten begraben werden können, ihre Gebeine lägen zum Teil noch im Freien.

Auf die Brandmarkung des Überfalls der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auf die Jesiden als Genozid warteten die Opfer bis heute. "Vor dem Hintergrund ist es zynisch, junge Leute zu beraten, dort zu bleiben", sagte Ortac mit Blick auf das von Minister Müller geplante Migrationsberatungszentrum im Nordirak.



Ein Leben in Würde sei derzeit für Jesiden im Irak noch nicht möglich. Sie dürften noch nicht einmal alle Berufe ausüben, betonte Ortac. Alles was mit Nahrungsmitteln zu tun habe, wie Metzger, Bäcker oder Koch, müsse von Muslimen ausgeübt werden. "Jesiden gelten ihnen nicht als Halal und damit als unrein."

Für Furcht sorge ferner die schiitische Miliz Haschd al-Schaabi ("Volksmobilmachung"), die in Sachen religiöser Fanatismus der Terrormiliz IS kaum nachstehe. Ortac sagte, der Zentralrat würde sich gerne mit dem deutschen Innen-, Außen- oder Entwicklungsministerium zusammensetzen, um über Lösungswege zu beraten: "Wir wurden bisher nicht gefragt."

Vor dem Überfall des IS lebten im Sindschar-Gebirgen die meisten der weltweit rund 800.000 Jesiden. Die Zahl wurde auf mehr als 500.000 geschätzt. Heute sind ist ein großer Teil der religiösen Minderheit verstreut in Flüchtlingscamps, bei Angehörigen oder ins Ausland geflüchtet. Viele ihrer Dörfer sind komplett zerstört.

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