TV-Tipp: "Tatort: Unter Kriegern" (ARD)

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TV-Tipp: "Tatort: Unter Kriegern" (ARD)
8.4., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Unter Kriegern"
Der letzte "Tatort" aus Frankfurt, "Fürchte dich", war ein Horrorfilm voller Schauereffekte. Die Gruselgeschichte hatte alles zu bieten, was das Genreherz begehrt; und gerade deshalb war die Fan-Gemeinde des Sonntagkrimis im "Ersten" gespalten. "Unter Kriegern" wird sie versöhnen, dabei sind die Horroranteile hier genauso vorhanden; bloß ungleich subtiler.

Auch wenn das Wort "Antichrist" niemals fällt: Im Grunde erzählt Volker Einrauch die gleiche Geschichte wie der Klassiker "Das Omen", erst recht, wenn man das Drehbuch in der Tradition einiger früherer "Tatort"-Episoden aus Frankfurt betrachtet. Die verschiedenen Ermittlerpaare sind regelmäßig mit dem personifizierten Bösen konfrontiert wurden, wie zum Teil schon die Titel verdeutlichten: "Das Böse" (2003), "Weil sie böse sind" (2009), "Es ist böse" (2012), "Die Geschichte vom bösen Friederich" (2016). Einige dieser Filme gehörten zu den besten Fernsehfilmen des Hessischen Rundfunks. "Unter Kriegern" knüpft zudem an die ausgezeichnete Qualität der bisherigen sechs Fälle des Duos Janneke und Brix (Margarita Broich, Wolfram Koch an) an. Schon der Auftakt ist irritierend: Kommissariatsleiter Cariddi (Bruno Cathomas) wird offenbar völlig grundlos von einem Fremden per Kopfstoß niedergestreckt. Mit dem eigentlichen Fall hat der Angriff nichts zu tun, aber er setzt ein Vorzeichen, und das auch in ästhetischer Hinsicht: Fortan werden Regisseurin Hermine Huntgeburth und ihr bevorzugter Kameramann Sebastian Edschmid immer wieder unerwartet die Farbgebung ändern, um bestimmte Stimmungswechsel hervorzuheben.

Die eigentliche Handlung beginnt mit der Rückgabe einer Klassenarbeit. Der zwölfjährige Felix (Juri Winkler) beschwert sich beim Lehrer und kann tatsächlich eine bessere Note raushandeln; der Eloquenz des Schülers hat der Pädagoge nichts entgegenzusetzen. Der Junge ist nicht unsympathisch; bis er auf dem Heimweg eine gestürzte alte Frau ignoriert, obwohl sie ihn um Hilfe bittet. Zum Krimi wird die Geschichte, als im Heizungskeller eines Sportleistungszentrums die Leiche eines Kindes gefunden wird: Migrantensohn Malte ist in einem Kessel eingesperrt worden und qualvoll verdurstet. Die Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf den Hausmeister (Stefan Konarske), einen etwas seltsamen Zeitgenossen, der viel Zeit mit Malte verbracht hat. Felix’ Stiefvater Joachim Voss (Golo Euler), der arrogante Leiter des Zentrums, strebt eine Laufbahn als Sportfunktionär an und macht der Polizei Druck; tote Kinder im Keller sind nicht gut für die Karriere.

Bei vielen "Tatort"- und "Polizeiruf"-Episoden ist die Krimiebene bloß ein Vorwand, um ein Familiendrama zu erzählen. Die Gefahr hätte auch bei "Unter Kriegern" gedroht, denn Familie Voss ist ziemlich bizarr. Der Stiefvater setzt Felix beim gemeinsamen Sport so lange unter Druck, bis der Junge kotzt. Mutter Meike ist ein neben dem durchtrainierten attraktiven Gatten trampelig anmutendes Mauerblümchen ohne Hauptschulabschluss, das in dem riesigen Luxusdomizil wie die Haushälterin wirkt. Lina Beckmann versieht diese Frau, die vom Ehemann nach Strich und Faden gemobbt wird und sich dafür mit Gedankenmorden rächt, mit einer rührenden Mischung aus Unterwürfigkeit und Einfalt. Als der clevere Brix sie allerdings auf ihre Pferdeliebe anspricht, blüht Meike regelrecht auf. Durch das demonstrative (Ohn-)Machtverhältnis dieses ungleichen Paars, für dessen Heirat der Film später eine plausible Begründung nachreicht, rückt auch Voss ins Visier des Ermittlerduos, zumal ein Foto auftaucht, das ihn und Malte unbekleidet zeigt; und auf Sylt, wo er ein Ferienhaus besitzt, ist ebenfalls ein Junge ermordet worden. 

Während "Fürchte dich" viele Zuschauer buchstäblich wie auch im übertragenen Sinn erschreckt hat, funktioniert "Unter Kriegern" als ganz normaler Krimi, von dem sich niemand verstört fühlen muss, es sei denn, man schaut genau hin; und das gilt nicht nur für die bitterböse lakonisch inszenierte Schlusspointe, als Felix in einem bemalten Schulheft blättert. Kaum zu übersehen sind dagegen die radikalen Wechsel bei der Farbgebung, die aber stets im Dienst der Geschichte stehen. Sie illustrieren in erster Linie die abrupten Stimmungsschwankungen des Sportfunktionärs, der mehrfach unvermittelt von Panikattacken heimgesucht oder von seinem Jähzorn übermannt wird. Die Bildgestaltung ist jedoch nicht nur wegen des Farbenspiels bemerkenswert. Dass sich Felix verschiedene Male "hinter Gittern" (mal ein Treppengeländer, mal ein Zaun an der Sportanlage) zu befinden scheint, ist sicher kein Zufall. Wichtig für die Wirkung des Films ist auch die Musik von Biber Gullatz und Andreas Schäfer, ebenfalls bewährte Huntgeburth-Mitstreiter. Ihre markanteste Komposition für "Unter Kriegern" ist ein harmlos klingendes Vibraphon-Leitmotiv, das Felix begleitet, wenn er beispielsweise einer Mitschülerin nachstellt; es entpuppt sich als ebenso trügerisch wie die überwiegend freundlich-warme Farbgebung. Noch länger als mit Gullatz/Schäfer (1999) und Edschmid (seit 2001) arbeitet die Regisseurin mit ihrem Lebensgefährten Volker Einrauch zusammen. Seit 1994 hat sie gut ein Dutzend seiner Drehbücher verfilmt, darunter neben preisgekrönten Filmen wie "Der Boxer und die Friseuse" (Deutscher Fernsehpreis 2005) und "Teufelsbraten" (Grimme-Preis 2009)  auch "Die Geschichte vom bösen Friederich". Die geballte Kompetenz aller Beteiligten hätte jedoch nicht genügt, wenn der Dreh- und Angelpunkt des Films nicht so glaubwürdig wäre: Juri Winkler (Jahrgang 2003) hat schon als ebenso hochbegabter wie schräger Oskar in den wundervollen "Rico und Oskar"-Kinderfilmen gezeigt, dass schwierige Dialoge keine Herausforderung für ihn darstellen. In "Unter Kriegern" beweist er, dass er auch anders kann. Besonders gelungen sind die Szenen, in denen der Sohn mit dem Unschuldsgesicht seine Mutter mit einer ähnlichen Kälte demütigt wie sein Stiefvater. Kein Wunder, dass Meike ihn mal als Teufel bezeichnet.