Margot Käßmann: Darum ist Martin Luther King mein großes Vorbild

Margot Käßmann

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Margot Käßmann

Für Gerechtigkeit, für Frieden, für die Menschen. Ein Gastkommentar von Margot Käßmann, Botschafterin für das Reformationsjubiläum, über ihr großes Vorbild Martin Luther King, dessen Ermordung sich am 4. April 2018 das 50. Mal jährt.

Die Reden und Schriften Martin Luther Kings haben mich schon als 16-Jährige begeistert: "Ich habe einen Traum!" oder "Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen". Die alten biblischen Texte wurden beim Zuhören geradezu lebendig. Als hätten sie lange geschlafen und jemand hauchte ihnen plötzlich Leben ein. Dabei habe ich nicht nur die großartige Rhetorik bewundert. Mich hat auch berührt, wie viel Pragmatismus er an den Tag legen konnte. Zu lernen war: Eine große Vision braucht viele kleine Schritte! So wird nach dem großen Streik, bei dem erreicht wurde, dass es keine Rassentrennung mehr in Bussen gab, sehr eindrücklich an das Verhalten der Menschen appelliert: Bleibt höflich und freundlich. Unfassbar!

Martin Luther King wurde mir zum Vorbild, weil er den christlichen Glauben wie sein berühmter Namensvorfahr nicht ins Abseits der Welt legte, in Kloster oder Kirche verbannen wollte, sondern mitten in der Welt den Bewährungsraum für den Glauben sah. Das hat mich nachhaltig beeindruckt und geprägt.

Träumerinnen und Visionäre werden ja in der Regel als Spinner angesehen, naiv und weltfremd. Aber das Beispiel Martin Luther Kings zeigt, dass sie die Welt eben doch verändern können, wenn sie beharrlich bleiben, sich nicht in die Enge treiben lassen durch vermeintlichen Realitätssinn. Der christliche Glaube ist eine gute Grundlage für eine solche Haltung. Denn er zeigt: Propheten sind nicht gern gesehen, Visionen davon, dass Schwerter zu Pflugscharen werden könnten, sie werden belacht. Im Rückblick aber waren es oft genau solche Träume von einer anderen Welt, die eben diese verändert haben. Als ich in die USA kam war Martin Luther King schon sechs Jahre tot. Aber ich habe den Nachhall seines Lebens 21 Jahre später selbst erleben können, als der Ruf "Keine Gewalt" aus den Kirchen von Leipzig, Dresden und Ost-Berlin auf die Straßen getragen wurde, und eine friedliche Revolution in Deutschland möglich machte.

Der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King.

Dabei war Martin Luther King nicht nur gesellschaftskritisch, sondern auch kirchenkritisch. Auch da ist er mir Vorbild. Unsere Kirche, deren Teil ich bin, die mein Leben geprägt hat und in die ich meine Lebenskraft eingebracht habe, sie droht immer wieder zu erstarren in Bürokratie, Festhalten an Traditionen und manchmal auch Macht. Sie immer wieder herauszufordern, das ist reformatorisch. Und das hat Martin Luther King glasklar getan.

Mich hat beeindruckt, dass Martin Luther King die Kraft hatte, zu seiner pazifistischen Grundüberzeugung zu stehen und sie durchzuhalten, auch als beispielsweise in Birmingham am 15. September 1963 eine Bombe in der Sonntagsschule einer baptistischen Kirche explodierte, vier kleine schwarze Mädchen tötete und 21 weitere Kinder verletzte. Der Ku-Klux-Klan zeigte sich stolz auf diese Tat – das erinnert an den IS, der sich stolz zu Attentaten bekennt, bei denen Kinder sterben. Muss da nicht Gewalt die Antwort sein – das ist die Frage damals wie heute. Martin Luther King hielt eine bewegende Traueransprache für die Kinder, aber er ließ sich nicht verführen, Gewalt zu befürworten.

Immer wieder bin ich mit der Frage konfrontiert worden, ob nicht angesichts dieses Terrorattentats oder jener humanitären Katastrophe Gewalt die allein mögliche Antwort sei. Ob nicht alles andere lächerlich und naiv oder beides sei. Mich hat getröstet, dass Martin Luther King – wie im übrigen alle anderen Pazifisten, sei es Ghandi sei es Bertha von Suttner – ebensolche Fragen über sich ergehen lassen mussten.

Martin Luther King begeisterte für Gerechtigkeit und Frieden

Vorbild war und bleibt mir King auch, weil er sich nicht zurückdrängen ließ. "Weil ich Prediger aus Berufung bin…", so begründet er sein Engagement gegen den Vietnamkrieg. In diesem Vortrag weist er die Anfragen zurück, wie er sich denn in diesen Krieg einmischen könne. Bürgerrechtler ja, aber was verstehe er von Vietnam. King zeigt sehr klar die Zusammenhänge. In Vietnam kämpfen junge schwarze Soldaten für eine Freiheit, die sie Zuhause gar nicht haben. Sie zerstören die Häuser von Menschen, die von den USA ebenso unterdrückt werden wie sie. Und die Gelder, die in den Krieg fließen, sie werden der Armutsbekämpfung im eigenen Land entzogen. Gerechtigkeit und Frieden, sie sind unmittelbar miteinander verknüpft. Das ist mir persönlich im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung klar geworden, für den ich mich jahrelang engagiert habe.

Martin Luther King war kein makelloser Held. Aber ist in die Geschichte eingegangen als ein Mann, der aus christlicher Überzeugung in seiner Zeit gegen Rassismus und für Gerechtigkeit und Frieden eingetreten ist. Als ein begabter Prediger und Redner, der Menschen begeistern konnte, sich zu engagieren. Ein Mann der konsequent blieb in seiner pazifistischen Haltung und dies mit dem eigenen Leben bezahlte. Ein Mann, der Schwächen hatte, dessen Stärken aber zur rechten Zeit am rechen Ort waren und die Welt dadurch veränderte. Er hat kein konfliktfreies Paradies hinterlassen. Aber die Vision, das wir anders leben könnten, die ist durch ihn zumindest in Ansätzen Wirklichkeit geworden.