Schutz vor Kälte und Gewalt

Notunterkunft  für Frauen

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Im "Frauenzimmer" in Bremen gibt es einen Kaffee und eine Notunterkunft für Frauen in dem Tagestreff .

Wohnungslose Frauen fallen oft nicht auf, weil sie ohne eigenen Mietvertrag bei Bekannten oder Verwandten unterschlüpfen. In dieser Situation befinden sie sich in großer Abhängigkeit und sind nicht selten Gewalt ausgesetzt.

Sie holt sich einen Kaffee und setzt sich auf die vordere Stuhlkante. Die Jacke behält sie an, der Reißverschluss bleibt zu, die Mütze auf dem Kopf, der Rucksack auf dem Rücken. Im "Frauenzimmer" in Bremen stört das nicht. Im "Tagestreff für wohnungslose und in Not geratene Frauen" sind die Wände gelb und die Tulpen auf den Tischen noch frisch. Vor 15 Jahren wurde die Einrichtung am westlichen Rand der Innenstadt vom diakonischen Verein für Innere Mission eröffnet. Aktuell gehören auch 14 Übernachtungsplätze dazu.

"Wenn am Nebentisch Männer sitzen würden, könnte man nicht so offen reden, nicht mal über Regelschmerzen", sagt die Frau mit dem Rucksack. Margot Langer, ebenfalls Besucherin der Hilfseinrichtung, sitzt ihr gegenüber und versteht, wenn Frauen die Notunterkunft über dem Tagestreff kaum verlassen, "so, wie einige von Männern zugerichtet wurden".

Mangel an bezahlbarem Wohnraum

"Studien haben gezeigt, dass viele wohnungslose Frauen Gewalt erlebt haben - in der Familie oder Partnerschaft, aber auch während der Wohnungslosigkeit", sagt die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Werena Rosenke. "Sie haben auch in gemischten Einrichtungen Angst um ihr Wohlergehen, obwohl sie vielleicht sogar auf einer eigenen Etage untergebracht sind." Denn die Zimmer und sanitären Einrichtungen seien oft nicht abschließbar.

Vivien Lehr (r.), Koordinatorin des Bremer "Frauenzimmers" berät eine Besucherin in der Einrichtung, die vor 15 Jahren vom diakonischen Verein für Innere Mission gegründet worden ist.

Dass Tagestreffs für Frauen besser geschützte Orte sind, signalisieren Namen wie "FrauenRaum" in Heidelberg, "Café Auszeit" in Köln und "Freiraum" in Singen. "In größeren Städten kamen in den vergangenen 20 Jahren viele Angebote für Frauen dazu, Beratungsstellen ebenso wie stationäre Einrichtungen und Wohngemeinschaften", bilanziert Rosenke. Frauen bräuchten aber flächendeckend die Option auf Unterstützungsangebote, bei denen sie sich erst einmal nicht mit Männer auseinandersetzen müssen. Es fehle auch an kommunalen Angeboten, um Wohnungslosigkeit zu vermeiden. "Menschen geraten bei dem angespannten Wohnungsmarkt in große Not, wenn die Miete nach einer Trennung für sie alleine zu hoch ist, sie keine günstigere Wohnung finden und dann die Anlaufstellen für Mietschuldenübernahme nicht bekannt sind", erläutert Rosenke. Die Trennung sei dann zwar der Auslöser, die Ursache der hohen Wohnungslosigkeit sei aber der Mangel an bezahlbarem Wohnraum.

Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft haben 100.000 Frauen in Deutschland keine Wohnung, Tendenz steigend. Wobei Hilfseinrichtungen wie das "Frauenzimmer" in Bremen nicht nur Wärme, einen geschützten Raum und ein Dach über dem Kopf bieten. Hier gibt es neben Beratung und Gesprächen auch eine Kleiderkammer, eine Spielecke für Kinder und eine medizinische Notversorgung.

"Als ich zum ersten Mal ins 'Frauenzimmer' kam, hatte ich kein Konto, keinen Ausweis, keine Krankenversicherung, nichts", berichtet die 25-jährige Sarah. Wenn am Wochenende die Bremer Fachstelle für Wohnen geschlossen war und die Plätze in Notunterkünften vermittelt waren, lief sie schon mal drei Tage durch die Stadt.

Kulturwissenschaftlerin Vivien Lehr koordiniert die Arbeit im "Frauenzimmer". In einer Bachelorarbeit hat sie untersucht, warum 20 bis 30 Frauen mittags in die Einrichtung kommen. "Sie erfüllen sich zum einen Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken, aber auch den Wunsch nach gemeinsamer Freizeitgestaltung." Genauso wichtig seien den Frauen aber Gespräche über ihre Situation sowie Ruhe und Sicherheit: "Es gibt Frauen, die kommen nur zum Duschen. Anderen ist es wichtig, zwei, drei Stunden Luft holen zu können."

Margot Langer ergänzt: "Hier wäre doch sofort Randale, wenn die jungen Männer rein könnten und die jungen Frauen anmachen." Sie käme dann nicht mehr. Vor ein paar Jahren zog sie "der Liebe wegen" nach Bremen, wie sie erzählt. Als das schiefging, kam sie in die Psychiatrie und von dort in die Notunterkunft für Frauen. "Erst wollte ich mit niemandem sprechen", sagt sie. Es habe gedauert, aber nun habe sie Job und Wohnung und wieder "Boden unter den Füßen". Jetzt redet sie wieder gerne. Irgendwann steht sie auf, stellt ihre Kaffeetasse in den Korb für das dreckige Geschirr und geht. Raus in die Kälte.