Keine Frage christlicher Nächstenliebe

In Amerika erreicht die Missbrauchs-Debatte nach #meToo die Kirchen
Bibel und Amerika Flagge

Foto: Getty Images/iStockphoto/GoldStock

Unter dem Hashtag #churchToo werden in Amerika Fälle sexueller Gewalt aus dem kirchlichen Umfeld öffentlich.

Nicht nur in der Filmbranche ist sexueller Missbrauch weit verbreitet. Unter dem Hashtag #churchToo werden in Amerika vermehrt Fälle aus dem kirchlichen Umfeld öffentlich.

"Christianity Today" gilt in den USA als das evangelikale Magazin schlechthin. Mit einem Kommentar hat es jüngst wieder einmal in ein Wespennest gestochen. Die Kommentatorin kritisierte, dass Kirchen sexuelle Übergriffe häufig "intern" untersuchten. Da aber persönliche Beziehungen bekanntlich befangen machten, forderte sie, die Vorwürfe von unabhängiger Instanz zu prüfen. Auch durch Artikel wie diese nimmt der Druck auf die Kirchen zu. Vor allem aber wenden sich Missbrauchsopfer selbst zunehmend an die Öffentlichkeit.

Im Januar etwa hatte ein Interview in "Christianity Today" für Aufsehen gesorgt. Die frühere Turnerin Rachael Denhollander griff ihre Kirche scharf an. Schon vorher hatte sie den ehemaligen Arzt des US-Turnverbandes, Larry Nassar, wegen Missbrauchs bezichtigt. Wegen sexueller Übergriffe in mehr als 100 Fällen wurde er unlängst zu 175 Jahren Haft verurteilt. Vor Gericht hatte Denhollander ihre Hoffnung geäußert, Nassar werde eines Tages echte Reue spüren und Gott ihm seine Taten vergeben.

In "Christianity Today" nun fand Denhollander, die sich selbst als "sehr konservative evangelikale" Christin beschreibt, harte Worte für ihre Glaubensbrüder und -schwestern. Sie habe lange nicht gewagt, in ihrer Kirchengemeinde über den Missbrauch durch Nassar zu sprechen. Manche Christen hätten Schwierigkeiten, die Entsetzlichkeit von sexuellem Missbrauch einzusehen. Man begnüge sich oft mit Plattitüden nach dem Motto: Gott wird schon alles zum Guten bringen. Ihrer Erfahrung nach sei die Kirche eines derjenigen Umfelder für Opfer, die am wenigsten sicher seien.

Damit enden die Vorwürfe gegen die Kirche nicht. Im November wurde der Twitter-Hashtag #churchToo von den Autorinnen Emily Joy and Hannah Paasch ins Leben gerufen - nach Vorbild des Hashtags #meToo, mit dem Frauen seit Bekanntwerden der Skandale um den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein die sexualisierte Gewalt mächtiger Männer anprangern.

Gegenwärtig kommentieren viele User den Übergriff durch Pastor Andy Savage von der Highpoint Kirche in Memphis in Tennessee. Dieser hatte sich im Januar beim Gottesdienst zu einem Vergehen bekannt, das er während einer früheren Tätigkeit in einer Kirche in Texas begangen habe. Details nannte er nicht. Vergebung sei stärker als Sünde, erklärte er.

Der Vorwurf mitgemacht zu haben

Die Gemeinde applaudierte nach seinem Bekenntnis. Es folgte auf die Veröffentlichung eines Blogeintrags wenige Tage zuvor. Darin beschuldigt eine Frau den Pastor, sie als Siebzehnjährige auf einer Nachhausefahrt zum oralen Sex gedrängt zu haben. Sie war damals Mitglied einer Jugendgruppe. Als sie den Fall meldete, habe ihr Savages Vorgesetzter vorgeworfen, mitgemacht zu haben. Savage verließ die Kirche in Texas mit einer Abschiedsfeier. In Highpoint bekam er eine neue Stelle.

Die unter dem Hashtag #churchToo aufgeführten Beispiele zeigen, dass Missbrauch nicht auf einzelne Geistliche und Kirchen beschränkt ist. Diese Erkenntnis zieht inzwischen weite Kreise. Der "bürokratische Prozess" in Systemen, die "historisch gesehen auf männlicher Autorität beruhen", lasse häufig heikle Vorwürfe verstummen, schreibt etwa die lutherische Pastorin Emmy Kegler aus Minnesota auf einer Webseite der "Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika".

Mehr als 100 evangelikale Pastorinnen und Publizistinnen haben im Dezember den Aufruf "Silence is Not Spritual" ("Schweigen hat nichts mit Glauben zu tun") unterzeichnet, um Opfern Hoffnung zu machen. #meToo und #churchToo zeigten die Dringlichkeit, sich mit der Haltung der Kirche zu Frauen auseinanderzusetzen. Kirchen und Pastoren müssten Stellung beziehen gegen Missbrauch, so die Forderung der Unterzeichner.

Bei Übergriffen müsse die Polizei eingeschaltet werden, betonte Beth Moore, Mitunterzeichnerin und Gründerin eines Evangelisierungsverbandes. Täter zu decken, sei schließlich keine Frage christlicher Nächstenliebe.

aus dem chrismonshop

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