Missbrauchsfälle in der Kirche: Unter #churchtoo melden sich Opfer

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Foto: evangelisch.de

Der Weinstein-Skandal im Oktober 2017 hat ausgelöst, dass sich viele Opfer von sexuellem Missbrauch zu Wort gemeldet haben, vor allem unter dem Hashtag #MeToo. Seit Dienstag verbreitet sich nun ein weiterer Hashtag aus den USA. Unter #churchtoo melden sich Menschen zu Wort, die in und im Umfeld ihrer Kirchengemeinde missbraucht worden sind.

Einem Tweet zufolge geht #churchtoo ("Kirche auch") von zwei Frauen in den USA aus: Hannah Paasch und Emily Joy Poetry. Seit Dienstag (21. November 2017) verbreiten sich Geschichten von Betroffenen über diesen Hashtag, bisher vor allem auf Englisch.

"Ich wurde von einem Mitglied meiner Kirchengemeinde missbraucht, als ich neun Jahre alt war. Der Pastor und meine Eltern sagten mir, dass ich ihm vergeben müsse, weil es das sei, was Jesus tun würde. Sie zwangen mich meinen Vergewaltiger zu umarmen und ihm zu sagen, dass ich ihm vergebe", schreibt eine Frau.

Gehorsam und Vergebung

Christian Rommert, Theologe, Unternehmensberater und Aktivist für Kinderschutz, hat schon über 100 Kirchengemeinden in Deutschland zum Thema "sexueller Missbrauch" beraten. "Nach jeder Veranstaltung hat sich bei mir mindestens ein Betroffener oder eine Betroffene gemeldet", sagt er. Kirchengemeinden seien ebenso wie Sportvereine oder Schulen und Kindergärten Orte, an denen Täter sich sicher fühlten. "Täter suchen sich Orte, an denen sie Autorität über andere haben", sagt Christian Rommert. Jede Institution habe dabei ihre jeweils eigenen Faktoren, die Tätern Sicherheit vor dem Entdecktwerden geben kann.

Den Fall der Frau, die ihrem Peiniger vergeben muss, hält er für typisch für Kirchengemeinden: "Es gibt spezielle Faktoren, aufgrund derer kirchliche Einrichtungen gefährdet sind. Dazu gehören der problematische Umgang mit Sexualität, die Themen Gendergerechtigkeit, Gehorsam und Vergebung, sowie der manchmal sehr dichte und familiäre Umgang miteinander."

Christian Rommert, der in diesem Jahr ein Buch zum Thema sexueller Missbrauch in christlichen Gemeinden veröffentlich hat, begrüßt es sehr, dass das Thema wieder auf die Tagesordnung kommt: "Ich empfehle Kirchen, das Thema prominent auf ihrer Seite zu platzieren", sagt er. Wichtig dabei sei es zu verstehen, warum Kirchengemeinden besonders gute Strukturen für Täter bieten. "Über lange Zeit haben sich Kirchen nur darüber Gedanken gemacht, wie sie kreative, inspirierende, fantasievolle Orte für Kinder und Jugendliche sind. Die Frage, sind wir auch sicher, wurde vernachlässigt", sagt er. Diese sicheren und verlässlichen Strukturen zu schaffen, sei nach dem Verstehen der Frage nach dem Warum eine wichtige Aufgabe für Gemeinden.

Nach dem Jahr 2010 habe es wegen der öffentlich gewordenen Fälle in der katholischen und evangelischen Kirche, der Odenwaldschule und in Kinderheimen eine offenere Diskussio über das Thema sexueller Missbrauch gegeben. "Ohne die Schaffung eines wirklichen Bewusstseins in den Institutionen und das Vereinbaren verbindlicher Regeln schläft das Thema jedoch wieder ein", warnt Rommert.

Er empfiehlt daher, Ansprechpartner zum Thema Missbrauch zu benennen und für Notfälle schon einen Kontakt zum Jugendamt geknüpft zu haben. Notrufnummern sollten zentral im Gemeindehaus aufgehängt werden. "Ein sicheres Umfeld zu schaffen ist nicht nur Kinderschutz, sondern auch Mitarbeiterschutz", sagt Rommert.

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland laut der polizeilichen Kriminalstatistik 2017 12.019 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder registriert. Das sind 33 Fälle pro Tag. Studien zufolge hat etwa jede vierte Frau und jeder zwölfte Mann als Kind Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht. In jeder Schulklasse, in jeder Konfirmandengruppe, in jedem Sportverein und in jedem Gottesdienst sitzen rein statistisch und auch in der Realität Betroffene. Eine Aufarbeitung und eine Anlaufstelle für Betroffene ist auch die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

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