TV-Tipp: "Der Zürich-Krimi: Borchert und die letzte Hoffnung" (ARD)

8.2., ARD, 20.15 Uhr: "Der Zürich-Krimi: Borchert und die letzte Hoffnung"
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Im Rückblick ist es immer noch erstaunlich, wie sehr sich die im Frühjahr 2016 ausgestrahlten ersten beiden "Zürich-Krimis" voneinander unterschieden haben; die Premiere, "Borcherts Fall", wirkte damals wie eine missglückte Generalprobe. Ein anderer Autor, ein anderer Regisseur, dazu das fesselnde Komplott gegen die Hauptfigur, das der Titel von Teil eins bloß angekündigt, aber nicht eingelöst hatte, und prompt war "Borcherts Abrechnung" um mindestens eine Klasse besser. An diese Qualität knüpft nun auch "Borchert und die letzte Hoffnung" an. Das Drehbuch stammt wie beim zweiten Film erneut von Wolf Jakoby.

Der Titelheld, ein Zürcher Wirtschaftsanwalt, ist eingeführt und kann sich fortan ganz auf die Mandate konzentrieren, die ihm und seiner jungen Partnerin Dominique Kuster (Ina Paule Klink) übertragen werden. Thomas Borchert ist ein Mann mit Vergangenheit und erheblichen Brüchen in der Biografie, das macht ihn als Figur ausgesprochen interessant; und Christian Kohlund, dank der ARD/Degeto-Reihe "Traumhotel" früher auf den charmanten Frauenversteher mit Reibeisenstimme festgelegt, hat das Format, um diesen Mann glaubwürdig zu verkörpern.

Ihr erster richtiger gemeinsamer Fall konfrontiert das Duo Borchert/Kuster gleich mit einer heiklen Gemengelage: Viola Schneider (Lucie Heinze) verklagt den Arzt ihres kürzlich verstorbenen Vaters. Der Mann litt an Multipler Sklerose; die Tochter ist überzeugt, Doktor Hoffer (Nicki von Tempelhoff) habe ihn falsch therapiert. Der von Dominiques Vater (Robert Hunger-Bühler) vertretene Arzt wird durch zwei Gutachten entlastet, besteht jedoch auf einer Autopsie, um jeden Schatten eines Zweifels an seiner Reputation zu beseitigen. Dabei stellt sich raus: Direkte Todesursache war ein starkes Beruhigungsmittel, aber gestorben wäre Schneider ohnehin; sämtliche Organe sind hochgradig vergiftet. Die Witwe (Jenny Schily) gibt zu, ihrem Mann auf dessen Bitte hin das Mittel verabreicht zu haben, was auch nach Schweizer Recht strafbar ist, zumal die Richterin ihr als Erbin Eigennutz unterstellt; die Anklage lautet auf Mord. Aber Borchert interessiert sich viel mehr dafür, wie die Vergiftung zustanden gekommen ist.

Wolf Jakoby ist eine fesselnde Mischung gelungen: "Borchert und die letzte Hoffnung" beginnt als Drama und wandelt sich zum Anwaltskrimi mit Thriller-Elementen, als der durch eine Erkältung ohnehin schon angeschlagene Borchert nur knapp einem Mordversuch entkommt. Der einzige Ort, der ihm wirkliche Sicherheit bietet, ist ausgerechnet eine Arrestzelle. Entscheidend für Qualität und Anspruch des Films ist jedoch der Umgang mit dem Thema Sterbehilfe; die ethisch-moralische Seite wird mit angemessener Seriosität behandelt. Das ist nicht nur Jakobys dramaturgisch sowie im Detail ungemein sorgfältigem Drehbuch zu verdanken, sondern auch Roland Suso Richters Umsetzung und seiner Arbeit mit Jenny Schily. Geschickt verzögert der Film die Preisgabe der genauen Todesumstände: Der unter furchtbaren Schmerzen leidende Schneider nimmt Abschied von seiner Frau. Erst später reicht der für Prestigeproduktionen wie "Der Tunnel", "Dresden" oder "Mogadischu" vielfach ausgezeichnete  Regisseur nach, was anschließend passiert ist. Die emotionale Wirkung der Bilder wird auf diese Weise enorm verstärkt: Anfangs hält sich die Empathie in Grenzen, schließlich sind die beteiligten Personen völlig unbekannt, aber in der zweiten Szene ist das gänzlich anders, zumal Schilys Spiel hochgradig berührend ist. Kameramann Max Knauer taucht diese von Richter sehr sanft inszenierten diffizilen Augenblicke in ein übernatürlich helles (Gegen-)Licht, ohne dabei in den Kitsch abzudriften. Aus seiner Haltung zum Thema Sterbehilfe macht der Film ohnehin keinen Hehl, weshalb die Tochter, deren Trauerzorn erst dem Arzt, dann der Mutter und schließlich dem Vater gilt, in ihrer Selbstgerechtigkeit zunächst auch ziemlich unsympathisch wirkt.

Den Kontrapunkt zu diesen emotionalen Momenten liefert gleich zu Beginn eine Ebene mit den Machenschaften eines Rettungswagenfahrers, die sich durch den ganzen Film zieht, zunächst jedoch keinen Bezug zum Rest der Handlung zu haben scheint. Als Jakoby diese beiden Stränge schließlich miteinander verknüpft, entwickelt "Borchert und die letzte Hoffnung" eine Spannung ganz anderer Art, zumal sich rausstellt, dass sich Schneider auf ein Pokerspiel mit dem Tod eingelassen hat; und plötzlich ist Borcherts Gegenspieler nicht mehr der Neurologe Hoffer, sondern ein Pharmakonzern, der offenbar keine Skrupel hat, ihn aus dem Weg zu räumen.

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