Unicef: Schulen zunehmend Ziel von Angriffen

Hilfsorganisation fordert mehr Mittel für Bildungsprogramme in Krisengebieten
Jeder Euro, der in die Bildung von Kindern gesteckt wird, zahlt sich nach Ansicht von Unicef in der Zukunft aus. Dies gelte vor allem für Kinder und Jugendliche in Krisenstaaten.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) hat von der Staatengemeinschaft mehr Mittel zur Finanzierung von Schulen und Bildungseinrichtungen in Konflikt- und Krisenländern gefordert. Lernangebote seien Teil der lebenswichtigen Grundversorgung in humanitären Krisen, sagte der Vorsitzende von Unicef-Deutschland, Jürgen Heraeus, am Freitag in Berlin bei der Vorstellung des diesjährigen Unicef-Reports.

Bis heute seien Bildungsprogramme im Rahmen der humanitären Hilfe weltweit stark unterfinanziert. Demnach betragen die Ausgaben für Bildung durchschnittlich nur 3,6 Prozent der Gesamtausgaben bei der humanitären Hilfe.

Unicef-Schirmherrin Elke Büdenbender sagte, Bildung sei ein wichtiger Rohstoff, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes zu fördern. "Gerade in Krisenländern müssen Schulen und psychosoziale Hilfsangebote die Widerstandskraft der Kinder stärken", unterstrich die Gattin des Bundespräsidenten.

Schule Schutz vor Frühehen, Ausbeutung und Rekrutierung

Schule sei in Krisensituationen mehr als ein Ort zum Lernen, heißt es in dem Unicef-Bericht. Unterricht gebe Mädchen und Jungen durch einen geregelten Alltag auch Halt und Sicherheit. "Durch psychosoziale Betreuung werden Kinder dabei unterstützt, schlimme Erlebnisse zu verarbeiten." Schule sei darüber hinaus der beste Schutz für Kinder vor Frühehen, Ausbeutung oder Rekrutierung, so das Kinderhilfswerk.

Wegen der wachsenden Zahl von langanhaltenden und neuen humanitären Krisen hätten Millionen von Mädchen und Jungen keine Chance auf Bildung. Angriffe auf Schulen gehörten in Konfliktgebieten rund um die Welt inzwischen zum Alltag. So gehen derzeit allein in 24 Konfliktländern laut Unicef rund 27 Millionen Kinder zwischen sechs und 14 Jahren nicht zur Schule. Gründe sind gefährliche Schulwege, Flucht und Vertreibung, fehlende Lehrer, zerstörte Schulen oder wirtschaftliche Not.

Insgesamt haben aktuell weltweit 264 Millionen Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu Schulen, 123 Millionen von ihnen sind im Alter zwischen 6 und 14 Jahren. Der Jahresreport des UN-Kinderhilfswerks umfasst zahlreiche Daten zur Situation von Kindern weltweit und steht unter der Überschrift "Chance auf Bildung".

Danach schließen nur 83 Prozent der eingeschulten Mädchen und Jungen eine Grundschule auch ab. 130 Millionen Kinder können auch nach Abschluss der Grundschule nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen. Einen Schwerpunkt legt Unicef auf die frühkindliche Entwicklung. Derzeit erhalten den Angaben zufolge 43 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht die Ernährung, den Schutz und die Stimulation, die sie für eine gesunde Entwicklung brauchen. Rund die Hälfte der Kinder, die nicht zur Schule gehen, lebt in Subsahara-Afrika. Mädchen aus armen Familien in ländlichen Regionen haben gewöhnlich die schlechtesten Chancen.

Laut Unicef wurden beispielsweise in der Kasai-Region der Demokratischen Republik Kongo im vergangenen Jahr 400 Schulen angegriffen. Im Jemen wurden mindestens 1.600 Schulen ganz oder teilweise zerstört. Im Nordosten von Nigeria betrifft dies rund 1.400 Schulen, bedingt durch die Gewalt der Terrormiliz Boko Haram. Außerdem wurden dort seit 2009 rund 2.300 Lehrer getötet und 19.000 weitere vertrieben. In Syrien ist den Angaben zufolge rund jede dritte Schule außer Betrieb, weil zerstört, beschädigt oder zweckentfremdet. Im Osten der Ukraine ist nach mehr als drei Jahren Konflikt jede fünfte Schule zerstört oder beschädigt.

Heraeus betonte, für jedes zusätzliche durch junge Menschen abgeschlossene Schuljahr sinke die Armutsrate in einem Land um neun Prozent. Wenn Mädchen länger zur Schule gingen, heirateten sie durchschnittlich später und bekämen weniger Kinder, heißt es bei Unicef weiter: "Wenn sie Kinder bekommen, sind diese gesünder und gehen mit größerer Wahrscheinlichkeit später ebenfalls zur Schule."